Aachen - „Der Stein”: Drei Generationen in einem spannenden Netzwerk

„Der Stein”: Drei Generationen in einem spannenden Netzwerk

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Mahnender Schatten: Elisabeth Ebeling (Mi.) als Witha, Katja Zinsmeister als Mieze (li.) und Stefanie Dischinger als Hannah in Marius von Mayenburgs Schauspiel „Der Stein”, das im Großen Haus des Theaters Aachen in einer Inszenierung von Nicolai Sykosch Premiere hatte. Foto: Carl Brunn

Aachen. In 80 Minuten bleibt das Bühnenbild von Barbara Steiner unverändert, dennoch bietet es Raum für wechselhafte Geschichte, die die stummen, inzwischen maroden Wände sechs Jahrzehnte lang „gespeichert” haben.

Das Haus mit der großen Nummer 19 war Raum für drei Generationen, für bittere Wahrheiten, für Verstrickungen, die bis heute unentwirrbar sind: „Der Stein”, Schauspiel des 1972 in München geborenen Autors Marius von Mayenburg - seit über zehn Jahren Dramaturg und Hausautor an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz - fasziniert in seiner bewegenden Dichte, die vom Zuschauer ein gewisses Maß an Vorbereitung verlangt, damit er die oft feinen Anspielungen, Wendungen, Wechsel und Seitenhiebe zu würdigen weiß. Kein Abend zum gemütlichen Sich-Berieseln-Lassen.

Was zu Anfang etwas umständlich wirkt, entwickelt sich nach und nach zum dichten menschlichen Drama. Nicolai Sykosch hat die Aufgabe anschaulich bewältigt, skizzenhaft existierende Verläufe dreier Generationen zu einem großen Bild zu verbinden, das einerseits die Unmöglichkeit zeigt, persönliche Lebenswege tatsächlich klar zu durchschauen, andererseits die Fähigkeit der Menschen jeder Zeitepoche, Schuld zu verdrängen.

Ein Haus in Dresden: Drei Generationen lebten in der Zeit von 1935 bis 1993 dort. Gerade hat man die Wiedervereinigung erlebt. Heidrun, ihre Mutter Witha - beide sind 1953 in den Westen geflohen - ziehen mit der jungen Tochter Hannah zurück ins einstige Haus der Familie. Hannah schimpft von Anfang an heftig über diesen Ortswechsel und registriert mit Erstaunen, jedoch eher desinteressiert die Mosaiksteinchen einer bewegten Vergangenheit. Einst hatte Heidruns Vater das Anwesen von einer jüdischen Familie gekauft - angeblich aus Menschenliebe, damit die Besitzer vor den Nazis flüchten konnten. Tatsächlich war es ein „günstiges” Angebot, und die Verhandlungspartner konnten sich nicht wehren.

Als messerschaft abrechnende Gestalt der Vergangenheit taucht immer wieder „Mieze” aus der hohen, schwarzen Bühnenöffnung im Mittelfeld der Bühne auf, von Katja Zinsmeister bitter, ernst und scharfzüngig gezeichnet. Sie, die einstige Hausherrin, spricht die Wahrheit über den Handel aus, den Witha eloquent schönredet. Und da gibt es noch ein Geheimnis: Withas Mann ist nicht etwa von einem Freudenschuss der einmarschierenden Siegertruppen getroffen worden - er, der Mitläufer, hat sich erschossen, als das Aus für das „Tausendjährige Reich” feststand.

Wechselnde Zeitebenen

Sykosch lässt seine Figuren fast übergangslos die Zeitebenen wechseln. Das stellt höchste Ansprüche an die Darsteller, die alle souverän erfüllen - ganz besonders Elisabeth Ebeling als Witha. Der Tag des Umzugs 1993 zeigt sie als alte traumatisierte Frau, die mit Kriegsvisionen kämpft. Rückblende: Nun ist sie die selbstbewusste Dame der Gesellschaft, die sich keine lästigen, Gedanken machen möchte. Wird es kritisch, stutzt sie kurz, dann strafft sich ihre Figur, und sie zieht mit einer konsequenten, sich wiederholenden Geste die leichte Jacke ihres eleganten Strick-Twinsets wie einen Schutz vor unbequemer Wahrheit zurecht.

Torsten Borm taucht mehrfach als nicht gerade heldenhafter weichlicher Vater Wolfgang auf. Stefanie Dischinger ist als Hannah in ihrer ungezwungenen Protesthaltung ein überzeugend empörter Teenager mit Cola-Dose und hochfliegenden, naiven Plänen. Anne Wuchold spielt das Mädchen Stefanie, für das in DDR-Zeiten das nun verkaufte Anwesen ein Zuhause war, als Vertreterin einer Generation, der man buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Bettina Scheuritzel vermittelt als Heidrun, Kind aus Zeiten der Nazi-Begeisterung, wie schwer es ist, bequeme Lügengeschichten aufzulösen und sich Wahrheiten zu stellen. Nun 1993 - trägt sie die Verantwortung und flüchtet sich geschäftig in das, was sie schon mit den Puppen gut konnte: alle bemuttern und nicht so genau hinhören. Für zeitlose Kleidung sorgt Tina Kloempken, die sich nicht durch Accessoires (Uniformelemente oder Hakenkreuze) verführen lässt.

„Der Stein”, Titel gebendes Detail, bleibt allgegenwärtig im Vordergrund, ein realer Brocken auf der Bühne, in den Händen der Familienmitglieder als Pflasterstein eine Reliquie, die dem Papa einst an den Kopf flog, als er Gutes für Juden tat - angeblich. Wie ein Schatz am Haus vergraben und später erneut gehoben, wird er irgendwann Symbol eines zu Stein gewordenen, bröckelnden Lügengebäudes.

Gut gezeichnete Charaktere

Sykosch gelingt die Personenführung mit klarer Struktur, sowie eine Ausgestaltung der Charaktere in feinen Details. Er arbeitet nicht mit dem Holzhammer sondern mit einem scharfen Skalpell. Es lohnt, hier einzutauchen und mitzudenken.

Schön, dass der Zuschauer ohne Pause zuhören und zuschauen darf, gut auch, dass Mayenburg das Stück, das 2008 in Berlin uraufgeführt wurde, nicht ausufern lässt. Anhaltender Beifall im Großen Haus für alle.

„Der Stein”, Schauspiel von Marius von Mayenburg, Theater Aachen, Bühne. Aufführungen am 23. Januar, 19.30 Uhr, und am und 29. Januar, 20 Uhr. Spieldauer eine Stunde und 20 Minuten ohne Pause. Karten siehe Hinweis auf dieser Seite.
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