Aachen - Den tönenden Wahnsinn stets unter Kontrolle gehalten

Den tönenden Wahnsinn stets unter Kontrolle gehalten

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Mit Beethovens Vierter und Schostakowitschs Neunter Sinfonie widmete sich Marcus R. Bosch im 3. Sinfoniekonzert zwei Werken, die sich nie aus dem Schatten ihrer berühmteren Geschwisterwerke befreien konnten. Unverständlich.

Mit der überrumpelnden Explosivkraft der „Eroica” und der „Fünften” kann es Beethovens Vierte vielleicht nicht aufnehmen, wohl aber mit deren Ausdruckstiefe. Und in der komprimierten Form seiner ungewöhnlich kurzen Neunten Sinfonie tritt Schostakowitschs zerrissenes Weltbild sogar noch prägnanter in Erscheinung als in dessen Monumentalsinfonien.

Beiden Sinfonien haftet der Ruch klassizistischer Gefälligkeit an. Dabei braucht man bei Schostakowitsch nicht lange warten, bis die neoklassizistische Fassade bröckelt und zur fratzenhaften Groteske mutiert. Die klingende Reflexion mit dem stalinistischen Irrsinn bildet das Rückgrat des Werks, und Bosch kann es angesichts des spieltechnischen Niveaus der Aachener Sinfoniker wagen, die hochvirtuosen Husarenritte der brillanten Partitur auch in extremen Tempi auszuspielen. Den tönenden Wahnsinn hält er stets unter Kontrolle, scharf und unter die Haut gehend.

Davon profitiert auch die Beethoven-Interpretation, wobei, wie so oft schon, Boschs exzellente Tonbildung, dynamische Differenzierung und perfekte Phrasierung gar nicht oft genug gepriesen werden können. Auch hier kann Bosch dem Orchester, nicht nur im quirligen Finale, dem Orchester erstaunlich viel zumuten.

Sadlo zeigt sein ganzes Können

Allerdings behandelt Bosch die Streicher so zurückhaltend, dass sie im Zusammenspiel mit den Bläsern bisweilen das Nachsehen haben. Und das angeschlagene Allegretto-Tempo des Adagios verhindert zwar jene zähen Längen, für die gerade dieser Satz anfällig ist, bringt jedoch eine Unruhe mit sich, die die dramaturgische Funktion dieses Ruhepunkts gefährdet.

Zwischen Giganten wie Beethoven und Schostakowitsch nimmt sich der Amerikaner Paul Creston mit seinem 1940 entstandenen „Concertino for Marimbaphon and Orchestra” bescheidener aus. Ein gefälliges Werk mit dankbaren Aufgaben für den Solisten. Der zog alle Register seines immensen Könnens. Verwundern darf das nicht: Schließlich hat man als Ersatz für den vorgesehen Solo-Schlagzeuger Martin Grubinger niemand Geringeren als Peter Sadlo gewinnen können, die Koryphäe seines Instruments schlechthin.

Sadlo präsentierte sich so souverän, dass das kurze Concertino wie eine Aufwärmübung zu seiner fulminanten Zugabe wirkte, „Cross-over” von Wolfgang Reifeneder für kleine Trommel, dem Herzstück jedes Schlagzeugs. Und einem Meister wie Peter Sadlo reichen eine schlichte Trommel und zwei Sticks vollauf aus, um ein rhythmisches Feuerwerk der Sonderklasse entzünden zu können.

Wie gewohnt, begeisterter Beifall des Publikums für alle Beteiligten im voll besetzten Eurogress.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert