Aachen - Die Themen müssen in der Luft liegen

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Die Themen müssen in der Luft liegen

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Seit der Spielzeit 2010/2011 ist sie Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin am Theater Aachen, seit dieser Saion auch die Leiterin des Schauspiels: die gebürtige Aachenerin Inge Zeppenfeld. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Hand aufs Herz: Wissen Sie, was eine Dramaturgin macht? Das sympathische Exemplar aus Fleisch und Blut, das uns gegenübersitzt, lacht bei der nicht ganz abwegigen Frage absolut verständnisvoll: „Dramaturg – das halten manche für die lateinische Bezeichnung von Zahnarzt.“

Inge Zeppenfeld ist seit zwei Jahren Chefdramaturgin am Theater Aachen, von Anfang an stellvertretende Intendantin und seit Beginn dieser Spielzeit nun auch Leiterin des Schauspiels. Und sie hat sehr handfeste Vorstellungen von dem, was das Schauspiel in Aachen zu leisten hat – womöglich mit ein Grund für das phänomenale Ergebnis von 160.000 Zuschauern in der letzten Saison.

Die Themen müssen in der Luft liegen, bewegen – und wenn es kein passendes Stück gibt, „dann schreiben wir selbst etwas“, sagt sie selbstbewusst und meint das vierköpfige Dramaturgenteam am Theater Aachen. Titel und Produktionen wie „Tiere essen“, „Tschick“, „Verrücktes Blut“, „Deportation Cast“ markieren die programmatische Linie: Massentierhaltung, Außenseitertum, Migration, Abschiebung – aktuell, gesellschaftspolitisch relevant und „anspringend“ umgesetzt, so muss Theater sein. Und vor allem: „Das jeweilige Stück muss zwingend sein“, sagt sie und fegt energisch mit der einen Hand über die andere. „Sonst nehmen wir es nicht.“ Oder sie wählen einfach, wie bei „Tiere essen“, ein Buch, das von Jonathan Safran Foer, und kreieren im Verein mit den Schauspielern selbst eine Bühnenproduktion . . .

Im zweiten Semester war für Inge Zeppenfeld Feierabend. Als es daran ging, „Mäuse und Würmer auseinanderzunehmen“, da legte sie das Skalpell an der Uni Bonn für immer aus der Hand – und gab den bis dato langgehegten Traum vom Beruf einer Diplom-Biologin kurzerhand auf. Und noch etwas anderes gab den Ausschlag: „Zu der Zeit hieß es immer: Nur in der Genforschung liegt für Biologen die Zukunft. Aber bevor ich Menschen und Schweine kreuzen würde . . .“

Zum Glück pflegte die gebürtige Aachenerin, die am Gymnasium St. Ursula ihr Abitur gemacht hatte, neben der Naturverbundenheit eine zweite Neigung und Leidenschaft: die Liebe zur Literatur. Und die führte sie letztlich auf beruflichem Wege 2010 wieder zurück in ihre Heimatstadt, dorthin, wo sie als junge Studentin unter dem damaligen Chefdramaturgen Lukas Popovic nebenbei ein Praktikum absolviert hatte.

Das Dramaturgen-Handwerk lernte sie an der privaten Theaterakademie Ulm – bei einem japanischen Lehrer. „Da haben wir verrückte Sachen gemacht“, erzählt sie amüsiert – und offenbart, woher wohl ihr kompromissloser Sinn für Sinnlichkeit auf der Bühne herrühren mag. Schauspielen gehörte dazu. Becketts „Endspiel“ führten die Studenten in einem Lastenaufzug auf – vor jeweils 15 Zuschauern. Alle Darsteller mussten glatzköpfig sein, bis auf die von Nagg und Nell – die trugen struppiges Haar. „Eine davon war ich zum Glück“, sagt sie, allerdings wie alle anderen auch – eingeschmiert mit Nivea und Kakao. „Das war gewiss nicht stadttheatermäßig“ – dafür aber so radikal extrem und grenzwertig, wie Becketts Extremsituation es eigentlich verlangt. Warum also nicht gleich auf die Bühne treten? „Vor Schauspielern habe ich große Ehrfurcht“, meint Inge Zeppenfeld. „Meine Leidenschaft ist die Dramaturgie.“ Sprich: „Sich einlesen in neue, tolle Felder, sich in Themen einarbeiten, zu überlegen, wie sie sinnlich machbar gemacht werden könnten . . . Das ist wahnsinnig spannend.“

Vor allem die Vielfalt der Möglichkeiten begeistert die promovierte Theaterwissenschaftlerin, die auch Erfahrung in Film- und Fernsehdramaturgie hat. Bei ihrem Bruder, dem Aachener Produzenten Dieter Zeppenfeld, hat sie mehrere Jahre mitgearbeitet. Gerade ist der Film „Zwei Leben“, den er produziert hat, für den Auslands-Oscar nominiert worden. Schwester Inge: „Das war für unsere Mutter schon sehr aufregend.“

Von der Vielfalt geprägt

Die Vielfalt also, auch in ihrem eigenen Theaterleben, hat sie geprägt – vom psychologischen Realismus eines Peter Stein bis zur zelebrierten Absurdität osteuropäischer Autoren wie Petr Zelenka („Schrottengel“).

Der Spielplan der nächsten Saison steht an – und womit beschäftigt sich eine Dramaturgin, die etwas auf sich hält, zwischen Oktober und Dezember? Sie spürt den brennendsten Themen der Zeit nach. Eines der wesentlichen am Ende des Jahres 2013 ist für Inge Zeppenfeld „die allgemeine Verdrossenheit“. Und das erklärt sie so: „Ob es die Bergung der Brennstäbe in Fukushima ist, der Prozess um Christian Wulff, die Schuldenkrise oder die Unfähigkeit, eine Regierung zu bilden, oder das Abrücken von Wahlversprechen – egal, um welches Thema es sich handelt, es nützt alles nicht, nichts wird gelöst.“ Und: „Ich habe das Gefühl, dass Schule und Elternhaus in Fragen der Bildung überfordert sind.“ Die Aufgabe der Dramaturgen: „Wir sortieren die Stücke.“

Allerdings nicht etwa in direkter Linie, um zum Beispiel Rezepte zu liefern, wie man mit Verdrossenheit oder dem Umgang ungelöster Probleme fertig wird. „So einfach ist das nicht.“ In den Blick geraten ihr dabei eher Stücke, „die das Gefühl geben, bei sich selbst ankommen zu können“. „Da geht es um Fragen, wie man sein eigenes Leben gestalten kann, ohne etwa nur aus der Angst heraus zu leben, seinen Job zu verlieren. Und: Was sind unsere wirkichen Gefühle?“ Ein Autor wie Roland Schimmelpfennig gehört bei diesen Themen zu ihren Favoriten. Auf jeden Fall sinnlich umsetzbar muss das Stück sein. Denn: Die Menschen in der Region, zumal die in Aachen, „wollen gerne etwas erleben“, sagt Inge Zeppenfeld. Und sie muss es ja schließlich wissen.

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