Aachen - Der „Generalsekretär” hält alles zusammen

Der „Generalsekretär” hält alles zusammen

Von: Hermann-Josef Delonge
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Es kann losgehen: Kurator Thomas Fusenig mit dem Aufsteller, der für die Hans-von-Aachen-Ausstellung werben Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Immer, wenn der Stress mal wieder groß ist oder es gar Ärger gibt, betrachtet Thomas Fusenig auf seinem Rechner die hochaufgelösten Abbildungen der Gemälde, die bald im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu sehen sind - und deren Zusammenstellung ihm bisweilen eben diesen Stress und Ärger bereiten.

„Dann weiß ich, dass sich die ganze Arbeit lohnt”, sagt er. „Es ist halt ein tolles Projekt, zu dem ich mich selbst nur beglückwünschen kann.”

Nun ist Fusenig kein Freund überschwänglicher Gefühlsausbrüche; Sätze wie diese sind aus seinem Mund deshalb bemerkenswert. Sie deuten an, mit wieviel Enthusiasmus derzeit im Haus an der Wilhelmstraße jene Ausstellung vorbereitet wird, die das Zeug dazu hat, weit über die Region hinaus Zeichen zu setzen: „Hans von Aachen. Hofkünstler in Europa”.

Die erste große Werkschau

Es ist die erste große Werkschau des 1552 geborenen und 1615 gestorbenen Malers, nach Aachen ist sie in Prag und Wien zu sehen. Die Schirmherrschaft haben die Staatschefs Heinz Fischer (Österreich), Václav Klaus (Tschechien) und Horst Köhler (Deutschland) übernommen, die Ausstellung kostet an den drei Standorten zusammen rund zwei Millionen Euro. Fakten und Zahlen, die die für das Suermondt-Ludwig-Museum außergewöhnliche Dimension verdeutlichen.

Thomas Fusenig ist als Kurator für die Ausstellung in Aachen verantwortlich. Seit November 2008 ist er festangestellt dabei. „Ich bin der Generalsekretär des international besetzen Experten-Komitees, das festgelegt hat, welche Werke zu sehen sein sollen”, beschreibt der Kunsthistoriker selbst seine Stelle. Will heißen: recherchieren, reisen, rechnen, Kontakte knüpfen und pflegen, konferieren. Als gebürtiger Niedersachse von eher zurückhaltendem Temperament, hält Fusenig, der im April 47 Jahre alt wird, gerne im Hintergrund die Fäden der Organisation in der Hand und schwärmt von der wissenschaftlichen Kompetenz der Kollegen, die das Werk Hans von Aachens aus dem Effeff kennen und für den großen Katalog zur Ausstellung die maßgeblichen Essays schreiben werden - allen voran Eliska Fuc’ková aus Prag.

In Aachen kennt sich Fusenig, der mit seiner Familie in Essen lebt, gut aus. Hier hat er Kunstgeschichte studiert („zunächst eher eine Verlegenheitslösung”) und 1993 bei Prof. Hans Holländer über „Liebe, Laster und Gelächter” in der italienischen Malerei Anfang des 16. Jahrhunderts promoviert. Danach hat er knapp zwei Jahre im Suermondt-Ludwig-Museum gearbeitet und dort die niederländischen Gemälde der Sammlung von 1550 bis 1800 neu katalogisiert. 15 Jahre später führte ihn sein Berufsweg wieder zurück. Anlass: die aufsehenerregende Ausstellung „Schattengalerie” über die verlorenen Werke der Sammlung. Und jetzt also Hans von Aachen.

Seine Qualifikation? Fusenig ist Spezialist für die Malerei der Renaissance. Hans von Aachen vereinte, nicht zuletzt durch seine Reisen, den niederländischen und italienischen Stil zu einer originären Handschrift, die ihm zum bedeutendsten Vertreter der zentraleuropäischen Malerei dieser Epoche machte. Der Aachener Museums-Chef Peter van den Brink wird aber auch Fusenigs Organisationstalent zu schätzen gewusst haben, als er ihn bat, die Ausstellung zu kuratieren. „Ich war nie ein Fachmann speziell für Hans von Aachen, und ich werde es wohl auch nicht werden”, sagt Fusenig offen. Wie gesagt: Die wissenschaftlichen Meriten überlässt er gerne anderen. Kann er auch - Hauptsache, die Organisation steht und läuft. Das Schwärmen von Licht-Schatten-Spielereien, von einem besonders faszinierenden Pinselstrich ist seine Sache nicht.

Fusenig pflegt eine eher nüchterne Herangehensweise „Ich will Zusammenhänge herstellen, Fragen beantworten, Probleme lösen”, sagt er. Die Verehrung von Künstlern sieht er nicht als die originäre Aufgabe der akademischen Kunstgeschichte an. „Ich bin Historiker, kein Kritiker”, sagt er. Deshalb beschäftigt er sich auch wissenschaftlich nicht mit der Kunst der Gegenwart oder der klassischen Moderne. Und deshalb wehrt er sich auch auf die Einengung seines Fachs auf den kleinen Kanon der Meisterwerke.

„Natürlich mag es viel schöner sein, sich mit guten Bildern zu beschäftigen”, gesteht er ein. Aber was ist mit den vergessenen Künstler und deren Werken? „Diese Frage hat mich immer besonders interessiert.” Und dann schwärmt er doch: von seiner Arbeit über den „Geldteufel als Justitia”, das Gemälde eines unbekannten englischen Malers aus dem Jahr 1695 - ein, wie er selbst sagt, „schlechtes Bild”, das weitgehend unbeachtet im Depot des Suermondt-Ludwig-Museums steht. Diese Allegorie auf die Bestechlichkeit des britischen Parlaments im 17. Jahrhundert zu entschlüsseln, das verlange die Hartnäckigkeit eines Archäologen und den Spürsinn eines Detektivs.

Kunstgeschichte, wie Thomas Fusenig sie liebt und praktiziert. Der Enthusiasmus für Schönheit ist ihm aber auch nicht fremd. Sonst würde er ja auch nicht immer zur Entspannung Hans von Aachens Gemälde auf seinem Rechner betrachten, wenn der Stress mal wieder groß ist.
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