Ein Reim auf die innere Freiheit

Von: Peter Motz
Letzte Aktualisierung:
hasenbild
Räume und Träume: Hasenclever-Preisträger Ralf Rothmann (Mitte) mit Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (links) und dem Kuratoriumsvorsitzenden Prof. Jürgen Egyptien. Foto: Adreas Schmitter

Aachen. „Wir machen aus Räume Träume.” Ein ausgezeichneter Schriftsteller bezeichnet diesen Satz als „nicht nur richtig, sondern vollkommen”. Es ist eine fabelhafte Geschichte, mit der sich Ralf Rothmann am Sonntag für den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen bedankte.

Und sie sei wahr, versicherte der Autor den rund 200 Gästen im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst.

Ehe Rothmann das Publikum mit seiner schnörkellos-humorvollen verbalen Erzählkunst verzauberte, schwelgte der Rostocker Literaturwissenschaftler Prof. Lutz Hagestedt in wortgewaltigen Lobeshymnen auf den Preisträger. Der zu ehrende Autor werde von der Literaturkritik oft als „Neuromantiker” klassifiziert.

In der Tat passe das Oeuvre Rothmanns gut in diese Gesellschaft, lasse etwa Bezüge zu Johann Peter Hebels Meisterwerk „Unverhofftes Wiedersehen” erkennen. Rothmanns Milieustudien zeichneten sich durch die ihnen eigene Authentizität aus. Und Glaubwürdigkeit, so Hagestedt, sei für viele Leser ein hoher Wert.

Rothmann stellte diese Glaubwürdigkeit sogleich auf die Probe - mit einer Geschichte, die fast zu schön klang, um wahr zu sein. Bei einer Lesung beim unvergessenen Aachener Buchhändler Peter Klein habe er einst Bekanntschaft mit einem sonderbar außenstehend wirkenden, doch sehr interessierten Gast gemacht. Es handelte sich um einen Malermeister. Dieser lud ihn ein.

Rothmann zögerte. Doch tags darauf suchte er ihn auf - und fand auf den Fahrzeugen des Firmen-Fuhrparks jenen eingangs zitierten Satz: „Wir machen aus Räume Träume.” Er habe nachgedacht, sagte Rothmann. Sollte er sein Gegenüber auf dessen grammatikalische Unkenntnis hinweisen?

Er verkniff es sich und bastelte eine Erklärung: Als Handwerker habe der Malermeister aus schlichten Deklinationsgründen eben „nicht generös auf den Reim verzichten können”, und so habe er den Satz in seinem Sinne gerade gebogen.

Mit dieser schrägen, doch wahren Geschichte vom Reim auf die „innere Freiheit” versinnbildlichte Rothmann seine Kritik an der heutigen Gesellschaft, die den Menschen komplexe Persönlichkeiten austreibe und sie stattdessen in beschränkte Identitäten quetsche.

Prof. Jürgen Egyptien lobte die „diagnostische Genauigkeit” des Erzählers Rothmann und überreichte ihm als Vorsitzender des Kuratoriums gemeinsam mit Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp den Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen. Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert und wird seit 1996 alle zwei Jahre verliehen. Für musikalische Unterhaltung sorgte das Flötisten- ensemble „arcadie quartett”.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert