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Fest an Farben und Emotionen

Von: Armin Kaumanns
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Grandios in jeder Hinsicht: „L
Grandios in jeder Hinsicht: „La Bohème” in der Düsseldorfer Rheinoper. Nataliya Kovalova (Mimì) und Giuseppe Varano (Rodolfo) singen und spielen in einem wunderbaren Bühnenbild. Foto: Hans-Jörg Michel

Düsseldorf. Man will die Nase rümpfen. Da eröffnet die Deutsche Oper am Rhein in der reichen Landeshauptstadt Düsseldorf die Spielzeit mit einer „Bohème”, die seit mehr als zehn Jahren an der Vlaamse Opera Antwerpen, eingebettet in den legendären Puccini-Zyklus des Regisseurs Robert Carsen, zu sehen ist.

Man wittert Sparsamkeit, argwöhnt, Düsseldorf wollte auch mal wieder einen echten Carsen haben, wo nebenan die Kölner seinen „Ring” gerade nach China exportieren.

Nach der Premiere jedoch, eigentlich schon, wenn im ersten Bild zum Auftritt Mimis aus dem Graben Puccinis Musik in der atemberaubend emphatischen Auslegung von Giordano Bellincampi und den Düsseldorfer Sinfonikern die Welt zum Stillstand bringt, sind solche Mäkeleien Makulatur.

Das Düsseldorfer Publikum bequemt sich zu Ovationen. Eindruck machen natürlich schöne, teils exzellente Stimmen. Die frappierende Erkenntnis dieses „Bohème”-Abends ist jedoch, wie wunderbar zu Herz und Hirn gehend ein exzellentes Regie-Team so einen abgedudelten Opern-Blockbuster wiederbeleben kann. Man sitzt und staunt, denn alles sieht so einfach aus.

Wie hingegossen

Wie hingegossen in die Leere des Bühnenhauses wirkt das winterliche Weiß aus unbeschriebenem Papier, aus dem sich die Studentenbude der Bohemiens klar umrissen abgrenzt. Ins enge Geviert inmitten der Bühnenschräge führen eine Stiege aus dem Boden und ein skurril endloses Ofenrohr bis in den Himmel.

Zwischen Tisch, Bett und Staffelei trotzen vier Künstler der Armut, bringen das Elend zum Tanzen. Und als später Mimi mit ihren kalten Händchen ihren Rudolfo bezirzt, reicht ein kleiner, sanft rötlich tönender Scheinwerfer, die Szenerie um den armen Poeten in pure Bühnen-Poesie zu verwandeln.

An dieser Bohème haben eben ganz außergewöhnlich begabte Künstlerpersönlichkeiten zusammengearbeitet. Zu Robert Carsen, dessen hohe musikalische Sensibilität und Liebe zum Werk Puccinis aus jedem Augenblick sprechen, gesellen sich der großartige Jean Kalman fürs Licht und Michael Levine für die Ausstattung. Beides international inzwischen mit Preisen überhäufte Figuren, die Grandioses schaffen können. Größten Effekt macht die Narzissenwiese des Schlussbildes, das den bittersüßen Tod Mimis in frühlingshaftes Gelb taucht und das Bühnenkonzept des Anfangs ebenso zitiert wie das dunkle dritte Bild, in dem ein gelbes Kneipenfenster ins Schwarz der Nacht leuchtet.

Einzig der zweite Akt fällt aus dem Rahmen. Hier tummeln sich in opulenter Kostümorgie Chor, Kinderchor und Statisterie um die Protagonisten. Und als Musetta ihren Marcello mit ihrem Gesang verführt, artet die Fete im Quartier Latin zu einer wirklichen Orgie aus: Alles fällt liebestrunken übereinander her, diverse nackte Popos inklusive.

Am ehesten Tenor Guiseppe Varano in der großen Rodolfo-Partie kann nicht ganz an das großartige schauspielerische Niveau seiner Kollegen anknüpfen, das die Figuren natürlich erscheinen lässt. Aber seine wunderbar strahlenden Spitzentöne entschädigen für manche Steifheit. Herrlich singt Nataliya Kovalova die Mimi, das ist ein Fest an Farben und Emotionen. Im ziemlich jungen Ensemble gestaltet Iulia Elena Surdu ein respektables Debüt als Musetta; Laimonas Pautienius überzeugt als Marcello. Man genießt die sehr gut gearbeiteten Ensembles, zu denen Richard Sveda (Schaunard) und Adrian Sâmpetrean (Colline) das Ihrige dazutun.
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