„Die Stadt, die es nicht gibt”: Brennpunkte der globalisierten Welt

Von: Eckhard Hoog
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„Rochers Carrés” (quadratis
„Rochers Carrés” (quadratische Felsen) von Kader Attia: Die Fotoserie in der Ausstellung „Die Stadt, die es nicht gibt” im Aachener Ludwig Forum zeigt junge Männer, die von einer nordafrikanischen Hafenmole aus nach Norden, nach Europa, blicken. Foto: Kader Attia

Aachen. „Die Stadt, die es nicht gibt”, rappten 1999 die Fantastischen Vier - das Aachener Ludwig Forum eröffnet nächste Woche Freitag eine Fotoausstellung, die den gleichen Titel trägt. „Reiner Zufall”, versichert Forums-Direktorin Brigitte Franzen, erwägt aber lachend und allen Ernstes zugleich, den Song der Fantastischen Vier zur Eröffnung zu spielen.

Dabei ergeben sich - wenn auch unbeabsichtigt - erstaunliche Pa-rallelen zwischen den Versen der „Vier” und den Bildern der Künstler: Während die Rapper in der „Stadt, die es nicht gibt” eine vitale jugendliche Subkultur jenseits der etablierten Normen beschwören, verfolgt der Fotograf Tobias Zie-lony die Lebenswege von jungen Migranten in Marseille und Neapel und porträtiert sie.

Auch sie verbringen ihre Existenz nach eigenen Regeln - allerdings gezwungenermaßen, denn untergebracht sind sie in weit außerhalb der Stadt liegenden Sozialwohnungssiedlungen. Zur Stigmatisierung muss man hier selbst nichts mehr beitragen. Zielony, Professor für Künstlerische Fotografie an der Kunsthochschule für Medien Köln, fängt die Situation mit Blick auf die trostlose Umgebung und die Seelenlage dieser jungen Menschen im Ausdruck der Gesichter nachhaltig ein.

„Das Leben in Zeiten der Globalisierung” ist einer der thematischen roten Fäden, der die beteiligten 20 Fotografen, Videokünstler und Architekten der Ausstellung verbindet. Kader Attia gehört dazu, der in seiner Fotoserie „Rochers Carrés” (quadratische Felsen) junge Männer zeigt, die an einer nordafrikanischen Hafenmole auf Betonblöcken sitzen und ihren Blick nach Norden richten - Sinnbild einer ganz besonderen Art von Globalisierung, die in Zukunft womöglich noch erst richtig in Gang kommen wird. Zugleich verströmen die Bilder eine derart intensive Art von Melancholie, dass sie niemanden kalt lassen kann.

Spezifische Räume und Orte auf der ganzen Welt - das belegt die Schau - spiegeln tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen wider, sei es in Hongkong, Pjöngjang, Amsterdam, Neapel, Berlin oder Fukushima. Der Titel „Die Stadt, die es nicht gibt” meint dabei den Widerspruch zwischen den trügerischen Bildern von Orten dieser Welt, die uns die Medien alltäglich vermitteln, und jene Ansichten, die präzise die Wahrheit zeigen.

Und die kann paradoxerweise in einer fiktionalen Montage aussagekräftiger ausfallen als in einem reinen fotografischen Abbild: Maya Schweizer und Clemens von Wedemeyer überlagern in ihrer Video-Installation „Metropolis. Report from China” Fritz Langs Film „Metropolis” (1926) mit Aufnahmen von der zeitgenössischen Architektur Chinas. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft der Langschen Vision einer futuristischen Großstadt erscheint dabei unwillkürlich wie eine Vorwegnahme der Lebensbedingungen im heutigen System Chinas.

Wie Utopien misslingen und sich ins Gegenteil des Beabsichtigten kehren, zeigt Armin Linke mit seinen Fotografien aus Nordkorea: Sachlich pur porträtiert er die Hauptstadt Pjöngjang mit ihren Hochhäusern und weiten Plätzen - von den Diktatoren als städtisches Modell einer Zukunftsgesellschaft gedacht. Doch die Menschen, die sich in diese Unwirtlichkeit verlaufen haben, wirken wie Fremdkörper. Präziser könnte eine Entlarvung des Widerspruchs zwischen Anspruch und Wirklichkeit in einem einzigen Bild kaum mehr ausfallen.

Sämtliche Aufnahmen der einzelnen Künstler faszinieren auf ihre Weise und sind von hoher Qualität. Allein: Thematisch sind sie bisweilen schwer unter einen Hut zu bringen. Die Aufnahmen des Kohlscheider Fotografie-Professors Wilhelm Schürmann von Szenen in Berlin und Dortmund sind beim besten Willen kaum unter der Perspektive Globalisierung zu betrachten.

Mit dem sicheren Blick des fotografierenden Humoristen und Philosophen findet er im alltäglichen Straßenbild immer wieder hintergründige Beweise für vergebliches menschliches Bemühen - und seien es zwei nach Reparaturarbeiten falsch herum eingesetzte Kanaldeckel. Gescheiterte Visionen und Utopien im Kleinen - so herum annonciert, passen Schürmanns Bilder womöglich doch noch in das Konzept der Schau, schließlich dürfte das Phänomen weltweit verbreitet sein. Die Architektur jedenfalls und die Lebensräume global - sie bilden die größte Schnittmenge der Ausstellung.

Dazu gehört im engeren Kreis auch der Aachener Architekt Michael Krumm, der einen lokalen Akzent setzt mit seiner Aufnahmenserie von Innenräumen eines denkmalgeschützten Baus in Aachen, der den Architektur-Stil der 50er Jahre fast in Reinkultur repräsentiert. Er hat für die Sanierung des Instituts für Nachrichten und Hochfrequenztechnik eine Machbarkeitsstudie und auf diesem Wege Fotodokumente erstellt, die die besonders erhaltenswerten Qualitäten des Baus unterstreichen - und gelegentlich mit einer Fotoretusche „nachgeholfen”, um das Ergebnis nach einem eventuellen Rückbau von Details, die den Bau in den letzten Jahrzehnten verschandelt haben, vorwegzunehmen. Aber ist das nicht doch eine gänzlich andere Baustelle?!

Auch die unspezifischen Landschaftsaufnahmen von Daniel Maier-Reimer mit derart nahen Bodendetails, dass die Fotos in Tibet genausogut entstanden sein könnten wie in der Toskana, bilden zwar so genau und präzise Landschaftsstückchen ab, wie es nur geht - nur: Das Ergebnis ist für das Thema unerheblich.
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