Aachen - Der leise Mann des Raumes im Raum

Der leise Mann des Raumes im Raum

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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Viele Durchgänge: Bühnenbildner Ric Schachtebeck in einem Fragment seiner „Don Giovanni”-Szenerie. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Zwischen Abfall und brennender Mülltonne auf einer Straße Harlems, mitten im tiefsten Tannenwald oder in einem gläsernen Büroturm: Überall hat Don Giovanni schon die Frauen bezirzt. Kein Ort ist Bühnenbildnern für die Seitensprünge von Mozarts Opernhelden abseitig genug.

Dabei gibt das Libretto mit Garten, Ballsaal und Friedhof die Schauplätze vor. Aber das moderne Regietheater schert sich darum selten. Ric Schachtebeck meint dagegen: „Man braucht gar kein Bühnenbild.” Und macht sich mit dieser Aussage im Grunde arbeitslos. Denn er ist - Bühnenbildner.

Viel wichtiger als genaue szenische Orte seien bei „Don Giovanni” die Aktionen zwischen den Figuren, meint der 58-Jährige. Deshalb setzt er für die nächste Premiere am Theater Aachen auf eine schlichte Lösung. Vielleicht ist das sogar ein Stilmerkmal seiner bereits elf Aachener Arbeiten: Schachtebeck mag´s gerne schlicht. Schlicht, klar, ohne Schnick-Schnack, so sind seine Bühnen. Räume, die Raum geben - zum Spielen und für die Fantasie der Zuschauer.

Schachtebecks Schachtelsystem

Von solch einem „Stil” möchte Schachtebeck selbst lieber nicht sprechen. Aber er betont, dass ein Bühnenbild nicht ablenken dürfe. Im Gegenteil: Es muss „die Vorlage verdeutlichen”, „die Musik hörbar machen”. „Dass Sänger und Schauspieler gut präsentiert werden und atmen können”, das ist für ihn „das Allerwichtigste”.

Ziemlich zurückhaltend hört sich das an. Aber möglicherweise täuscht der Eindruck. Der Mann mit dem fast kahl rasierten Kopf und den grauen Bartstoppeln, der mit Strickjacke, Jeans und Turnschuhen auch schlicht gekleidet ist, macht keine großen Gesten und redet gelassen und leise. Dass er öfter Urlaub in einem buddhistischen Kloster in Indien macht, nimmt man ihm gerne ab.

Aber ein Wörtchen mitreden möchte Schachtebeck bei einer Produktion dann doch. Als Mit-Autor im Team, ganz egal, ob Chefregisseur Ludger Engels inszeniert oder eine junge Frau - wie bei „Don Giovanni”: Eva-Maria Höckmayr ist fast 30 Jahre jünger als Schachtebeck, der „schon länger im Business drin ist”. Und zwar nicht nur als Bühnenbildner, sondern auch als Szenenbildner für Film und Fernsehen, Tänzer, Choreograf, Regisseur und Journalist. „Sehr erfrischend” sei die Zusammenarbeit mit Höckmayr. Und keine „Autoritätsgeschichte”. Er fühle sich nicht als „Vater”, sondern als gleichberechtigter Kommunikationspartner.

Diese Kombination von Newcomerin und altem Hasen wurde schon in der vorigen Saison bei „Pelléas und Melisande” erprobt. Ein „cleveres Risiko” sei der Intendant da eingegangen, meint Schachtebeck. Es hat sich mehr als gelohnt: Eva-Maria Höckmayr wurde für ihre Inszenierung mit Preisen dekoriert, so dass die überregionale Kritik auch am Sonntag genau hinschauen wird.

Trotz aller Schlichtheit öffnet sich kein ganz leerer Raum, sondern ein Raum im Raum im Raum. Ein Schachtelsystem hat Schachtebeck entworfen. Mit der Regisseurin sei die Anfangsidee, ein Warteraum am Flughafen, weiterentwickelt worden. Nun steckt ein roter Innenraum in einem grauen Außenraum: die Welt Don Giovannis in der Welt der Konvention. 22 Drehtüren ermöglichen das „Rein- und Rausflutschen”.

So kann der Lebemann schnell an die Frauen ran. Sie sind in Aachen aber keineswegs Opfer, sondern wissen, was sie tun, erklärt Schachtebeck. Er und die Regisseurin sehen Don Giovanni nicht als Wüstling, sondern als Freigeist, der seiner Zeit voraus ist. Vergleichbar mit dem Genie Mozart, das gegen alle Theater-Konventionen rebellierte, meint Schachtebeck. Und kommt spielend von Mozarts Biografie zu seiner Recherche im Salzburger Geburtshaus, von der Bühne des 18. Jahrhunderts zur „Don Giovanni”-Rezeptionsgeschichte, von der sexuellen Freizügigkeit der 70er zur Prüderie der jungen Generation.

Schachtebeck stellt seine Kunst zurück und redet leise, aber so ausdauernd wie ein Regisseur oder Dramaturg. Warum hat er selbst noch keine Oper inszeniert? „Eigentlich sollte ich das mal”, sagt er und lacht. „Finde ich auch!”

Von der Modelleisenbahn zum Beruf, von Mallorca nach Aachen

Ric Schachtebeck wurde in Hannover geboren und wuchs in Ostfriesland auf. Sein Vater, ein Amtmann, sorgte mit einer großen Bibliothek, „Vorlesungen” über Komponisten und Opern-Quizspielen am Plattenteller für die musikalische Bildung des Sohnes.

„Über meine Modelleisenbahn bin ich zum Beruf des Bühnenbildners gekommen”, sagt Schachtebeck. Als Sechsjähriger habe er Häuser für seine Landschaften gebaut. Er studierte Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule der Künste Berlin.

Eine Modern-Dance-Ausbildung absolvierte er parallel dazu in Berlin und New York und trat auch als Tänzer auf. Als Choreograf und Regisseur arbeitete er unter anderem am TaT Frankfurt. An Körper- und Improvisationstechniken hat er auch mit Chor und Solisten am Theater Aachen gefeilt.

Von 1988 bis 1990 war Schachtebeck Chefbühnenbildner an den Städtischen Bühnen Kiel. Er machte Ausstattungen für Film und Fernsehen, etwa die Daily-Soap „Mallorca”. Seit sechs Jahren konzentriert er sich wieder auf die Theaterarbeit - mit Schwerpunkt in Aachen.

Ric ist ein eingetragener Künstlername. Seinen ursprünglichen Doppel-Vornamen verrät Schachtebeck lieber nicht.

Mozarts Oper „Don Giovanni” hat am Sonntag, 20. Februar, um 18 Uhr, Premiere im Theater Aachen. Die Titelpartie singt Wieland Satter, der in dieser Saison als Mazeppa sein Debüt in Aachen feierte. In den weiteren Rollen: Hrólfur Saemundsson (Leporello), Eva Bernard (Donna Anna), Antonia Bourvé (Donna Elvira), Astrid Pyttlik (Zerlina), Patricio Arroyo (Don Ottavio), Pawel Lawreszuk (Masetto) und Marek Gasztecki (Komtur). Das Aachener Sinfonieorchester dirigiert Generalmusikdirektor Marcus Bosch. Weitere Aufführungen: 25. Februar, 6. und 19. März, 8., 23. und 25.April, 8., 11., 15., 26. und 29.Mai, 1. und 12. Juni sowie 14.und 24. Juli.
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