Eupen - Ein Museum denkt über sich selbst nach

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Ein Museum denkt über sich selbst nach

Von: Eckhard Hoog
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„Der Denker“ nach Auguste Rodin heißt diese Skulptur von Adrien Tirtiaux: In jeder Transportkiste ist ein Werk aus der Sammlung des Ikob verborgen. Es ist eine von insgesamt zwölf Installationen, mit denen Tirtiaux das Haus zu einem Gesamtkunstwerk umgestaltet hat. Foto: Andreas Herrmann
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Sie hatte die Idee zur Ausstellung von Adrien Tirtiaux, und sie gab dem deutschen Künstler Paul Schwer den Auftrag, eine dauerhaft installierte Lichtskulptur für das Ikob zu schaffen: Maïté Vissault, Direktorin des Museums in Eupen. Die promovierte Kunsthistorikerin aus der Normandie lebte lange in Berlin. Foto: Andreas Herrmann

Eupen. Auguste Rodin lässt grüßen: Die Skulptur „Der Denker“ füllt vom Boden bis zur Decke einen Teil des Raums aus. Allerdings ist sie nicht auf den ersten Blick zu erkennen, allenfalls eine etwas kantig geratene Silhouette davon.

In dieser Version besteht „Der Denker“ nicht aus Bronze, sondern aus etlichen Kisten – Holzkisten, vage zusammengefügt nach dem Umriss des Originals. Und in den einzelnen Kisten dieses Kunstwerks befinden sich wiederum Kunstwerke aus der hauseigenen Sammlung, die man aber nicht sehen, sondern nur ahnen kann: zum Beispiel eines von Günther Förg. Kunst, versteckt in Kisten, die selbst wiederum ein Kunstwerk zitieren – auf die Idee muss man erst einmal kommen.

Aber „so geht Kunst heute“, um ausnahmsweise einen Jargon zu zitieren, der zwar nicht hoffähig, dafür aber weithin verstanden wird. Was ist Kunst eigentlich, vor allem: Wie und wo entsteht sie? Reicht nur eine halbwegs geniale Idee aus? Geht es darum, den Betrachter zu inspirieren, Fantasie in Gang zu setzen, oder muss wenigstens ein bisschen Handwerk im Spiel sein? Zentral: Welche Rolle spielt dabei ein Museum? Diesen Fragen geht der in Antwerpen lebende Künstler Adrien Tirtiaux, Jahrgang 1980, im Auftrag des Eupener „Ikob – Museum für zeitgenössische Kunst“ nach, namentlich seiner Direktorin Maïté Vissault.

Die gebürtige Französin, die über Joseph Beuys promoviert hat und eine Weile unter Jan Hoet im Herforder Museum Marta gearbeitet hat, setzt mit ihrer neuen Ausstellung, die am Sonntag, 31. August, um 15 Uhr eröffnet wird, wieder ein ganz besonderes Markenzeichen: Das Ikob wird zu einem Gesamtkunstwerk umgestaltet, das sich selbst reflektiert – als Institution, als gesellschaftliche Einrichtung, als Bau, Architektur und überhaupt in seiner Funktion. Adrien Tirtiaux, der auch Architektur studiert hat, übernahm diese Aufgabe gerne und hat als artist in residence über sechs Wochen hinweg ideenreich frappierende Installationen entwickelt.

Stichwort „Installation“: Maïté Vissault, deren umwerfenden Charme man einfach erlebt haben muss, sieht in ihrer Ausstellung auch so etwas wie eine Hommage an eine Spielart der Kunst, die in den siebziger und achtziger Jahren im Zusammenhang von Performance und Aktionen entstanden ist und zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Tirtiaux, der in Wien Kunst studierte, hat zwölf Installationen entworfen, die generell Museen für zeitgenössische Kunst nicht nur in ihrer Gesamtheit infrage stellen, sondern auch als Ort des geistigen Experiments annoncieren. Und das mit einem Humor, der möglicherweise nur Belgiern eigen ist.

Gleich am Anfang des Rundgangs darf man sich über eine dort sonst nicht befindliche Wand und zwei neue Eingänge entscheiden, ob man gleich die neue Ausstellung besichtigen oder erst einen Blick in die Sammlung – nebeneinanderstehende Gemälde – richten will. Eine Museumssammlung – nach welchem Wert und Interesse ist sie bemessen? Die Frage stellt sich in einem Raum, in dem nach barocker Art die Decke mit Werken eben aus jener Sammlung verziert ist. Das Problem eines jeden Kunstmuseums: Was wird gezeigt, was soll im Depot schlummern, was wird himmelhoch gefeiert? Fragen, keine Antworten. Die Reflexion der Normen, das ist hier der Sinn. Minimal Art – eine künstlerische Modeerscheinung für Asketen. Tirtiaux‘ ironischer Sinn für Widersprüche im Zusammenhang mit Kunst, Stil und der Funktion eines Museums kommt hier mit einem solchen Beitrag zum Höhepunkt: Der Mann lässt ganze Wände einreißen, um einen riesigen Raum zu gewinnen. Und was macht er damit? Er füllt ihn mit Wasser auf, einen Zentimeter hoch über dem Boden.

Wasser als Spiegelfläche

Keine Frage, was das für einen Aufwand bedeutet: Damit nichts abfließt, müssen alle Risse und Fugen „silikonisiert“ abgedichtet werden. Damit am Ende die Wasseroberfläche wie ein Spiegel funktioniert, um zum Beispiel den nebenan liegenden Supermarkt zu reflektieren – auch ein Kennzeichen heutiger Kunstmuseen: Das ganz banale, wenngleich wahre Leben liegt gleich nebenan. Zumal beim Ikob, das aus einem ehemaligen Bürogebäude entstanden ist. Der Effekt der Installation ist minimal, aber der Weg dahin hyperaufwendig – Kunst heute eben.

Gleiches gilt für die Löcher, die Tirtiaux in manche Wände bohren ließ – Sinnbilder für Perspektiven, Transparenz und Kontrolle in einem Kunstmuseum. Wer Glück hat, erblickt Madame Vissault in ihrem Büro in einem unbemerkten Moment . . .

Und ein neues Markenzeichen erhält das Ikob zur Ausstellungseröffnung auch noch: Der in Düsseldorf lebende Künstler Paul Schwer hat eine Lichtskulptur aus rotem und blauem Plexiglas und Leuchtstoffröhren entwickelt, die wie die Reklame-Leuchttafeln des angrenzenden Supermarktes und des im gleichen Haus beheimateten Sonnenstudios wirkt, diese aber nur simuliert. Statt Werbung und Text soll man nur wunderbare Farben sehen. Bis Mitternacht soll die Skulptur am Eupener Rotenberg fortan ein Lichtzeichen setzen.

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