„Die Känguru-Chroniken“: Freches Beuteltier will die Welt verändern

Von: Sarah Koll
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„Die Känguru-Chroniken“ im Mörgens des Theaters Aachen: mit Marie Hacke als Känguru und Martin Krah als Marc-Uwe. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Noch wartet das Publikum auf den Einlass, als sich plötzlich der Fahrstuhl im Flur öffnet. Ein seifenblasenpustendes Känguru und drei musizierende Männer treten singend heraus und ziehen mit den Zuschauern in den Theaterraum ein, in dessen Mitte eine große Hängematte baumelt.

Hier wohnt der Berliner Autor Marc-Uwe Kling (Martin Krah), der zurzeit an einer Bühnenfassung für seine „Känguru-Chroniken“ arbeitet. Um diese Metaebene zu verstehen, muss man wissen: Der reale Marc-Uwe Kling – selbst Protagonist seiner Geschichten – hat tatsächlich die Theaterversion zu seinen gleichnamigen Podcasts und der Roman-Trilogie verfasst, die Regisseur Matthias Fuhrmeister nun im Mörgens inszeniert.

Es frisst gerne Schnapspralinen

Auf der Aachener Bühne ist der fiktive Marc-Uwe jedoch bei seinen Überlegungen nicht allein, sondern in Begleitung des kommunistischen Beuteltiers (Marie Hacke). Das liegt eigentlich lieber in der Hängematte, frisst Schnapspralinen und erstellt „Not-to-do“-Listen, als sich nützlich zu machen. Doch seinem Mitbewohner zuliebe lässt es sich darauf ein, die Szenen aus der Vergangenheit nachzuspielen – und die Inszenierung so vor einem realen Publikum zu testen.

Alles beginnt mit dem Tag, an dem das Känguru plötzlich vor Marc-Uwes Tür steht, um sich Zutaten, Pfanne und Herd für einen Eierkuchen auszuleihen – und dann einfach da bleibt. Wie ein eheähnliches Paar leben die zwei fortan in einer ungleichen Wohngemeinschaft zwischen Anpassung und Systemkritik zusammen. Während sich Marc-Uwe in die Gesellschaft einfügen will, würde das Känguru das System am liebsten „auf den Kopf stellen“. Das Beuteltier kämpft gegen jede Form von Kapitalismus und Rassismus. Doch wenn es nicht bald einer geregelten Arbeit nachgeht, wird es vom Ministerium für Produktivität nach Australien abgeschoben.

Die Hauptdarsteller hüpfen gekonnt von Szene zu Szene. Begleitet werden sie auf ihrer Berlin-Reise vom Verwandlungskünstler Simon Rußig, der in Sekundenschnelle von einer Nebenrolle in die nächste schlüpft. Mal ist er Wirtin Herta mit der Berliner Schnauze, mal die überforderte Frau vom Jobcenter mit der Piepsstimme, mal der dumme Nazi. Ebenso spielt er den seriösen Nachrichtensprecher, den schüchternen Banker, den bösen Mann vom Ministerium und rennt als grölender Patriot durch die Reihen. So kommt während der 90-minütigen Aufführung keine Langeweile auf. Dank der klugen Dialoge driftet das Stück nicht in Klamauk ab.

Es gleicht eher einem „Poetry Slam“, wenn sich die Darsteller mit Wortspielereien, Running Gags und Anspielungen auf Politik, Musik und Literatur miteinander messen. Zwischen den Szenen wird die Handlung um Live-Musik unter der Leitung von Malcolm Kemp ergänzt. Mit frechen, anarchistischen Texten singen die Akteure als Band „Kool & the Käng“ gegen die „Scheissvereine dieser Welt“ und beweisen dabei auch ihr musikalisches Talent. Das Känguru greift zur Geige, der „Star der Nebenrollen“ spielt Trompete, der Kleinkünstler Gitarre und Melodica.

Wie die Geschichte ausgeht, da sind sich die Hauptfiguren – wie so oft – uneinig. Marc-Uwe bevorzugt ein glaubwürdiges Ende, das Beuteltier ist für ein Happy End. Das Publikum wolle so etwas eben sehen – Realismus hin oder her: „Schließlich bin ich auch ein sprechendes Känguru!“ Welches Ende das „Wahre“ ist, bleibt offen. Das Humorzentrum des (vorwiegend jungen) Premierenpublikums hat das kultige Stück so oder so getroffen. Der reale Marc-Uwe Kling dürfte also zufrieden sein.

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