Aachen - Der Mensch hinter der großen Botschaft

Der Mensch hinter der großen Botschaft

Von: Hermann-Josef Delonge
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Erklärungsbedarf: Torsten Borm als Nathan, Katharina Merschel (links) als Recha und Elisabeth Ebeling als Daja. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Will man den Kern dieser Inszenierung begreifen, hilft es, beim letzten Bild zu beginnen. Als nämlich die Beziehungsgeflechte und Verwandtschaftsgrade geklärt sind und mithin alles gut ausgegangen sein sollte, da haben sich alle ihrer Kleidung entledigt und stehen in Unterwäsche auf der Bühne, aus der Rolle gefallen, reduziert auf das reine Menschsein.

Kein Happy End, keine Freude, nur Ratlosigkeit und Trauer. Was hilft es, wenn politische und religiöse Konflikte (vorübergehend?) gelöst sind, darüber jedoch eine große Liebe unmöglich gemacht wird?

Regisseur Ludger Engels geht es in seiner Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise” am Theater Aachen eben nicht in erster Linie um die großen Themen und Botschaften, um Ringparabel und Aufklärung, um „wahre Religion” und die Kraft der Toleranz.

Er will vielmehr zeigen, was bestimmte Strukturen - politische und/oder religiöse - mit den Menschen, die in ihnen leben müssen, anstellen. Wie sich ein Individuum anpassen muss, wie es sich behaupten kann. Und welche Narben aus diesem Kampf bleiben.

Heraus kommt ein überaus spannender Theaterabend, der trotz über drei Stunden Länge nie langweilt - was ja schon ein Wert für sich ist.

Die Szene ist in Jerusalem. Ric Schachtebeck hat dafür ein Einheitsbild geschaffen: eine simple, leicht ansteigende Bretterbühne mit einer Welle aus Holz, die aus der Ferne an eine Landschaft erinnert. Dahinter die Klagemauer, an der die Protagonisten immer wieder geschäftig vorbeilaufen - Alltagsszenen aus dem heutigen Israel.

Der Nahost-Konflikt knallt immer wieder mit ohrenbetäubendem Lärm ins Geschehen: Bombenanschläge, dann hagelt es Plastikstühle, Sandsäcke oder Geröll aus dem Schnürboden. Bühnenzauber, der Engels und seinem Team arg plakativ geraten ist.

Dazu gehören auch die Handys, mit denen der Sultan herumfuchtelt. Karsten Meyer zeigt ihn als latent überforderten, eher unpolitischen Herrscher im weißen Anzug und mit silbernen Schuhen, den Palästinenserschal über dem Kopf. Seine große Sorge ist nicht die Politik, sondern die leere Schatulle. Mit Sittah, seiner Schwester, bildet er ein veritables Glamour-Paar.

Elke Borkenstein spielt sie als schlangenartige Einflüsterin mit scharfem Verstand, die zwar den Kopf züchtig bedeckt hält, das aber entweder mit einer glitzernden Disco-Robe bewerkstelligt oder mit der Kapuze einer weißen Hülle, vorne hoch geschlossen, hinten spektakulär und Sharon-Stone-mäßig rückenfrei (Kostüme: Julia Kaschlinski).

Das Zentrum des Stücks aber ist der grandiose Torsten Borm. Sein Nathan ist kein weiser Mann mit Rauschebart, sondern ein cooler Checker mit geschmeidigen Bewegungen, dem Leben sinnenfroh zugewandt und mit leichtem Hang zum Dozieren. Er trägt zwar Kippa, Tallit und Zizit, die traditionellen Kleidungsstücke der gläubigen Juden, ist aber genervt von jedem Sektierertum.

Wenn Nathan seinen alten Freund Al-Hafi, den Schatzmeister des Sultans, trifft, dann darf auch schon mal gerappt werden (Roman Kohnle gelingt in dieser Rolle das schöne Psychogramm eines Mannes, der von seiner Krawatte, Insignium seiner Position, fast erdrosselt wird und flieht).

Er weiß auch, wie er die esoterische Schwärmerei seiner für ihren Retter, den christlichen Tempelherren, entflammten Ziehtochter Recha erdet: mit klarer Ansage. Ein Mann, der mit Ideologie nichts im Sinn hat.

Und die fast zu Tode zitierte Ringparabel? Engels nimmt ihr die Bedeutungsschwere, indem er sie ironisch wie eine Schulstunde inszeniert: Alle sitzen bei Nathans Vortrag auf der Bühne, und beim Höhepunkt, dem weisen Spruch des Richters, hocken alle wie im Klassenzimmer auf Bänkchen. So manche Schulklasse, die diese Aufführung - hoffentlich - besucht, wird sich da wiederfinden.

Aufrichtiger, heftiger Applaus für das Ensemble auf der Bühne und das Regieteam dahinter.


Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise” in der Inszenierung von Ludger Engels ist noch am 19., 23. und 26. September, 6., 9., 11. und 16. Oktober, 21. November, 9. und 17. Dezember, 24. Januar, 14. und 25. März sowie am 4. April im Theater Aachen zu sehen.

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