Festival Francofolies: Hier sind sogar Fotografen auf der Bühne

Von: Andreas Herkens
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Lieferte bei den Francofolies in Spa eine spektakuläre Vorstellung ab: Cali. Der charismatische französische Star holte unter anderem die Fotografen aus dem Fotograben zu sich auf die Bühne. Seine Show war eines der absoluten Highlights des Festivals. Foto: Gertrud Herkens
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Eine feste Größe: Auch Benjamin Biolay präsentierte sich in Spa – mit einem kraftvollen Auftritt. Foto: Gertrud Herkens

Spa. Die langen Haarsträhnen kleben im verschwitzten Gesicht. Aber der Mann lächelt, ist glücklich. Er winkt und verbeugt sich. Immer wieder. Irgendwie hat man den Eindruck, er möchte am liebsten gar nicht von der Bühne runter und sucht hartnäckig nach einem Grund, noch nicht gehen zu müssen. Kein Wunder, der Jubel ist groß.

Auch das ist kein Wunder, denn die Zuschauer haben gerade ein fast zweistündiges furioses Konzert bei den Francofolies in Spa gesehen, über das man noch lange reden wird.

Fünf Tage lang war der kleine belgische Badeort, nur rund 50 Kilometer von Aachen entfernt, wieder im Ausnahmezustand. Nur 10.000 Einwohner hat er, die Veranstalter des Festivals der – größtenteils – französischsprachigen Popmusik verkündeten am Ende 180.000 Besucher. Wahrlich angemessen für das diesjährige Jubiläum: 20 Jahre Francofolies, das wurde gefeiert.

Atemberaubende Situationen

Wenn man die Beschreibung „spektakulär“ in vier Buchstaben fassen wollte, dann müssten sie heißen: Cali. Es gibt viele gute Auftritte auf den sechs Bühnen bei den Francofolies in diesem Jahr, aber seiner hat den berühmten Tick mehr. Ungemein leidenschaftlich, aufregend – spektakulär halt. Der 45-jährige Sänger, geboren im südfranzösischen Perpignan, ist dabei ständig für Überraschungen gut. Er holt die Fotografen aus dem Graben auf die Bühne, später eine Zuschauerin, die auf einmal singen soll und es auch versucht, schließlich noch Kinder.

Er knuddelt jeden, der greifbar ist. Springt zweimal ins Publikum und lässt sich von den Fans über den Köpfen auf Händen weit in die brodelnde Menge hinaustragen. Atemberaubende Situationen zu rockenden Songs. Der charismatische Mann mit den im Gesicht klebenden Haaren singt französisch. Aber das erscheint hier völlig nebensächlich, er hat einfach internationales Format.

Was für die französischsprachige Popmusik heute im Allgemeinen gilt. Die Szene ist sehr lebendig, enorm vielseitig und innovativ. Das Vorurteil vom verstaubten Chanson zieht schon lange nicht mehr. Das demonstrieren die Francofolies einmal mehr eindrucksvoll.

Benjamin Biolay, eine treibende Kraft, wenn nicht die treibende Kraft dieser Erneuerung, tritt am frühen Abend auf – und zwar nicht auf der Hauptbühne. Er zeigt mit seiner fünfköpfigen Band in der Abendsonne nachdrücklich, wo er heute in dieser Szene steht: sehr kraftvoll, mit krachenden Riffs, viel Elektronik, sattem Funk, luftigen Diskosounds und nur wenigen ruhigen Tönen. Auch eine technische Panne zu Beginn kann ihn nicht aus der Bahn werfen.

Voller Kontraste

Die fünf Tage in Spa stecken voller Kontraste. Da ist etwa Altmeister Julien Clerc, der mit zwei Flügeln eine eher traditionelle Chanson-Vorstellung bietet und auch bestens ankommt. Da ist der von Mädchen-Gekreische begrüßte Hip-Hopper Orelsan, da ist die Mitsing-Rock’n’Roll-Band Superbus, da ist Pascal Obispo mit seinem breitenwirksamen Poprock auf dem völlig überfüllten Rathausplatz auf der Hauptbühne, da ist die temperamentvolle Olivia Ruiz, die am Eröffnungstag im kurzen schwarzen Fransenkleid mit ihrer Band ein musikalisches Feuerwerk abbrennt – von druckvollem Rock über Elektropop und Varietéartiges bis hin zu Versponnenem. Da sind am Schlusstag der mehrsprachige Schweizer Stephan Eicher und die mitreißende belgische Folkpop-Formation Suarez. Allesamt Stars.

Natasha St Pier, eine Größe in Frankreich, ein Superstar im heimischen Kanada, muss auf einer kleinen Nebenbühne auftreten. Keine glückliche Wahl. Denn viele Menschen wollen sie sehen, drängen sich auf dem nicht gerade großen Terrain. Und die Musik – Natasha St Pier lässt sich nur von einem Pianisten begleiten – ist in hinteren Bereichen kaum zu verstehen, viel zu leise. Schade.

Allerdings sind es gerade auch die kleinen Bühnen, wo man reizvolle Entdeckungen machen kann. Beispielsweise Barcella. Der Sänger und Gitarrist aus Reims liefert mit seiner Band vor kleinem Publikum einen Klasse-Auftritt ab. Der sprüht nur so vor Freude an der Musik. Der 32-Jährige nimmt sich sogar einen Hocker, stellt sich mitten unter die Leute und singt von dort. Am Ende haben weder er, noch seine Musiker, noch die Zuschauer wirklich Lust auf einen Schlussakkord, während nur ein paar Meter weiter auf einer anderen Bühne schon das nächste Programm losgeht.

Das ist sie eben, diese Vielseitigkeit, die die Szene und auch ein Festival wie die Francofolies in Spa auszeichnet. Und an der herrschte in diesem Jahr nun wirklich kein Mangel…

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