Ein Blick hinter die Kulissen der Aufführung „Ariadne Amore“

Von: Lee Beck
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Probe zwischen 1000 Damenstrümpfen: Einen Tag vor der Auffühung erschließen die Tänzer die Bühne in der Aachener Philipsstraße. Foto: Andreas Herrmann
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Rick Takvorian (r.) im Gespräch mit Emanuele Soavi Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Sie sehen aus wie portionierte Spaghetti ohne Sauce. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, sondern nur viele Haufen. Es braucht einen zweiten Blick, um das Material zu erkennen: 1000 Damenstrümpfe sind es an der Zahl, die ein knotenreiches Dasein auf der Bühne fristen.

Es ist Donnerstagmittag, am Morgen ist die „Incompany“ unter der Leitung von Choreograph Emanuele Soavi in Aachen angekommen. Rund 32 Stunden bleiben, bis sich der Vorhang für das Tanzspektakel „AriadneAmore“ im Rahmen des Schrittmacher-Festivals öffnet. Das klingt nach viel Zeit, wenn man nicht weiß, wie viel Arbeit es ist, eine Tanzaufführung vorzubereiten. Zuerst muss der Strumpf-Salat entknotet werden, um das Bühnenbild aufbauen zu können. Das dauert.

Lichtdesignerin Cristina Spelti und Technikleiter Michael Götz nehmen den ehemaligen Stahlbau Strang in der Philipsstraße, wo mitten im Lager der Eventtechnikfirma Artec eine Spielstätte aufgebaut ist, genau in Augenschein. „Ich möchte, dass es dunkel wird“, sagt Cristina Spelti mit leuchtenden Augen. Erst dann kann sie das Licht richtig auf den Charme der alten Fabrik ausrichten.

Michael Götz hat eine Manekineko, eine von diesen winkenden, goldenen Glückskatzen und einen kleinen Bonsaibaum aufgestellt. „Ein bisschen Feng Shui ist wichtig, nichts geht über gute Stimmung“, sagt er und lacht. Sollte man die Stahlpfeiler, die in die Bühne reichen, verdecken oder sichtbar lassen? Cristina Spelti tut so, als tanze sie, läuft dabei vor den Pfeiler und zieht eine Grimasse. Alle lachen. Nein, es ist zu gefährlich, die Pfeiler zu verdecken, ein Tänzer könnte während der Performance dagegen laufen.

Für Emanuele Soavi und sein Team sind das Vorbereitungen, die in jeder neuen Spielstätte Geschick und Anpassungsfähigkeit fordern. Als der Choreograph „AriadneAmore“ 2009 plante, folgte er seinem Instinkt: „Ich bin Italiener. Mythologie fließt einfach in meinem Blut.“ Mit 18 begann er seine professionelle Tanzkarriere an der Oper in Rom, nebenbei studierte er Ikonografie. Für ihn ist es eine Leidenschaft, Poetik in körperliche Ästhetik zu übersetzen. Ariadnes Geschichte, findet er, lasse sich auch in der kontemporären Zeit wiederfinden: Liebe, Leidenschaft, Einsamkeit – das kenne man heute auch nur zu gut.

Soavi ist hipp gekleidet, dirigiert mal auf Englisch, Deutsch oder Italienisch. „Ich habe mich ganz dem Tanz hingegeben“, sagt der 40-Jährige über sein Leben. Hinter der Publikumstribüne werden an der Bar die Kühlschränke aufgefüllt und die Lounge-Atmosphäre hergerichtet. Die Zweckentfremdung steht der Fabrik gut, in buntem Licht im Dunkeln noch besser. In regelmäßigen Abständen schauen Festivalleiter Rick Takvorian und Assistentin Stefanie Gerhards nach dem rechten. „Wir wollen ja auch, dass es den Künstlern hier gut geht“, sagt er.

Um 20 Uhr kommen die sieben Tänzerinnen und der Tänzer in der alten Fabrik an. Sie sind eine aufgeschlossene Truppe zwischen 20 und 33 Jahren – es wird viel gelacht. „Wir müssen die Bühne und den Raum neu kennenlernen und uns wohlfühlen“, sagt Tänzerin Lisa Kirsch. „Spacing“ nennt sich das im Fachjargon. Der Großteil der technischen Arbeiten ist bis Mitternacht abgeschlossen.

