Feinfühlige Blicke in zwielichtige Kneipen

Von: Eckhard Hoog
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Blick in die Restaurierungswer
Blick in die Restaurierungswerkstatt des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums: Museumsdirektor Peter van den Brink und die Kuratorinnen Sylvia Böhmer (Mitte) und Sarvenaz Ayooghi untersuchen den Malstil des Haarlemer Malers Cornelis Bega (1631/32- 1664). Am 14. März wird das Ausstellungsereignis des Jahres im Suermondt-Ludwig-Museum eröffnet, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das Mädchen scheint von besserer Herkunft zu sein - zumindest besser als ihre männliche Kneipenbekanntschaft. Ihr Kleid ist aus gutem Tuch genäht; beinahe elegant und wohldrapiert fällt der Faltenwurf ihrer feinen Garderobe. Die spitzen Finger, mit denen sie das gefüllte Weinglas hält, weisen sie als noble, junge Dame aus, die sich zu benehmen weiß.

Allein ihr Begleiter, der will mit seinem Gebaren nicht so recht zu ihr passen: Der pinkelt nämlich gegen die Wand - gleich neben ihr. Völlig ungeniert! Ganz schön raue Sitten...

Aber wir befinden uns ja auch in der Mitte des 17. Jahrhunderts, in Nordholland - genauer: in Haarlem. Hier sorgt ein junger Maler, kaum mehr als 26 Jahre alt, mit zum Teil drastischen Szenen wie dieser für Aufsehen. Seine Bilder verkaufen sich bestens, beim bürgerlich gutgestellten Publikum sind sie der Hit. Man liebt die unerhört meisterhafte, grazile Art, mit der er noch die feinsten, allerkleinsten Details einer Szene festhält.

Und heute? 350 Jahre später ist dieser Cornelis Bega kaum mehr als nur Experten bekannt, obgleich seine Werke in allen großen Museen der Welt zu finden sind - vom Louvre in Paris bis zum J. Paul Getty Museum in Los Angeles.

Bega, das in Vergessenheit geratene Malgenie . . . Besser könnte die Ausgangslage gar nicht sein für einen Mann, der seit einigen Jahren immer wieder im März die Kunstwelt verblüfft mit einer Neuentdeckung: Peter van den Brink, Direktor des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums.

„Einer der Besten”

Mit Willem Kalf, Jacob Backer, Hans von Aachen und zuletzt Joos van Cleve präsentierte er in seinem Haus - jeweils zeitgleich zur Kunstmesse Tefaf in Maastricht - Erstausstellungen von Künstlern, die vor Jahrhunderten bereits für Furore sorgten und aus den verschiedensten Gründen in der historischen Versenkung verschwanden. Zu Unrecht, wie van den Brink meint; und mit Bega will er wieder einmal den schlagenden Beweis dafür liefern. Dabei stimmt er mit dem Urteil eines der besten Kenner der niederländischen Szene, dem Künstlerbiografen Arnold Houbraken (1698-1780) völlig überein. Der schrieb noch 1718 über Bega: „Seine Malkunst, als eine der besten unter denen seiner Zeit, beehrt die angesehendsten Kunstkabinette der Niederlande.” In Houbrakens Ranking rangierte Bega unter den besten 17 der Niederlande.

Und wieder einmal ist Detektivarbeit angesagt, ehe die Ausstellung am 14. März feierlich eröffnet werden kann. Seit 2008 bereits erforscht die Ausstellungskuratorin Sylvia Böhmer, wo sich die Werke Begas überhaupt befinden. „Sie sind in alle Welt verstreut”, sagt sie. Und das kann man wörtlich nehmen: Eine Zeichnung konnte zuletzt im Museum von Adelaide aufgespürt werden - in Südaustralien. 1996 wurde sie bei Sothebys in London versteigert.

Das ganze Team des Suermondt-Ludwig-Museums ist im Einsatz, um diese erste Einzelausstellung des Cornelis Bega, 348 Jahre nach dessen Tod, vorzubereiten. Verstärkung bekommt die Mannschaft durch die junge Kunsthistorikerin Sarvenaz Ayooghi.

