Stolberg - „Der Weg nach Aachen“: Die Heimat in vielen Facetten eingefangen

„Der Weg nach Aachen“: Die Heimat in vielen Facetten eingefangen

Von: Marc Wahnemühl
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Konzert, Filmvorführung, Performance, Improvisation, Tanz, lebendige Installation, Zeitzeugendokumentation und noch viel mehr: Das alles ist das Künstler-Projekt „Der Weg nach Aachen“des niederländischen Filmproduzenten Jo Dautzenberg und des Aachener Saxophonisten Heribert Leuchter, das jetzt im Zinkhütter Hof in Stolberg zum ersten Mal aufgeführt wurde. Foto: Dirk Müller

Stolberg. Das Orchester hat schon angefangen, da schiebt sich eine junge Frau im weißen Kleid mit Koffer durch die Stuhlreihen. Der Scheinwerfer erfasst sie; sie telefoniert weiter. Einen Moment später betritt Katrin Henss die Bühne und ist Teil der Produktion „Der Weg nach Aachen“.

Jeder Lebensweg setzt sich zusammen aus Tausenden und Abertausenden einzelner Erfahrungen. Insofern ist es nur konsequent, dass der niederländische Filmemacher, Produzent und Musiker Jo Dautzenberg für sein Kunstprojekt „Der Weg nach Aachen“ nicht eine Gattung gewählt hat, sondern eine Collage aus vielen verschiedenen. Was am Montagabend im Zinkhütter Hof in Stolberg den Auftakt für eine Reise durch fünf Städte der Region bildete, war Konzert, Filmvorführung, Performance, Improvisation, Tanz, lebendige Installation, Zeitzeugendokumentation und vieles mehr. Es war auch eine Zumutung. Im positiven Sinn. „Ja, wir muten dem Publikum einiges zu“, gibt der musikalische Leiter des Projektes, der Aachener Saxophonist, Produzent und Bandleader Heribert Leuchter, zu: „Aber es bekommt ja auch eine Menge dafür, dass es sich auf das Projekt einlässt.“

Kartoffelkönigin kommt zu Wort

Viel Aufwand haben die beiden Produzenten, die Fotografen, Tänzer, Musiker auf jeden Fall getrieben; sie spielen live und mit den Einspielern. Sie haben in verschiedenen Städten gefilmt, mit Menschen über ihre Heimat gesprochen. In den Filmsequenzen kommen Menschen aus der Region zu Wort.

Kerstin Geiser etwa. Sie ist amtierende Rheinische Kartoffelkönigin 2014. Viel wichtiger: Sie stammt aus Immerath, einem der Orte, die dem Braunkohletagebau Garzweiler 2 weichen müssen. Das Team filmt dort. In diesem Geisterort spielt Leuchter Saxophon, tanzt Masami Sakurai. Szenen, wie riesige Schaufeln sich durch die Erde fressen. Den Wasserdampf der Kühltürme begleitet das ausgezeichnete achtköpfige Orchester mit Improvisation: Die Bläser pusten und hauchen durch ihre In-strumente, die brisante Brise ist quasi greifbar. Dann ein summendes, brummendes Umspannwerk. Elektrizität pur. Die jeder braucht, auf die niemand gerne verzichtet. Ein Dilemma.

„Filmische Erzählung mit Livemusik“ nennt Dautzenberg, was er macht und was Roger van de Poel zu einem rund 90-minütigen Film montiert hat. Kohle, Abraum, Halden. Kulturlandschaft und Indus-triestandort. Tango im Elisenbrunnen im Film, Tango im Zinkhütter Hof live vor dem Orchester. „Der Weg nach Aachen“ ist extrem vielschichtig.

In Aachen angekommen: Bilder vom Krieg, Bomben fallen. „In jedem Gespräch, das ich über die Region geführt habe“, sagt der Niederländer, „wollten mir die Menschen am Ende dann doch noch etwas über den Krieg erzählen. Deshalb ist er auch im Film zu sehen.“ Dass wir heute Grenzen überschreiten, im Nachbarland Kaffee trinken und bummeln, ist zum Glück normal; vor einigen Jahrzehnten wäre es völlig undenkbar gewesen. „Fortschritt“, sagt Jo Dautzenberg dann, „ist der Weg, den wir gemeinsam gehen.“

Das Projekt ist auch deshalb nicht einfach, weil es vertonte, verfilmte, getanzte Philosophie ist: ein wenig sentimental, etwas melancholisch, überaus überraschend, und immer sehr persönlich. Denn der Weg ist für jeden Zuschauer letztlich sein eigener: der Weg zu sich selbst. Weil jeder sich in den Bildern und Tönen wiederfinden kann.

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