Aachen - Das Theater Aachen stellt die Machtfrage

Das Theater Aachen stellt die Machtfrage

Von: Hermann-Josef Delonge
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Die Spielzeit 2018/19 kann kommen: der neue Aachener Generalmusikdirektor Christopher Ward, Schauspielchefin Inge Zeppenfeld und Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck (von links). Foto: Harald Krömer

Aachen. Es geht um nichts weniger als die Machtfrage in der neuen Spielzeit am Theater Aachen, im Großen wie im Kleinen. Um die Katastrophen, die durch Machtmissbrauch ausgelöst werden, um die Machtverhältnisse im Mikrokosmos Familie, um die Neuorganisation von Macht angesichts von Digitalisierung und Globalisierung. Aber auch um die Ohnmächtigen, die Verlierer, die „Abgehängten“.

Theater als Spiegel unserer Zeit, als Spiegel der Welt, in der wir leben: Diesen Anspruch haben Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck und Schauspielchefin Inge Zeppenfeld an die Stücke, die sie mit ihrem Team ausgewählt haben. Am Donnerstag war Programmpräsentation; mit dabei war auch Aachens neuer Generalmusikdirektor Christopher Ward, der mit seinem Konzertprogramm bereits einige Ausrufezeichen setzt.

Musiktheater: Familie und andere Katastrophen. Diese Zustandsbeschreibung passt auf die meisten der sieben neuen Musiktheaterproduktionen. Das Spektrum des Programms reicht von Händel, dessen Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ als szenische Installation im Aachener Dom (anlässlich der Aufnahme des Münsters auf die Weltkulturerbe-Liste der Unesco vor 40 Jahren) und auf der Bühne zu erleben sein wird, über Mozart, Gounod, Bernstein bis hin zu Hans Werner Henze. Eine Operette gibt es übrigens auch mal wieder: Offenbachs „La Grande-Duchesse de Gérolstein“.

Schauspiel: Hoffen wir, dass das Aachener Publikum seine „Jelinek-Phobie“ tatsächlich abgelegt hat, wie Inge Zeppenfeld meint. Christian von Treskow hat jedenfalls eine Affinität zu den Stücken der Nobelpreisträgerin. Er inszeniert „Am Königsweg“; das Stück wurde erst im Oktober 2017 uraufgeführt und ist viel mehr als eine Abrechnung mit Donald Trump. Über die Stückeauswahl insgesamt stellt Zeppenfeld das Motto „Das System, die Macht und all das Schöne“ – verbunden mit dem Versprechen, dass es nicht nur um die Analyse gesellschaftlicher und politischer Machtverhältnisse gehen soll, sondern auch um das, was das Leben schön macht, um die Möglichkeiten, die sich irgendwie doch ergeben.

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Los gehts: Am 9. September mit Verdis Familiendrama „Die Macht des Schicksals“ in der Urfassung und in italienischer Sprache, deshalb: „La forza del destino“. Der neue GMD präsentiert sich dem Publikum erstmals im Theater. Gefeiert wird obligatorisch nach der Premiere, das „richtige“ Theaterfest steigt knapp drei Wochen später: am Samstag, 29. September, mit Gala auf der großen Bühne. Tickets für die ersten Premieren der Saison gibt es ab heute.

Regisseure: Die bewährte Mischung aus bewährten und neuen Kräften. Ewa Teilmans ist dabei, Ludger Engels, Jarg Pataki, Joan Anton Rechi, Michael Helle, Christian von Treskow, Christina Rast, Elina Finkel und Jenke Nordalm, um nur einige zu nennen. Erstmals in Aachen inszenieren Jakob Arnold, Malte Lachmann, Felix Sommer und Ruth Messing im Schauspiel sowie Nina Russi in der Oper.

Wiederaufnahmen: Als „dicke Bretter“ und auf der großen Bühne stehen Schillers „Räuber“ und Verdis „Traviata“ wieder auf dem Programm, dazu Marc-Uwe Klings unkaputtbare „Känguru-Chroniken“ und „Ichglaubeaneineneinzigengott.hass“, Stefano Massinis Spiel um Identität, Wahrheit und den Nahost-Konflikt, im Mörgens sowie der nordische Psycho-Slapstick „Elling“ in der Kammer.

Familienstück: Es hat sich bewährt, deshalb gibt es auch in der kommenden Spielzeit zwei Familienstücke. „Das hässliche Entlein“ nach dem Märchen von Hans Christian Andersen richtet sich an ein Publikum ab vier Jahren. Das Berliner Kollektiv Zirkusmaria ist mit seinen Puppen wieder in der Kammer am Start. Für Kinder ab acht Jahren ist „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff auf der großen Bühne gedacht. Regie führt Sebastian Martin, der auch „Elling“ ins Mörgens gebracht hat.

Uraufführungen: Davon gibt es „nur“ eine in der Kammer. In „Zur Hölle mit den anderen“ feiern zwei ehemalige Studienfreundinnen ihr Wiedersehen und liefern sich einen bitterbösen Kampf um die moralische Überlegenheit ihrer jeweiligen Lebensentwürfe. Nicole Armbruster hat das Stück fürs Fernsehen geschrieben, in der ARD war es erst Anfang des Jahres zu sehen.

Projekte: Es geht ums Ganze in „Utopie 5.0 – Helden im OP: Rettet die Demokratie!“, anknüpfend an den Protestsongabend „Nicht mit uns!“ aus der vorletzten Spielzeit. Experten kommen zu Wort, um Visionen, Utopien und kleinere Reparaturarbeiten zu diskutieren, mit denen das System Demokratie am Leben gehalten werden kann.

Kooperation: Ins dritte Jahr geht die Zusammenarbeit mit dem Parkstad Limburg Theater. Von Aachen aus starten Busse zu vier Tanzproduktionen in Heerlen, im Gegenzug kommen Busse aus den Niederlanden zu vier Opernproduktionen nach Aachen.

Spielzeitheft: Vier Teile in handlichem Format, festgehalten von einer Banderole. Dass die kompakte Übersicht über alle Produktionen, bestückt mit Porträtaufnahmen des kompletten Ensembles, falsch eingeklebt wurde, ist ein verzeihbares Malheur. Als besonderes Bonbon gibt es ein Preisrätsel mit 21 Fragen zu den Produktionen. Wer die Lösung findet, kann ein Abo gewinnen.

Finanzen und Preise: Die finanzielle Situation bleibt schwierig, aber das ist nicht neu. Neu ist allerdings die Zielvereinbarung mit der Stadt, in deren Folge sich das Theater bis 2021 mit rund 1,3 Millionen Euro mehr an seiner Finanzierung beteiligen soll. Der städtische Zuschuss liegt bei rund 21 Millionen Euro jährlich, reicht aber nicht. Teil dessen ist eine Erhöhung der Ticketpreise um rund zehn Prozent. Die Maßnahme soll 200.000 Euro pro Jahr mehr bringen – wenn die Zuschauer nicht ausbleiben. Die Preiserhöhung – die erste seit sechs Jahren – nennt der Intendant „akzeptabel“ und kündigt eine Reform des Abo-System an. Erste Planungen dazu laufen. Bei der Zielvereinbarung erhofft er sich viel von höheren Zuschüsse, die das Land für die städtischen Bühnen angekündigt hat.

 

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