Ein großes „Kaurismäki“-Melodram ohne viele Worte

Von: Günter H. Jekubzik
Letzte Aktualisierung:
5405914.jpg
Eingespieltes Team: Christina Rast (rechts) inszeniert den Kuarismäki-Abend „Lichter ziehen vorüber“ im Theater Aachen, ihre Schwester Franziska gestaltet das Bühnenbild. Foto: Günter H. Jekubzik

Aachen. Komisch. Knapp. Kongenial. Wer über den finnischen „Lakomiker“ Aki Kaurismäki redet, sollte nicht zu viele Worte verschwenden. Auch wenn ein „Kaurismedley“ seiner lakonischen Komödien nun erstmals auf der Bühne zu sehen sein wird.

Die Inszenierung „Lichter ziehen vorüber“ (Premiere 27. April, Bühne Theater Aachen) von Christina Rast (Inszenierung), Franziska Rast (Bühne) und Inge Zeppenfeld (Dramaturgie) präsentiert mit Text-, Bild- und Figuren-Zitaten eine kongeniale Kaurismäki-Hommage, die auch völlig ohne Kenntnis des großen finnischen Schweigers genossen werden kann.

„Wieso Kaurismäki?“, könnte man trotz seines letzten großen Erfolges „Le Havre“ fragen, weil der berühmteste finnische Regisseur der Neuzeit aus einer anderen Programm-Kinozeit schon selbst ein Relikt ist, wie all die Retro-Schätzchen, die er in seinen Filmen so liebevoll ins Bild bringt.

Christina Rast, die in Aachen bereits die Science-Fiction-Serie „Morgen ist heute schon gestern“, „Viel Lärm um nichts“ sowie „Tartuffe“ inszenierte, klärt auf: Es waren nicht wie erwartet die sozialen Themen, wobei dieser Aspekt für Dramaturgin Inge Zeppenfeld durchaus in eine übergreifende Linie des Theater Aachen passt. Nein, es war der lakonische Humor, der Rast für Kaurismäki begeisterte: „Meine Liebesgeschichte fing mit dem Film ‚Ariel’ an, einer der schönsten Liebesgeschichten der Welt, mit dem Dialog ‚Bleibst du über Nacht?’ – ‚Nein, für immer!’“ Das sei großes Melodram, die ganze Welt kulminiere da in zwei Sätzen.

Viele Worte machen die von Bettina Scheuritzel, Karsten Meyer, Felix Strüven, Robert Seiler, Nadine Kiesewalter und Thomas Hamm gespielten Kaurismäki-Figuren auch auf der Bühne nicht: Das Stück erzählt laut Rast „über Vorgänge, nicht über Sprache“. Es wird ein Abend fast ohne Worte.

Schweigsame Filme

„Lichter ziehen vorüber“ – der Titel fasst die Filme „Lichter der Vorstadt“ und „Wolken ziehen vorüber“ zusammen – sei bei einem schweigsamen Kaurismäki und seinen nicht minder schweigsamen Filmen nicht Theater im üblichen Sinne, eher „wie im Café sitzen und vorbeilaufende Menschen betrachten“.

Dabei wirkt das Stück über exaktes Timing. Dies zeigt sich in den ersten Szenen eines Arbeitswelt-Blues in grauem Industrie-Dekor (von Christinas Schwester Franziska Rast), das an Schwarzweiß-Filme erinnern soll, mit mechanisierten Bewegungen, deren Sinn sich nicht erschließt. Die Handlungen werden trotzdem mit einer Ernsthaftigkeit ausgeführt, die nicht die Arbeit, sondern die Arbeiter adelt. Das Stück verfolgt die Wege der Figuren im Geiste Kaurismäkis: Er „guckt genau hin, gewährt einen zweiten und dritten Blick, und den Helden des Alltags einen Fokus“, fasst Christina Rast zusammen.

Ihr Inszenierungskonzept schafft es, den Minimalismus von Kamera und Film-Schauspiel so auf die Bühne zu übertragen, dass seelenverwandt eine faszinierende eigene Welt aus Bewegung, körperlichem Ausdruck und sehr nachdrücklichen Bühnenbildern entsteht. „Lichter ziehen vorüber“ ist ein „Abend mit sehr vielen Geschichten, rührenden und traurigen Momenten, die Raum lassen für eigene Gedanken und Gefühle“, so Zeppenfeld. Auch wenn die Dramaturgin, die unter anderem bei der Produktionsfirma „Zinnober“ ihres Bruders Dieter Zeppenfeld eine eigene Film-Vergangenheit hat, die Schwestern Rost als das „Team, das hier am Theater schon einige Dinge gerockt hat“, vorstellt, bestimmt nicht Rock sondern finnischer Tango und ein wunderbar passender Blues die musikalische Begleitung.

Rockender Schauspieler

Malcolm Kemp hat Stücke arrangiert, komponiert und getextet, er spielt dazu auf der Bühne zusammen mit dem rockenden Schauspieler Karsten Meyer auch einen der dreizehn Franks aus dem Film „Calamari Union“. Dieser Auftritt mit einem der erhebendsten Bühnenküsse der Theatergeschichte ist bislang der ausführlichste für Kemp, was scheinbar etwas Überzeugungskraft forderte, aber jetzt sichtbar viel Spaß macht.

Fast vergessen sind auch die Beschränkungen, denn Kaurismäki, der neben den Leningrad Cowboys und finnischen Tango-Combos auch schon mal das Bolschoi-Orchester inszenierte, verträgt eine breite musikalische Besetzung. Das war zu teuer, nun ist man mit zwei Musikern und einer Sängerin (Sanja Radisic) zufrieden. Da sind wir wieder beim Kern Kaurismäkis, den Inge Zeppenfeld zusammenfasst: „Seine Figuren sind stoisch und geben nicht auf. Oder wenn, scheitern sie im Aufgeben.“

„Kaurismäkis Figuren sind für sich einsam, auf der Suche nach einem anderen einsamen Menschen, um dann gemeinsam einsam zu sein“, sagt Regisseurin Christina Rast.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert