Die letzten Tage Kennedys: Verdis „Maskenball” in Lüttich

Von: Guido Rademachers
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Überragende Stimmen: Chiara Ta
Überragende Stimmen: Chiara Taigi als Amelia und Aquiles Machado als Riccardo im Lütticher „Maskenball”. Foto: Jacques Croisier/ORW

Lüttich. Man hat sich gut eingerichtet im Provisorium. Das Stammhaus ist wegen Sanierungsarbeiten geschlossen; seit nunmehr einem Jahr spielt Lüttichs Oper neben einer Industrieruine im Theaterzelt am Boulevard de la Constitution.

Dort, wo freitags Flohmarkt ist. Die Akustik im Zelt ist ausgezeichnet, Experimente mit Mikroports gehören der Vergangenheit an. Und die bescheidenere Bühnengröße und -technik führten zu einem Innovationsschub. Inzwischen sind auch in der als konservativ geltenden Lütticher Oper Videoprojektionen und Einheitsbühnenbilder zu sehen.

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit geht es allerdings noch einmal zurück zur großen Ausstattungsoper. Regisseur Philippe Sireuil lässt den ursprünglich in Europa angesiedelten „Maskenball” dort, wo ihn auch die Zensur zu Verdis Zeiten haben wollte: im fernen Amerika. Von der Ghetto-Bretterbude über die Tiefgarage mit Straßenkreuzer bis hin zur Wahlkampfparty im Weißen Haus führen aufwändig durchgestylte, an Kinostereotype erinnernde Bühnenbilder in die USA der 60er Jahre. Sireuils Maskenball zeigt die letzten Tage Kennedys.

Diese Stars-and-Stripes-Variante ist nicht neu. Schon vor zwei Jahren wurde an der Berliner Staatsoper Riccardo mit Kennedy kurzgeschlossen. Zu naheliegend ist die Verbindung von charismatischer Führerpersönlichkeit und Privatklatsch zu Verdis Melodram.

In Lüttichs Zelt rächt sich der auf detailversessenen Ausstattungsperfektionismus zielende Ansatz allerdings doch. Abgesehen von langen Umbaupausen, die eigens im Programmheft ausgewiesen sind, wirkt besonders in den Chorszenen die Bühne wegen mangelnder Tiefe vollgestopft und das Geschehen statisch. Die Inszenierung kommt über das erste optische Aha-Erlebnis nicht hinaus.

Macht nichts. Denn wieder einmal beweisen die Sänger die überragende Klasse von Lüttichs Oper. Aquiles Machado (Riccardo) und George Petean (Renato) sind zwei ausgesprochen maskuline Sänger. Beide mit souverän offen strömender Stimme, Machado mit viel Majestät im Forte; Petean mit einer hinreißenden Spur Weichheit im Timbre. Chiara Taigi ist eine effektvolle, gleichwohl elegante Amelia. Und Massimo Zanetti dirigiert die Oper bemerkenswert opulent, fast schon im Stil einer große Sinfonie. Am Ende gab es großen Applaus des Premierenpublikums für einen gelungenen Spielzeitauftakt.

„Un Ballo in Maschera” von Giuseppe Verdi ist noch am 16. und 18. September jeweils um 20 Uhr im Palais Opéra de Liège am Espace de Bavière zu sehen. Karten: 0032/4/2214722


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