Am nächsten Tag ist Artec-Geschäftsführer Georg Schlag früh morgens der Erste in der Philips-straße 2. Um 10 Uhr treffen sich die Techniker und die Lichtdesignerin. Die Feinheiten hat Michael Götz im Griff: Das Strumpf-Bühnenbild muss mit einer speziellen Flüssigkeit imprägniert werden, damit es nicht so schnell Feuer fangen kann.

Um 12 Uhr finden sich die Darsteller in der Hotellobby ein. Beim Aufwärmen im Stahlbau Strang eine Stunde später wird von den Zehnspitzen bis in die Fingerspitzen im Spagat alles gedehnt – hier und dort knacken die Gelenke. Für den Laien sehen die Verrenkungen und Übungen unmöglich aus. Das muss doch weh tun! Beim Anblick der vielfachen Pirouetten wird einem schon vom Zusehen schwindelig. Auch Maskottchen Paulchen, ein Labrador, steht schwanzwedelnd vor der Bühne, während Choreographie-Assistent Giovanni Napoli die Tänzer zu „Passé, Plié, Relevé!“ auffordert.

Eine anderthalb Stunde später will Soavi mit dem letzten Durchlauf beginnen. „Guys, please!“ drängt er. Nach nur 30 Sekunden ordert der Choreograph einen Neustart. „Noch mal!“. Nach der Probe folgt eine zweistündige Pause. Einige der Tänzer gehen zum Supermarkt, andere schlafen oder „relaxen“. Lisa Kirsch hat sich geschminkt. „Ich möchte mich vorher nicht hetzen“, sagt sie. Auch Live-DJ Stefan Bohne ist angekommen.

Eine letzte Umarmung

Um 18 Uhr wärmen die Tänzer sich für die Premiere auf. Die finale Verbeugung wird vorsorglich ohne großen Applaus geprobt. Um 19 Uhr läuft Cristina Spelti mit einem dampfenden Topf durch den Raum: „Das gehört zur Atmosphäre“, sagt sie – während der Nebel in den bunt beleuchteten Fabrikbau steigt. Federico Casadei, der einzige Tänzer unter sieben Frauen, sitzt seelenruhig in der zweiten Reihe. Nervös? Der 20-Jährige Italiener schüttelt den Kopf. „Ich kenne das ja schon.“ Mit zehn Jahren hat er begonnen zu tanzen, schon mit 16 wusste er, dass es seine Berufung ist.

Um sieben kommen die ersten Gäste und nehmen Kurs auf die bunt beleuchtete Theke. Bei Weißwein, Cola oder Kaffee tauscht man sich auf Deutsch oder auch Niederländisch aus. Am Merchandising-Stand sind vor allem die Männerunterhosen und Damenslips mit Schrittmacher-Schriftzug der Renner.

Um kurz vor acht umarmt Emanuele Soavi jeden seiner Schützlinge intensiv, alle reichen sich noch ein letztes Mal die Hand. Um Punkt 20 Uhr ist die Bühne wie leer gefegt, keine Spur von der schweißtreibenden Arbeit der letzten anderthalb Tage. Das Publikum drängt sich auf die Sitze, Cristina Spelti schaltet die Scheinwerfer ein. Die Musik ertönt und es dauert nur Sekunden, bis die Tänzer das Publikum fest in ihren Bann gezogen haben .

Nach dem Stück ist Soavi mit seiner Tanzcompagnie zufrieden. Feedback und Kritik wartet bis zum nächsten Morgen, jetzt sollen die Tänzer sich beruhigen. „85 Minuten ist für ein Tanzstück ziemlich lang, das ist wirklich anstrengend“, sagt er. Auch Zuschauerin Gisela Rüblinger hat es gefallen: „Es war unglaublich schön. Tänzerisch war es ein Traum.“

Ein paar Minuten später ist DJ Stefan Bohne der erste, der sich aus dem Ensemble unter die Menge mischt. „Ich bin im Stress“, sagt er. Denn bei dem Kölner Clubbesitzer ist nach der Aufführung vor der Arbeit: „Ich muss heute noch meine Gäste begrüßen.“ Um kurz nach elf gehen die letzten Zuschauer und um 12 Uhr ist auch für Georg Schlag der Tag vorbei. Ein letzter Blick durch die Halle, dann schaltet er das Licht aus und schließt die kleine Tür zur Fabrik.

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