Feuerwerk der Gefühle verbrennt alle Hoffnungen

Von: Sabine Rother
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Annäherung im Tanz: Charlotte (Theresa Berlage) und Otto (Ulrich Gall). Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Sie spielen mit dem Feuer – und das ist nur eines von zahlreichen brisanten Bildern, die das Schauspiel „Wahlverwandtschaften“ nach dem gleichnamigen Roman von Johann Wolfgang von Goethe wie ein Netzwerk durchdringen, in dem sich die handelnden, denkenden und fühlenden Gestalten hilflos verfangen.

Regisseur Jens Pesel inszenierte für das Grenzlandtheater Aachen diesen komplizierten Denker-Stoff mit leichter und erfahrener Hand. Es gelingt ihm, die von Goethe zur Diskussion gestellten Fragen in ihrem Facettenreichtum spielbar aufzubereiten. In 90 Minuten (ohne Pause) spannt er einerseits einen tragfähigen Handlungsbogen und sorgt andererseits mit witzigen, kleinen – vielleicht nicht immer notwendigen – Aktionen dafür, dass das Publikum nicht ermüdet. Da wird eine lange raschelnde Blättergirlande durch die Reihen gereicht, klettert ein Darsteller halsbrecherisch über die Bänke und stimmen schließlich alle, unterstützt vom zuvor verteilten Zettel, in den Chor „Freude schöner Götterfunken“ ein.

Doch wie in so vielen Andeutungen des Werkes, die man selbst im Roman oft erst später erkennt, steckt darin eine wichtige Aussage: Erinnerung an den Tod Friedrich Schillers 1805, der Goethe schwer traf und dessen Gedicht „An die Freude“ Ludwig van Beethoven in seiner Neunten Sinfonie aufnahm. So ist nichts zufällig, was im Stück „Wahlverwandtschaften“ gesagt und getan oder gesungen wird.

Geschickt das „Stück im Stück“: Beginn ist in der Jetztzeit. Ein genervtes modernes Paar – Adrian Linke, später Eduard, und Theresa Berlage (Charlotte) – pflegt einen Literaturkreis mit Freunden – Ulrich Gall (Otto), Julia Hoff-staedter (Ottilie). Studienobjekt der vier ist Goethes Text. Und damit alles ein bisschen flotter wird, beschließen sie, die tragische Geschichte zweier Paare nachzuspielen, die sich im Dschungel von Liebe, Leidenschaft, Moral und Konvention verirren.

Dieser Kunstgriff ermöglicht es Pesel, immer wieder kleine Pausen einzubauen, für einen Moment den rasanten Gang der Handlung zu stoppen und gemeinsam mit den Gegenwartsmenschen auf der Bühne über den Gehalt nachzudenken. Hier hat Bühnenbildner Siegfried E. Mayer einen luftigen Raum für Imagination und Improvisation geschaffen. Unspektakuläre Sitzmöbel, eine Art Wandregal und eine raumvergrößernde vieldeutige Spiegelfläche genügen, um das gesamte Geschehen aufzunehmen. Denn was passiert, findet in Köpfen und Herzen statt.

Das Drama nimmt seinen Lauf. Die Handlung scheint schlicht. Das nicht mehr junge Paar Eduard und Charlotte, dessen Ehe nach früherer Verliebtheit erst geschlossen werden konnte, als beide von ihren Zwangsehen befreit waren, lebt abgeschieden auf dem Lande. Die frühere Liebe ist einer eher besonnenen Zuneigung füreinander gewichen. Als die junge, zarte, psychisch labile Nichte Ottilie und Eduards zupackender Freund Otto auf das Gut kommen, ändert sich alles. Eduard entflammt in romantischer Leidenschaft für Ottilie. Auch Charlotte und Otto sind einander nicht gleichgültig, zwingen sich aber in eine quälerische Abstinenz. Pesel legt in sorgfältiger, oft angenehm verlangsamter Figurenführung die jeweiligen Charaktere, Gedanken und Motive frei.

Adrian Linke beeindruckt im Wandel vom arrogant-beherrschten, drahtigen Gutsherrn zum dahinschmelzenden geschmeidigen Verliebten, bei dem sich lange unterdrückte Emotionen Bahn brechen. Theresa Berlage analysiert als Charlotte messerscharf was geschieht und bewegt sich in den schön schlicht geschnittenen Kleidern (auch Kostüme Siegfried E. Mayer) sicher und makellos. Umso heftiger ist ihre Fassungslosigkeit, als sie feststellen muss, dass sie die Situation nicht mehr beherrschen kann. Ulrich Gall ist als Otto hilflos der Liebe ausgesetzt, die ihn aus dem Gleichgewicht bringt. Schön, wie aus dem rationalen, zielstrebigen Planer ein Mann wird, der den Boden unter den Füßen verliert. Und Ottilie? Julia Hoffstaedter gibt ihr jenen die Leidenschaft anfachenden Unschuldszauber, der Eduard verstehen lässt, was seinem Leben bisher fehlte. Sie verkörpert später unwiderruflich das tiefgründige Scheitern.

Es ist eine reife Leistung, jene späte Versuchsanordnung (der Roman erschien 1809) lebendig umzusetzen, in der Goethe moralische Vorstellungen, Gedanken zu Liebe und Ehe, aber auch gesellschaftlich zwingende Normen zur Diskussion stellt. Langeweile gibt es nicht – ein Feuerwerk der Gefühle und viel Stoff zum Nachdenken. Herzlicher Applaus.

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