„Der Tanz kommt zurück nach Aachen!“

Von: Jenny Schmetz
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„Thank you, guys!“: Regisseurin Ewa Teilmans hat auf der Probebühne des Aachener Theaters zurzeit einige Jungs zu dirigieren. Auf Hochtouren wird bereits das Musical „West Side Story“ einstudiert – mit einem Ensemble aus aller Welt. Die Premiere ist am 21. September. Foto: Harald Krömer
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Training zwischen Laptop und Stadtpark: der niederländische Choreograph Joost Vrouenraets mit seiner Assistentin Maïté Guérin. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die letzte Premiere ist über die Bühne gegangen, die letzte Vorstellung naht. Nur noch sieben Tage bis zu den Sommerferien! Da können die Theaterleute also locker in die Saisonpause gleiten. Das mag der gesättigte Zuschauer meinen. Aber Entspannung ist nicht!

Die Probenbühnen des Aachener Theaters sind derzeit nicht verwaist, sondern proppenvoll. Warm, feucht und stickig das Klima – schlimmer kann es in einem dieser brasilianischen Fußballstadien kaum dampfen. Schnaufen und schwitzen für die nächste Spielzeit. Unter Hochdruck wird bereits geprobt, denn gleich zum Start wird die aufwendigste Produktion der Saison auf die große Bühne gewuchtet – die „Mutter aller Musicals“: Leonard Bernsteins „West Side Story“.

Das Ensemble ist groß und bunt. Fast 40 Sänger, Schauspieler, Tänzer und Statisten sind in Aktion. „Wir können das spielen!“, meint Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck. Zwar kann er die anspruchsvollen Hauptpartien der modernen Romeo-und-Julia-Geschichte mit Sängerdarstellern aus dem Ensemble besetzen: Tenor Patricio Arroyo und Sopranistin Camille Schnoor sind als Liebespaar Tony und Maria zu erleben, Mezzo Sanja Radisic als Anita. Allerdings wurden auch eine Menge Gäste engagiert. Ein Ballettensemble gibt es in Aachen ja bekanntlich schon lange nicht mehr. Daher wurde drei Tage gecastet, um aus 280 Bewerbern 24 Tänzer auszuwählen.

Die Regisseurin Ewa Teilmans spricht bei der Probe Englisch mit deutschen Bröckchen. „Everybody is Ausländer“, sagt sie. Die Mitwirkenden kommen aus aller Welt: ob aus Holland, Russland, Israel oder den USA. Und diese Mischung passt perfekt zum Stück über Konflikte zwischen Einheimischen und Zuwanderern. Großartig neu lesen muss die Regisseurin das gar nicht. Jets und Sharks, die beiden rivalisierenden Gangs aus dem New York der 1950er Jahre, knallen in ihrer Inszenierung 2014 aufeinander. „Wir lernen nichts aus dieser langen Geschichte der Vorurteile und des Hasses“, meint Teilmans. Nach Happy End hört sich das nicht an.

Sänger tanzen, Schauspieler singen, Tänzer spielen – gar nicht so einfach. Bevor es an Feinheiten geht, muss Teilmans die 56 Szenen erst mal zusammenpuzzeln. Sie will weg von der Ästhetik des bekannten Hollywood-Films, weg vom Naturalismus. Schon seit einem dreiviertel Jahr entwickelt sie mit Bühnenbildner Oliver Brendel die Szene: zwei mobile Wände, bis 2,30 Meter hoch. Höher hinaus darf man nicht klettern – ohne Geländer. Und dieses Kunststück soll ohne Sicherung über die Bühne gehen.

Der Choreograph Joost Vrouen-raets mag das Risiko. Der 35-jährige Niederländer lockt seine Tänzer gerne bis zum körperlichen Limit. Anders als sie musste er keine Bewerbung über die Grenze schicken. In Aachen ist der Heerlener, der in Maastricht lebt, kein Unbekannter. Empfohlen hat ihn der städtische Kulturmanager Rick Takvorian, denn bei dessen Aachener Schrittmacher-Festival hat Vrouenraets mit seiner Compagnie Gotra bereits gastiert. Teilmans und Schmitz-Aufterbeck haben sich in Heerlen eine seiner Produktionen angeschaut und waren angetan, weil Vrouenraets gerade nicht der „konventionelle“ Musical-Choreograph sei. Dabei hat er selbst eine Musical-Ausbildung an der Hochschule der Künste in Amsterdam absolviert, tanzte dann aber lieber für das Ballett des berühmten Maurice Béjart, bevor er selbst anfing zu choreographieren.

Die sauber-genormten Musicalkörper und -stimmen interessieren ihn nicht. „Je unterschiedlicher, desto besser“, sagt er auf Englisch. Er habe beim Casting das Feuer in den Augen der Tänzer gesucht – und sie deshalb auch mal auf sich zukrabbeln lassen, erzählt der schmale und doch muskulöse Mann mit dem Superman-Logo auf der T-Shirt-Brust. Voller Energie, sehr athletisch, ja akrobatisch erscheinen die ersten Probeneindrücke. Der Choreograph mischt Elemente vom klassischen Ballett bis zu Martial Arts. Er suche den anderen Dreh, lässt Kampfszenen mit Umarmungen starten oder ganz ohne Berührung ablaufen.

Mit ihm müssen die Tänzer, aber auch Schauspieler und Sänger, ein tägliches Training absolvieren: jeden Morgen eine Stunde „class“ mit Meditation und Kung Fu, dazu Laufen im Stadtpark – die beiden Gangs schön getrennt, links hetzen dort die Sharks die Treppe hoch, rechts die Jets. Manch ein Parkbesucher habe schon überrascht geguckt: „Ach, da kommen die schon wieder!“ Joost Vrouen-raets will seine Botschaft raustragen aus dem Haus: „Der Tanz kommt zurück nach Aachen!“

Der Dirigent ist leider nicht rechtzeitig in Aachen eingetroffen. Ursprünglich sollte der künftige Erste Kapellmeister Justus Thorau die Leitung übernehmen, aber das Staatstheater Karlsruhe gab ihn nicht so früh frei. Dann wurde Generalmusikdirektor Kazem Abdullah angekündigt, doch der zeitliche Probenaufwand erwies sich als zu umfangreich. Und so lenkt nun Kapellmeister Volker Hiemeyer rund 40 Musiker des Sinfonieorchesters – „eher eine Big Band“ – durch den Musical-Klassiker, der viele Stil-Einflüsse von Jazz und Oper bis zu Vaudeville und Zwölftonmusik vereint und harte Sozialkritik mit süßen Hits von „Tonight“ bis „Maria“ serviert. Zunächst muss er aber dafür sorgen, dass die singenden Tänzer zwischendurch auch mal einen Blick zum Dirigenten werfen.

Die Erfolgsgeschichte? Fast egal, wie und wo die „West Side Story“ gezeigt wird, sie ist ein Publikumsrenner – in Aachen zuletzt unter Intendant Elmar Ottenthal in der Saison 1992/93: Damals strömten in 54 Vorstellungen 41 442 Zuschauer – eine Platzauslastung von 98 Prozent. Jetzt stapelt das Theater erst mal tiefer. 20 Aufführungen sind angesetzt. Der Vorverkauf läuft gerade an. Aber Zusatzvorstellungen sind möglich . . .

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