Marl/Aachen - Der stille Star wirkt lieber im Hintergrund

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Der stille Star wirkt lieber im Hintergrund

Von: Martin Heinen
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Grimme-Preisverleihung in Marl mit Aachener Beteiligung: (v.l.n.r.) Filmkomponist Dieter Schleip, die Schauspieler Ulrich Noethen und Martin Feifel sowie TV-Produzent Oliver Berben. Foto: Martin Heinen

Marl/Aachen. Unter dem verregneten Himmel von Marl schwebt heute eine fiktive Gitarre und ein überdimensionaler Kamerakran in der Luft. Die TV-Krake ist vom WDR, das Instrument ist Thema des ZDF-Films „Kommissar Süden und der Luftgitarrist”, der gleich - neben 35 weiteren Preisträgern - den Adolf-Grimme-Fernsehpreis 2010, das TV-Lorbeerblatt an sich für bildungspolitischen Medien-Mehrwert abseits der TV-Massenformate und des nur quotenorientierten TV-Mülls, erhalten wird.

Der schöne Teppich zum Theater der Stadt, die rund 90.000 Einwohner zählt und im nördlichen Ruhrgebiet liegt, ist kürzer als etwa jener in Cannes, Hollywood, Berlin oder Venedig. Der Bodenbelag zum besonderen Anlass, der in dieser Stadt einmal jährlich den kulturellen Höchst- und Ausnahmezustand andeutet, glänzt ganz in Rot, obwohl zur Idee und Sonderstellung des Grimme-Preises vielleicht eher ein hoffnungsvolles Wolkenblau oder feinstes Kritiker-Grau passen könnte.

Adolf Grimme, letzter Kultusminister einer demokratisch gewählten Staatsregierung in Preußen, Widerstandskämpfer in der Gruppe „Rote Kapelle”, später erster Direktor des NDR, gab der Ehrung für Andersdenkende im TV-Geschäft seinen Namen und die zentrale Botschaft mit, dass menschliche Grundwerte und nachhaltige Bildungs- und Wissensansprüche in der knallbunten Welt vor oder hinter dem Bildschirm eben nicht zwangs- und medienläufig verflimmern müssen.

Das war früher mal so, genauer ab 1964. Zur 46. Auflage des Versuchs, einen Akzent und Gegenentwurf zur beliebigen TV-Wirk-lichkeit zu setzen, gibt es im Foyer des Institutes für die Preisträger heute erst einmal warmen Kaffee und Gourmet-Häppchen. Es ist gemütlich und wenig aufgeregt. Der Promi-Hype, sonst eher hysterische Leinwand anderer TV-Preis-Happenings, hält sich hier in Grenzen. Senta Berger ist da, die Tagesschau, eine Meute besser erzogener Paparazzis von FAZ bis Bunte, sogar die Society-Spezialisten von RTL. Und: Dieter Schleip mit seiner Frau Adria de Marini.

Der Aachener, heute in München lebend, gehört zur Elite der deutschen Filmkomponisten, deren Werke sonst eher im Hintergrund klingen. Schleip steht für fast 160 „Soundtracks”, die er in den letzten 15 Jahren für ausgezeichnete TV- und Kinoproduktionen geschaffen hat. Großes Orchester für große Filme. Den Oscar hat er noch nicht, dafür fast alle anderen Ehrungen, die es in seinem Genre zu vergeben gibt. Der „Grimme” fehlte noch.

Verhalten gibt er zu: „Öffentlichkeit ist nicht so mein Ding. Ich bin ziemlich aufgeregt, aber genauso glücklich und am liebsten doch zu Hause.” Wohl bei seiner Frau Adria und im eigenen Studio, in dem er pro Jahr sechs bis acht Filmmusiken erarbeitet. Für seine Komposition zum Film mit dem Kommissar und der Luftgitarre von Dominik Graf, für die er die begehrte Trophäe erhält, brauchte er rund 250 Stunden. Hartes Handwerk im Schweiß der Noten, die er eben anders setzt als andere.

Sein Kontrapunkt geht gegen den Einheitsbrei der Filmbeschallung, die oft genug nur Kaufhausdudelei ähnelt. Er hat die Bilder schnell im Kopf und im Ohr, entwickelt direkt eine Matrix, spielt die Kernstruktur akustisch ein, experimentiert mit neuen Sounds und seltenen Instrumenten. Trotz der gewaltigen Emotionen und Klangfluten, die er auslöst, bleibt er selbst eher scheu, leise und bescheiden.

Es loben andere. Etwa der Regisseur Alexander Adolph: „Es gibt Leute, die erzählen nur sehr schlaue Sachen über Filmmusik. Und es gibt den Dieter Schleip, der sehr schlaue Filmmusik macht, weil der Dieter eben ein Meister ist”. Später - nach der Preisvergabe, die leider als TV-Übertragung nur in der Nische des ZDF-Theaterkanals und bei 3sat stattfindet, gibt er seine Preisskulptur, die noch ganz warm vor Aufregung ist, zur Sicherheit an der Garderobe ab. Er ist erleichtert, gönnt sich ein Bier und will auch nicht mehr lange bleiben. Im Hintergrund läuft irgendwie die Filmmusik dazu: Applaus, ganz still und stolz genug.
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