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Ewald Mataré: Auf Suche nach Urformen der Schöpfung

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Tierskulpturen aus reduzierten, abstrahierten Formen stehen im Zentrum seines Werks: Zum 125. Geburtstag des Aachener Künstlers Ewald Mataré (1887-1965), der seinen Schüler Joseph Beuys entscheidend geprägt hat, widmet die Sammlung Kunst aus NRW in der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster bis zum 24. Februar eine Ausstellung. Zusammengestellt haben die Schau Maria Engels und Adam C. Oellers. Foto: Heike Lachmann

Kornelimünster. Er war einer der größten Künstler, die das Rheinland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat: Ewald Mataré, 1887 geboren in Aachen, 1965 gestorben in Meerbusch-Büderich. Die Sammlung Kunst aus NRW in der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster widmet ihm jetzt zu seinem 125. Geburtstag (25. Februar) eine große Ausstellung mit insgesamt 80 Werken.

Die Initiative dazu stammt vom Verein Mies van der Rohe-Haus Aachen e.V., der sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Werk bedeutender Aachener Künstler zu bewahren und weithin bekannt zu machen. Mit der landeseigenen Sammlung Kunst aus NRW in Kornelimünster steht in Aachen die einzige Ausstellungsmöglichkeit für Präsentationen der Klassischen Moderne in größerem Rahmen zur Verfügung – bekanntermaßen ist das Ludwig Forum der zeitgenössischen Kunst und das Suermondt-Ludwig-Museum den alten Meistern vorbehalten.

Vom Land gefördert

Aber auch die Reichsabtei ist mit ihrem Konzept beschränkt: auf solche Künstler, die in jungen Jahren durch Ankäufe vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert wurden. Ewald Mataré war in dieser Hinsicht eine Ausnahme: Als insgesamt neun Arbeiten ihren Platz in der NRW-Kollektion fanden, da war er bereits über 50: „Das war sicher auch als eine Wiedergutmachung gedacht“, meint Maria Engels, die Leiterin des Hauses.

Nach 1933 war Mataré als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie entlassen und als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt worden. Sechs der sammlungseigenen Werke Matarés bilden jetzt den Kern der Präsentation.

Die übrigen stammen aus dem Museum Kurhaus in Kleve, dem Matarés Tochter Sonja 1988 den gesamten Nachlass ihres Vaters zur Verfügung gestellt hat und das im Untertitel den Namen „Ewald-Mataré-Sammlung“ trägt.

Unzählige Arbeiten des Grafikers, Malers und Bildhauers, dem Aachen zuletzt 1987 zum 100. Geburtstag im Suermondt-Ludwig-Museum eine Ausstellung gewidmet hat, belegen mit liturgischem Gerät, Glasarbeiten wie dem Westfenster des Aachener Doms und dem monumentalen Südportal des Kölner Doms, wo dieser Künstler seine geistige Heimat hatte: in der Kirche.

Mitkurator Adam C. Oellers, Vorstandsmitglied des Vereins Mies van der Rohe-Haus und stellvertretender Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums, außerdem bester Mataré-Kenner, hat in zwei Räumen der Reichsabtei eine Fotodokumentation zum Aachener Kapitel im Oeuvre des Künstlers zusammengestellt.

Hier finden sich zum Beispiel Abbildungen des Westfensters aus dem Aachener Dom ebenso wie die der Glasfenster des Krönungssaals im Rathaus, von dessen bronzenem Hauptportal und der kupfergetriebenen Tür des Nordturms, beide zwischen 1962 und 1964 entstanden.

Die Plastiken bilden das Zen-trum der Mataréschen Kunst, wobei ihnen zumeist als eine Art künstlerischer Selbstvergewisserung Holzschnitt-Studien vorausgingen. In vollkommener Beschränkung auf das Wesentliche, unter Vernachlässigung des Augenblicks und des Singulären der Erscheinung schuf Mataré, auf der Suche nach Urformen der Schöpfung, Tierplastiken von großer Geschlossenheit und Dichte.

Die Figuren wirken wie Zeichen. Die Summe des Einzelnen wurde unter seiner Hand zum Symbol, das mehr zu ertasten als schauend zu begreifen ist. „Auch ein Blinder kann eine Plastik genießen – oder es ist keine“, pflegte der Meister sein Verständnis von rechter Bildhauerei zu formulieren.

Hineingeboren in den Expressionismus, suchte er ihn früh zu überwinden. Seine reduzierten Pferde und Kühe jedenfalls entsprangen schnell jeglicher Landschaft und hätten in die Umgebung eines Blauen Reiters nicht mehr gepasst. Und das Material war für ihn wichtig – Holz vor allem und Bronze –, das er perfekt zu bearbeiten wusste.

Tiere, Menschen, Landschaften, Holzschnitte, Aquarelle und Plastiken belegen die ureigene Handschrift Matarés, der stets auf das Zeichenhafte und eine feste Form abzielte. Selbst Landschaften faltete er auf seinem immer konsequenter begangenen Weg zur Ab-straktion zu universalen aquarellisierten Formen.

Mit der beständigen Suche nach allumfassenden Zeichen muss Mataré Joseph Beuys, seinen berühmtesten Schüler, entscheidend geprägt haben. Wenn Mataré einmal den Zweck seiner holzbildhauerischen Arbeit mit dem Satz „Ich will mir einen Fetisch machen“ zum Ausdruck brachte, dann wird deutlich, wo die Beuyssche Plastik, die selbst magisch wirken sollte, ihre Wurzeln hat.

Der in Kleve aufgewachsene Beuys war Mataré 1934 erstmals begegnet: bei der Einweihung dessen Ehrenmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Kleve, das 1938 über Nacht zerstört und entfernt wurde. 1977 tauchten die Fragmente der Skulptur zufällig bei Baggerarbeiten wieder auf. Beuys selbst kümmerte sich wie einige andere Mataré-Schüler um die Wiederherstellung. Heute befindet es sich in Kleve auf dem Kleinen Markt vor der Stiftskirche

Rasierspiegel an der Domtür

Nach dem Krieg arbeiteten beide am Südportal des Kölner Doms, wobei der Lehrer seinen Schüler offenbar mit größter Toleranz mitwirken ließ: Immerhin durfte Beuys seinen Rasierspiegel in die Türen einarbeiten. Als die Stadt Köln 1980 das 100-jährige Jubiläum der Vollendung des Doms mit einer Ausstellung feierte, sollte auch Beuys einen Beitrag dazu liefern. Der ging dann tatsächlich noch mal hin und stellte fest: Der Rasierspiegel war weg. So schickte er ein altes Foto von der Tür.

Damit schließt sich der Kreis zwischen Aachen, Köln und Kleve, wo soeben die Wiedereröffnung des erweiterten Museums Kurhaus mit einer Beuys-Schau „Mein Rasierspiegel“ gefeiert wird. Dessen alter Direktor Guido de Werd und neuer Chef Harald Kunde, ehemaliger Leiter des Ludwig Forums, haben die Mataré-Ausstellung mit ihren 72 Leihgaben in Kornelimünster erst möglich gemacht.

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