Lüttich - Die „Zauberflöte” im Kinderzimmer

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Die „Zauberflöte” im Kinderzimmer

Von: Guido Rademachers
Letzte Aktualisierung:
zauberbild
Einfallsreiches Bühnenbild: Mario Cassi (li., „Papageno”) und Michael Spyres („Tamino”) mit den „Damen” in der Lütticher Inszenierung von Mozarts Oper „Die Zauberflöte”.

Lüttich. Seltsame Dinge geschehen unter dem Hirschgeweih-Kronleuchter. Kaum hat sich Tamino im breit gestreiften Kasperletheater-Pyjama zu Bett begeben, dreht ein Riesenwecker auf dem Nachttisch Runden.

Die Daunendecke hebt sich und wandert über die Bühne. Und aus dem Marmorkamin brechen Sphinx-Verzierungen, um als singende „Drei Damen” an das inzwischen nebelumwaberte Bett zu treten. In diesem starrt Tamino eine Schlange an, die sich aus dem Kopfende löst: „Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren!”

Solche Worte dürften auch den Beginn der Pubertät kennzeichnen, werden sich Julien Lubek und Cécile Roussat gedacht haben - und inszenieren Mozarts „Zauberflöte” als finalen Kinderzimmerspuk.

Sehr verspielt und sinnlich, voller optischer Sensationen. Das unterscheidet sich wohltuend von einer kopflastig in Freimaurer-Philosophie herumstochernden Inszenierungstradition der Oper. Tempelvorstand Sarastro ist in Lüttich kaum mehr als ein skurriler Bücherwurm.

Um ihn wuselt ein anarchischer Haufen kleinwüchsiger Diener, jederzeit zu artistischen Kunststückchen aufgelegt. Immerhin reicht Sarastros bibliophiler Einfluss, um Tamino die wild wuchernde Traumfantasie auszutreiben. Am Ende wacht Tamino auf - verwandelt in einen der drei altklugen Knaben, die in seinem Kleiderschrank am Bügel hingen und ihm eintrichterten: „Sei standhaft, duldsam und verschwiegen.” Guten Morgen und schöne Grüße aus der Erwachsenenwelt, die sich über dem Bett die Hände reicht.

So bildreich-kräftig die Inszenierung auch ist, musikalisch bleibt die Aufführung für Lütticher Verhältnisse ungewöhnlich blass. Patrick Davins übervorsichtiges, auf kantenlose Ausgewogenheit zielendes Dirigat lässt jede zupackende dramatische Vitalität vermissen.

Die Tiefe fehlt

Ethan Herschenfeld fehlt für einen Sarastro schlicht die Tiefe; Nili Riemers eigentümlich kindlich klingender Sopran hakt die Königin-der-Nacht-Koloraturen uninspiriert schnell ab. Mario Cassi, zwischen Buffo und Schöngesang schlingernd, spickt seinen Papageno mit übertrieben scharfen Akzenten auf dem Taktschlag. Lediglich Magali de Prelle (Pamina) und Michael Spyres (Tamino) zeigen sich ihren Partien im Ausdruck zwischen Offenheit und Todessehnsucht, Empfindsamkeit und Heldenhaftem gewachsen.

Schade, die erfrischend unprätentiöse Inszenierung wird durch eine befangen wirkende musikalische Interpretation ausgebremst. Das Pubertätsdrama „Zauberflöte”, das in Lüttich zu sehen ist, müsste wohl selbst noch ein wenig reifen.

„Die Zauberflöte” Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, ist noch am 19., 21., 23. und 26. Oktober (jeweils 20 Uhr) zu sehen im Theaterzelt, dem Palais Opéra de Lige, am Espace Bavire (Eingang Boulevard de la Constitution), das wegen Renovierungsarbeiten als Ersatzspielstätte für das Lütticher Opernhaus dient. Karten und Infos unter Tel. 0032/4/2214722 oder im Internet (deutschsprachig, siehe unten).
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