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Die Faszination einer monströsen Welt

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
Wie vor hundert Jahren: Der St
Wie vor hundert Jahren: Der Stolberger Fotograf Rolf Werner hat die verfallende Industrielandschaft in Charleroi und Seraing bei Lüttich porträtiert und eine unmenschliche, monströse Welt eingefangen, die es zumindest in Europa so wohl kaum an einem anderen Ort noch gibt. Die Ausstellung der Bilder ist ab Freitag bis zum 23. Oktober im Industriemuseum Zinkhütter Hof in Stolberg zu sehen. Foto: Rolf Werner

Stolberg. Sie trägt den wenig schmeichelhaften Titel der „hässlichsten Stadt der Welt”, zuerkannt von den Lesern der niederländischen Tageszeitung „De Volkskrant”: Charleroi.

50 Kilometer südlich von Brüssel gelegen, streifen jährlich gut fünf Millionen Touristen die größte Gemeinde der Wallonie, ohne sie tatsächlich wahrzunehmen - als Kunden der Billigfluggesellschaft Ryanair, die den nahen Flughafen 2001 zu ihrem ersten kontinentalen Stützpunkt ausbaute.

Dabei ist Charleroi mitsamt seiner Industrielandschaft absolut sehenswert, geradezu ein historisches Vorzeigestück - allerdings der negativen Art. Der Stolberger Fotograf Rolf Werner hat Momentaufnahmen festgehalten - in Char-leroi und Seraing bei Lüttich, Fotos, die er jetzt im Industriemuseum Zinkhütter Hof in Stolberg ausstellt. Wer das Gespür und einen Nerv hat für die morbide Schönheit des Verfalls und den besonderen Reiz einer endzeitlichen Stimmung - der ist bei diesen rund 50 Aufnahmen genau richtig aufgehoben.

Stolberg traf es besser

„Cockerill Country” lautet der Titel der Schau - er könnte Stolberg genausogut treffen wie Charleroi, schließlich wurden beide Städte als industrielle Hochburgen von der gleichen Familie geprägt: den Cockerills, namentlich William Cockerill und seinen drei Söhnen William junior, James und John. Unter ihrer Ägide entstand in der Wallonie ein gigantischer Komplex der Eisen- und Stahlindustrie, dessen rostende Relikte heute vor sich hindämmern. 1835 lässt James in Stolberg-Münsterbusch eine Glashütte errichten - heute das Museum Zinkhütter Hof, 1837 investiert Bruder John in den Bau einer Zinkhütte. Der Niedergang holt die Cockerills bereits Ende der 1830er Jahre ein, doch ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gehen in Charleroi und Seraing die Lichter erst richtig aus - heute sieht es dort im Gegensatz zu Stolberg, das den Wandel sehr viel besser überstanden hat, noch so aus wie vor hundert Jahren. Eine Szenerie, wie gemacht für Fotografen mit Sinn für besondere Details, Kontraste und Stimmungen. Reif für den Abrissbagger und schlichtweg unbewohnbar wirkt der Straßenzug erbärmlicher, einstöckiger, verrußter Häuser einer Arbeitersiedlung. Wie Hohn springt einem gegenüber der Schriftzug eines Werbeplakats ins Auge: „I love my home!”

Schiffe voller Metallschrott, abgebrochene Treppen vor erkalteten Kaminen, die Betontrasse einer
S-Bahn, die einem Chaos aus Stahlgerippen, Rohrgebilden und schlammigen Böden einen letzten Rest an Struktur verleiht - all das beschreibt eine zerstörte Landschaft, Relikte eines sozialökonomischen Zersetzungsprozesses, der seine ganz eigene Ästhetik des Verfalls hervorgebracht hat. Faszinierend und abstoßend zugleich.

Leben in unwirtlicher Gegend

Hier und da entsteigt monströsen Bauten dichter Dampf, Menschen beladen Autos auf grobem Kopfsteinpflaster - es gibt immer noch Leben in dieser unwirtlichen Gegend, es wird immer noch produziert in uralten Fabriken aus dem vorletzten Jahrhundert. In Charleroi und Seraing lässt der Strukturwandel noch auf sich warten.

Rolf Werner, von Hause aus eigentlich Rechtsanwalt, hat sich in ein unglaublich großes Labyrinth der puren Ungemütlichkeit begeben - allerdings nicht ohne Führer. Der belgische Aktionskünstler Nicolas Buissart, der organisierte Safaris durch diesen Flecken vergessener Erde in Charleroi anbietet und sich selbst in den verstecktesten Winkeln noch bestens auskennt, hat ihn an die Hand genommen, um ihm die bizarrsten Auswüchse dieser Industriewelt zu zeigen. Sie wirkt in ihrer Unmenschlichkeit wie von einem anderen Stern.

Die Eröffnung findet am Freitag um 19 Uhr statt

„Cockerill Country - Fotografien von Rolf Werner aus belgischen Industrierevieren in Charleroi und Seraing”, Zinkhütter Hof, Stolberg, Cockerillstraße 90.

Eröffnung: Freitag, 9. September, 19 Uhr. Es spricht Bernard Bonnery, ehemaliger Leiter des Institut Francais in Aachen.

Dauer: bis 23. Oktober.

Geöffnet: Di.-Fr. 14-17, Sa. 14-18, So. 10-18 Uhr. Infos unter ? 02402/903130.

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