Ein großes Tänzchen in der Badewanne

Von: Grit Schorn
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Aachen. Eine Wanne auf der Bühne, in der Nähe ein WC, mehr brauchte Susanne Linke nicht, um ihre unnachahmliche „Tanz-Art” zu präsentieren. Im ausverkauften Ludwig Forum konnte die Grande Dame des Ausdruckstanzes, die noch bei Mary Wigman in Berlin ausgebildet wurde, sich elegant und leicht selbstironisch entfalten.

Ihr berühmtes Solo „Im Bade wannen” spielt mit Lust und Furcht. Linke umkreist das schimmernde Objekt, ein Handtuch fällt in den Bottich. Die 65-Jährige scheint sekundenlang über der Wanne zu schweben, in unglaublich fließenden Bewegungen scheint sie sich den Gegenstand anzueignen, bis sie schließlich in der gekippten Wanne Zuflucht findet. Ein ungewöhnlicher Auftritt, meisterhaft und doch ganz natürlich, untermalt von Debussy-Klängen.

Dass sie Tänzerin im Folkwang-Tanzstudio unter Pina Bausch war, kann und muss sie nicht verleugnen. Später entwickelte sie ihre eigenen Arbeiten, wurde international bekannt und erhielt zahllose Preise für ihre innovativen Choreografien. Fast zehn Jahre lang, bis 1985, leitete Susanne Linke das Folkwang-Tanzstudio. Ob freischaffend in aller Welt oder mit ihrer eigenen „Company Susanne Linke” - sie ist eine der Besten, den klassischen Ausdruckstanz à la Wigman und neuere Impulse kunstvoll verknüpfend.

Hinreißend auch das Solo mit der Französin Armelle van Eecloo in der Erstaufführung „Orient-Okzident”, die einen Akt der Evolution sichtbar macht. Mit unglaublicher Intensität vermittelt die junge Tänzerin, die inzwischen bereits eigene Choreografien vorstellt, einen Entwicklungsprozess zwischen zwei Welten. Die aufwühlende Klangkulisse von Yannis Xenakis gibt dem Solo Farbe und dramatischen Hintergrund. Perfekt: Licht, Bühne, Kostüme und Choreografie für alle vier Soli hat sich Susanne Linke ausgedacht.

Der Schweizer Urs Dietrich, mit dem Linke 1994 eine neue Kompanie am Bremer Theater aufbaute, präsentiert das Solo „Flut”, eine meisterliche, kaum zu übertreffende Auseinandersetzung mit Zwangslagen. Bei der Sagengestalt Sisyphus ist es ein Stein, den der Geplagte immer wieder den Berg hoch rollen muss. Camus nannte ihn einen „glücklichen Mann”, der seine Arbeit nie verlor. Hier ist es eine Stoffrolle, an der sich Dietrich in grandioser Weise abarbeiten muss. Ein Künstler will seine Rolle im Leben finden, will Krisen überwinden. Gleichzeitig ist eine Tonaufnahme von Pablo Casals zu hören, der Faurés „Elegie” probt, als spräche er mit dem Tänzer. Tolle Idee, gute Ausführung.

Das finale Solo gehört natürlich Susanne Linke, die mit „Kaikou-Yin” (Seelenwanderung) noch einmal ihre ganze Kunst entfalten kann. Gustav Mahlers 5. Sinfonie wird zum großen Strom, in den die Ausnahme-Tänzerin wie selbstverständlich eintaucht.

Kaum endender Applaus, Bravo-Rufe und Jubel für Susanne Linkes großen Abend.
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