Zentimeter über der Holztafel richtet Ulrike Villwock eine Speziallampe auf ein Bild, das Bega im Jahr 1663 geschaffen hat: „Besuch bei einer Bauernfamilie”. „Es ist faszinierend”, sagt die erfahrene Restauratorin. „Zunächst sieht es so aus, als handele es sich um Feinmalerei. Doch tatsächlich lässt sich unter der Lupe sehr genau der schnelle Malstrich erkennen.” Feinmalerei, das war zu jener Zeit der typische Stil Leidener Meister, zum Beispiel eines Frans van Mieris oder Gerard Dou, die mit Engelsgeduld minutiös eine überbordende Detailfülle in ihren Bildern unterbrachten. „Die schafften aber auch nur sechs pro Jahr”, erklärt van den Brink, Spezialist für niederländische Malerei. Und wie viele malte Bega mit seinem schnellen Strich, der dabei die gleichen Ergebnisse erzielte wie seine bedächtigeren Kollegen? Van den Brink lächelt: „Eines in zwei Wochen.”

Drei Werke Begas werden in der Restaurierungswerkstatt des Museums gerade eingehend auf die Maltechnik hin untersucht, eins davon gehört dem Hause selbst: Der „Besuch bei einer Bauernfamilie” konnte 2005 auf der Tefaf in Maastricht erworben werden.

Die Detailfülle und die Themen, sie waren bei der Leidener Feinmalerschule und Bega die gleichen. „Man könnte sagen, sie lagen im Trend der Zeit”, meint die Ausstellungskuratorin.

Dralle Bauern in zwielichtigen Kneipen, betrunkene, rauchende Gestalten in dunklen Spelunken, aber auch musizierende Straßenkünstler, bäuerliche Szenen mit gutgenährten Müttern und Babys, fröhlich Feiernde, deren Ausgelassenheit durchaus auch gerne in Pinkelszenen münden, Alchimisten und Quacksalber, die an der Farbe des Urins die Krankheit erkennen - das sind die Bilder, die in jenen Jahren des 17. Jahrhunderts das kunstsinnige Bürgertum erfreuen, detailreich bis ins Allerfeinste. Cornelis Bega erfüllt die Wünsche seiner Kundschaft mit meisterlicher und schneller Hand zugleich. 75 Gulden konnte so ein Bild kosten, das war immerhin mehr, als man für eine Kuh ausgeben musste.

Worin aber lag für durchaus betuchte Bürger vor allem im Frankreich des 18. Jahrhunderts die Attraktivität des so dargestellten einfachen, urtümlichen Lebens auf dem Lande? „Vielleicht kann man es mit bestimmten Fernsehsendungen unserer Tage vergleichen,” meint van den Brink. Schlechtes Benehmen wird zur Schau gestellt, das „Prekariat”, wie man es heute nennt, amüsiert und erkennt sich wieder, und die Intellektuellen echauffieren sich oder rümpfen zumindest die Nase über das schlechte Benehmen. Gleichviel: Das Genre findet weithin Beachtung.

Doch Cornelis Bega stellt seine Figuren nicht einfach bloß - und darin ist sich das Team des Suermondt-Ludwig-Museums mittlerweile einig: Selbst den Quacksalber oder den pinkelnden Mann, den Besoffenen oder das leichte Mädchen - er betrachtet sie mit Milde, zeigt ein Herz für die einfachen Menschen und macht sie niemals lächerlich. Bega malt den Bauern mit seinen schlechten Manieren ebenso mit Würde wie den Alchimisten, der sonst üblicherweise als Witzfigur eines geldgierigen Pseudowissenschaftlers dargestellt wird. „Bega ist auf diese Weise einzigartig”, stellt Peter van den Brink fest. „Und das macht ihn so spannend.” Und sein Malstil selbstverständlich: Mitunter versammelt Bega vom Teppich über kostbare Seide, Keramik, Glas, Holz und Porzellan alle nur erdenklichen Materialien und Gegenstände des Alltags in einem einzigen Bild, so als wollte er demonstrieren: „Seht her, all das kann ich malen - mühelos.”

„Eleganz und raue Sitten”

Raue Sitten, elegant gemalt. Beziehungsweise: „Eleganz und raue Sitten” - unter diesem Titel wird die Ausstellung vom 15. März bis zum 10. Juni präsentiert, im Anschluss vom 1. Juli bis zum 2. Oktober in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.

Über Begas Leben weiß man indessen kaum etwas. Er stammt aus gutem Hause, ist der Enkel eines berühmten Malers, der Sohn eines angesehenen Goldschmieds; der Familie geht es gut. Das Handwerk lernt der junge Bega bei Adriaen van Ostade (1610-1684) in Haarlem, 1654 wird er in die dortige Lukasgilde aufgenommen. Bereits im Alter von 32 Jahren stirbt Cornelis Bega. An der Pest. Vermutlich hat er sich bei seiner Freundin angesteckt.
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