Entdeckungsreise zu den eigenen Wurzeln

Von: Günter H. Jekubzik
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Bei seinem Filmprojekt „Palermo Shooting” erinnerte er sich vor allem auch an seine Kindheit in Düsseldorf: Wim Wenders in Aachen im Gespräch mit unserer Zeitung. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Auf den internationalen Bühnen des Autorenkinos ist er seit Jahrzehnten der renommierteste deutsche Filmemacher. Man erkennt ihn im Fernsehen vor dem Hintergrund eines roten Teppichs in Cannes oder Venedig.

Aber im Aachener Pontviertel konnte Wim Wenders ungestört und unbemerkt zur Vorführung seines aktuellen Films „Palermo Shooting” (im Apollo) schreiten. Nur sein Publikum (er-)kennt ihn noch, es kam zahlreich zum Film - trotz Samstagabend und Frühlingsanfang.

Es war ein Abend der Rückkehr und des Rückblicks: Wenders kam gerade aus Düsseldorf, seine alte Heimat und auch Schauplatz der ersten Szenen von „Palermo Shooting”. Von dort führt eine Reihe von unerklärlichen Begegnungen und Ereignissen den Starfotografen Finn (Campino) nach Palermo, wo er dem Tod ins Auge blicken muss. Durch das Objektiv seines Fotoapparats und ganz leibhaftig.

Fan von Road-Movies

Die Reise, auf die der Road-Movie-Fan Wenders seinen Protagonisten schickt, war auch für den Regisseur und seinen Hauptdarsteller Campino eine persönliche Entdeckungsreise. Zu Beginn eines Films wisse er nie, wo dieser hinführe, meinte der Autor dazu. Er und auch Campino hätten sich eine Frage beantwortet. Das Thema, das Wenders vorher sehr beschäftigt habe, sei, dass „wir alle viel zu wenig Zeit für Dinge haben, die wirklich wichtig sind: leben, lesen, Musik hören...”

Dies sei auch der Hintergrund der deutlich spürbaren Momente der „Entschleunigung” im Film, etwa wenn der konstant überdrehte Finn sich plötzlich in einer traumhaft schwebenden Szene auf den Düsseldorfer Rheinwiesen wiederfindet. Die Rheinwiesen aus der Kindheit von Wenders sollten es sein, wurden es dann emotional auch, obwohl sich beim Suchen des idealen Drehortes genau die andere Rheinseite, die damals ohne Brücken am anderen Ufer in weiter Ferne lag, als richtig erwies.

Zurzeit lebt Wim Wenders nach einigen amerikanischen Jahren wieder unter dem „Himmel über Berlin”. Wie sehr „Palermo Shooting”, der erste deutsche Film von Wim Wenders nach heftigen Wechselbädern im Dunstkreis von Hollywood, seine Geschichte ist, muss man gar nicht mehr fragen. Weil er die Heimkehr aus den USA, die Suche nach neuen, echten Bildern, die auch der Fotograf Finn durchlebt, schon 1974 einmal in „Alice in den Städten” thematisierte.

Im Lauf der Zeit war Wim Wenders nun neun Mal im Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes vertreten, so oft wie kein anderer Regisseur. Er war dort auch Jury-Präsident wie in Venedig. Die Begegnung mit dem Publikum zeigt, er ist mittlerweile auch ohne Kamera ein exzellenter Erzähler, wobei der Tiefgang und die Ernsthaftigkeit seiner Gedanken das Wort Unterhaltung deplatziert wirken lassen.

Wenders warnte, nicht nur der Fotograf schieße seine Bilder, und der geheimnisvolle (von Dennis Hopper gespielte) Glatzkopf verschieße unsichtbare Pfeile. Auch der Film „schießt ins Publikum”. Bei vielen Gesprächsrunden mit den Zuschauern habe er sich als „interaktiver Film” erwiesen. Fast jedes Publikum sehe ihn anders, erlebe eine andere Geschichte.

Fangen diese Bilder nun das Leben ein oder das Sterben, wie es Godard über den Film gesagt hat? Oder gar den Tod selbst? Dies ist nur einer von vielen Zugängen, die der vielschichtige Film anbietet. Es gebe da auch die Liebe, die retten kann. Oder das wunderbare Fresko „Il Trionfo della Morte”, das als „Fernsehen” des 15. Jahrhunderts vom Sterben an der Pest erzählt, aber Wenders auch die nun zentrale Idee mit den Pfeilen lieferte, die den Fotografen Finn scheinbar aus dem Nichts immer wieder treffen.

All dies fand sich bei einer entschleunigten Recherche in Palermo, da Wenders sich erlaubte, den Förderungsgremien mal kein fertiges Drehbuch einzureichen. Die Filmstiftung NRW vertraute ihm auf diesem Weg spontan und unbürokratisch.

Nächster Film: Videoclip mit Campino und Birgit Minichmayr

Während das Publikum noch weiter über Fragen nachdenkt, die Wim Wenders´ jüngster Film stellt - „Palermo Shooting” läuft nach drei Monaten noch immer in den Kinos -, ist der Macher schon bei neuen Projekten.

In seinem nächsten Werk wird auch wieder Campino mitspielen: Für „Auflösen”, das neue Lied der toten Hosen, bei dem Campino im Duett singt mit der Schauspielerin Birgit Minichmayr, die gerade einen Silbernen Bären als beste Darstellerin bei der Berlinale erhielt, dreht Wenders gerade das Musikvideo.

Danach geht es in die Vergangenheit und die Zukunft: Ein Tanzfilm mit Stücken von Pina Bausch wird in 3D gedreht. Diese ganz neue Sichtweise des Visionärs soll im Herbst 2010 fertig gestellt sein.
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