Aachen - Einfach abhängen: Ist das die Lösung?

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Einfach abhängen: Ist das die Lösung?

Von: Eckhard Hoog
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Selbst Chuck Close ist im Rahmen der #MeToo-Debatte um sexuelle Übergriffe unter die moralischen Räder gekommen: Er hat Anzüglichkeiten gegenüber seinen Modellen zugegeben. Aber sollte man deshalb sein Porträt von Richard Serra (links) im Aachener Ludwig Forum abhängen? Forums-Direktor Andreas Beitin meint klar: „Nein!“ Auch Peter van den Brink hat unter dem Dach seines Suermondt-Ludwig-Museums durchaus Anstößiges untergebracht: zum Beispiel Paul Friedrich Meyerheims Gemälde „Die Wilden“ von 1873. „Kunst ist zum Diskutieren und zum Infragestellen da“, sagt der Museumsdirektor. Je provokativer, desto besser, könnte man ergänzen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Eine Kunstgalerie in Manchester hat ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, das mehrere nackte Nymphen und einen nackten jungen Mann zeigt, im Zuge der Sexismus- und #MeToo-Debatte abgehängt. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten – weltweit.

Mittlerweile hängen „Hylas und die Nymphen“ von John William Waterhouse zwar wieder an alter Stelle – doch die Diskussion um frauenfeindliche oder -entwürdigende Darstellungen in der Kunst hält an. Und nicht nur das: Im Extremfall wird ein Werk bereits im Lichte der Tugendhaftigkeit seines Urhebers beurteilt.

Beispiel Woody Allen

Das geht nicht nur Woody Allen so, nachdem ein Theater in den USA ein Stück von ihm abgesetzt hatte, weil er seine Adoptivtochter missbraucht haben soll. Angeblich will kein einziger Schauspieler mehr mit ihm drehen. Ereilt hat die Debatte mittlerweile auch einen Maler, von dem eigentlich keinerlei nackte Tatsachen bekannt waren. Doch einige Frauen, die für ihn Modell standen, haben Chuck Close sexuelle Anzüglichkeiten vorgeworfen – was der Künstler tatsächlich und ehrlicherweise zugegeben hat. Resultat: Die Universität von Seattle ließ sein Selbstporträt, das dort hing, abhängen!

#MeToo allerorten: Dieter Wedels Nachfolger in Bad Hersfeld hat ein Stück abgesetzt, das der einst gefeierte Regisseur selbst geschrieben hat. Und über zehntausend Menschen unterschrieben in New York eine Petition, damit das Metropolitan Museum of Art die anzügliche Darstellung eines Mädchens des Malers Balthus abhängen sollte. Bemerkenswert der Kommentar eines konsequenten Teilnehmers der Aktion: „Man sollte Gauguin ebenfalls abhängen.“ Schließlich hatte der eine 13-Jährige als Geliebte . . .

Abhängen, wegsperren – ist das der richtige Weg im Umgang mit vermeintlich diskriminierender Kunst oder wenig tugendhaften Künstlern? Wir fragten die beiden Aachener Museumsdirektoren Peter van den Brink vom Suermondt-Ludwig-Museum und Andreas Beitin vom Ludwig Forum. Van den Brink hat selbst Erfahrung mit einem Bild, das unter die Kategorie #MeToo fallen könnte: eine quadratmetergroße Tafel vom Meister von Paulus und Barnabas aus dem 16. Jahrhundert mit nacktem Adam und nackter Eva. Das wurde in Minnesota abgehängt – van den Brink kaufte es auf der „Tefaf“ für das Bonnefantenmuseum in Maastricht. „Man hat in dem Fall in den USA die eigene Mentalität auf das Werk projiziert.“

Gerne erinnert sich Peter van den Brink an die persönliche Begegnung mit Chuck Close bei dessen Ausstellung im Ludwig Forum. „Eine wunderbare Persönlichkeit. Das war ein Höhepunkt meines Lebens.“ Umso unverständlicher für ihn, dass man ein Selbstporträt des Künstlers in den USA entfernt hat.

Bevor sich Andreas Beitin zur Problematik äußert, stellt er unmissverständlich klar, was er von der „heiklen und aufgeladenen“ #MeToo-Debatte grundätzlich hält: „Die männliche Machtausübung ist zu verurteilen! Das muss ein Ende haben!“ Und damit sei die Diskussion darüber absolut berechtigt. Allerdings: „Man muss zwischen Kunst und Künstler differenzieren!“

Darf man ein Kunstwerk überhaupt losgelöst von Verfehlungen eines Künstlers beurteilen? Beitin: „Das muss man voneinander trennen. Ein Kunstwerk wird nicht schlechter dadurch.“ Es sei denn, das Objekt steht in Verbindung mit gewissen Taten oder propagiert etwas zu Verurteilendes oder glorifizierte etwa Missbrauch. „Das wäre dann natürlich nicht zu tolerieren.“

Für beide Museumsdirektoren gehört es indessen zum Wesen der Kunst, das „Andere“ zu zeigen, die gänzlich „andere“ Sichtweise der Welt, das Fremde, Überraschende, Schwierige. „Wollte man das alles wegsperren, gäbe es keine Diskussion mehr“, sagt Peter van den Brink.

Die Supermarket Lady von Duane Hanson im Ludwig Forum sei schließlich auch nichts anderes als eine „Frau aus dem Prekariat, die einkaufen geht“, erklärt Beitin. Und Allen Jones’ lebensgroße Frauenfiguren „Hutständer, Tisch und Stuhl“ von 1970 hätten niemals gezeigt werden dürfen – zumal im damals erzkonservativen Aachen. Aber – Beitin: „Jones hat das dargestellt, was er gesehen hat und wie er es interpretiert hat.“ Van den Brink: „Kunstwerke sind dazu da, dass diskutiert wird.“

In einzelnen Fällen müsse der Kontext allerdings durch begleitende Texte erklärt werden – für solches Publikum, das es eben nicht gewohnt ist, ein Museum zu besuchen. Beitin: „Es muss eine Vermittlung stattfinden, es muss über den Zusammenhang der Entstehungszeit eines Werks informiert und der Hintergrund aufgeklärt werden.“ Abhängen komme nicht infrage

Im Übrigen hält van den Brink die MeToo-Debatte mittlerweile für ausufernd und überzogen, weil jede Kleinigkeit, jedes unbedeutende Handauflegen kriminalisiert werde. „Die echten Opfer gehen unter und werden gar nicht mehr wahrgenommen.“ Angemerkt

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