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Ferien von Deep Purple: Rocksänger Ian Gillan im Alleingang

Von: Martin Bensley, dpa
Letzte Aktualisierung:
Ian Gillan
Deep Purple-Sänger Ian Gillan hat es nicht einfach. Wenn er ein Solo-Album herausbringt, wird das Werk zwangsläufig mit 40 Jahren Rockgeschichte verglichen, die er mit einer der erfolgreichsten britischen Bands aller Zeiten hingelegt hat. Auf seiner neuen CD "One Eye to Morocco" - Gillans erste Studio-Alleingang mit frischem Material seit über zehn Jahren - ist ganz wenig zu spüren von dem kraftvollem Purple Sound, der immer noch als Blaupause des Heavy-Rock gilt. Foto: dpa

Hamburg. Deep Purple-Sänger Ian Gillan hat es nicht leicht. Wenn er ein Solo-Album herausbringt, wird das Werk zwangsläufig mit 40 Jahren Rockgeschichte verglichen, die er mit einer der erfolgreichsten britischen Bands aller Zeiten hingelegt hat.

Das Problem kennen ja viele Rockstars, und mal ehrlich, wer mag die Soloplatten von Mick Jagger oder Paul McCartney lieber als die von den Rolling Stones oder den Beatles?

Auf seiner neuen CD „One Eye to Morocco” - Gillans erster Studioalleingang mit frischem Material seit über zehn Jahren - ist ganz wenig zu spüren von dem kraftvollem Purple Sound, der immer noch als Blaupause des Heavy-Rock gilt. Der Altmeister gibt sich ordentlich Mühe, aber musikalisch gesehen hat dieser Mann seine Schäfchen längst ins Trockene gebracht. Er muss niemandem etwas beweisen, und deshalb sucht man Klassiker vom Rang eines „Smoke on The Water” vergebens. Hier geht es nachdenklicher und ganz ohne ergreifende Gitarrensoli zu.

Wie so oft in seiner langen Karriere gönnt sich Gillan (63) eine Auszeit von seiner Hauptband Deep Purple und verlässt die ausgetretenen Pfade des Hardrocks. Er versucht es mit bluesigen, souligen und leiseren Klängen. Einige Lieder auf „Morocco” enthalten sogar poppige und elektronische Elemente, während es hier und da ein wenig orientalisch klingt..

Der Albumtitel hat aber nichts mit der Sahara zu tun und geht auf eine polnische Redewendung zurück, die in diesem Zusammenhang so etwas wie Urlaub vom musikalischen Alltag bedeutet. Immerhin zog Deep Purple im vergangenen Jahr durch 48 Länder. „Eigentlich bin ich ein ziemlich schüchterner Typ, der nur in der Menge mitgerissen wird. Mit Deep Purple tobe ich mich aus, während ich als Soloartist mehr in die Tiefe gehen kann”, sagte Gillan während eines Besuchs in Hamburg.

„Die Idee für dieses Album kam während einer Verschnaufpause in London. Ich hatte 38 Lieder entweder fertig oder in der Mache und mein Manager meint, jetzt können wir daraus eine neue Platte zusammenstellen. Ich schreibe andauernd neue Lieder, denn es macht mir einfach Spaß.”

Im Gespräch ist Gillan, der seit Jahren im idyllischen Badeort Lyme Regis an der englischen Südküste residiert, ein echter Gentleman des Rock-Genres. Angenehm und unaufdringlich erzählt er ebenso gerne von seiner „Erziehung” in den Insel-Pubs der 60er Jahre wie von seiner Leidenschaft für die anspruchsvollen kryptischen Kreuzworträtsel der Times, „eine tägliche Übung”. Die Rede ist auch von einem unvollendeten Roman, der noch in der Schublade liegt. Der Deep Purple-Sänger hätte auch nichts dagegen, von der Queen als „Sir” geadelt zu werden, zweifelt jedoch, ob es je dazu kommen wird.

Das neue - nach Gillans Angaben - „abenteuerlustige Album” stellt eine eher respektable Leistung mit Rockmusik der alten Schule da. Das Werk hat durchaus Format, auch wenn der Biss im Vergleich zu Gillans fulminanter Live-Scheibe „Live in Anaheim” (2008) fehlt. Dennoch wird kaum ein Fan von Deep Purple darauf verzichten wollen. Überzeugend auf der ganzen Linie ist Gillans markante Stimme, die er hier viel effektiver einsetzen kann, ohne ständig gegen eine Wand aus Gitarren anschreien zu müssen.

Dank der erfahrenden Truppe um den Gitarristen Micheal Lee Jackson und den Bassisten Rodney Appleby, die beide auf „Live in Anaheim” gastierten, sind die Songs klanglich perfekt in Szene gesetzt. Das Album bietet eine reife Mischung, mit einer Ballade als Titelsong, die durchaus das Zeug zum Ohrwurm hat. Auf „Dont Stop”, und „Girl Goes To Show” offenbart Gillan seine Affinität zu Ray Charles und James Brown, während „Ultimate Groove” und das herrlich nostalgische „Always the Traveller” mit der Hammond-Orgel und einem schönen Saxophon-Solo einfach gut gemachte Musikstücke sind.

Keiner wird diese LP in seiner Sammlung gegen „Deep Purple in Rock” oder „Machine Head” austauschen wollen, aber „Morocco” ist Gillans eher unterbewertetem Solo-Album „Dreamcatcher” aus dem Jahre 1997 durchaus ebenbürtig.
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