Aachen - Das EM-Stadion Kiew stammt aus Aachen

Das EM-Stadion Kiew stammt aus Aachen

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
Christian Hoffmann
Christian Hoffmann

Aachen. Wenn am Sonntag in Kiew das Finale der Fußball-EM angepfiffen wird, dann verfolgt in Aachen der Architekt Christian Hoffmann nicht nur das Spielgeschehen mit Spannung: Immerhin ist es sein „Kind”, das an diesem Abend weltweit in den Mittelpunkt rückt - das Olympiastadion in der ukrainischen Hauptstadt.

Im Architektenwettbewerb um das prestigeträchtige Projekt hatte er - unter seiner Leitung ist der Entwurf in Aachen entstanden - am Ende sogar Sir Norman Foster ausgestochen.

Ein traumhafter Blick eröffnet sich auf der Dachterrasse des Hauses Rennbahn 5-7 in Aachen: Kaum mehr als einen Steinwurf entfernt überragt der Bau des Doms majestätisch das Dächergewirr, ein wenig links davon prägt das Rathaus das prächtige Panorama - mit der Aussicht lässt es sich arbeiten. „Das ist der Grund, weshalb wir immer hier geblieben sind”, schmunzelt Christian Hoffmann. Mitten im Zentrum, mitten im Geschehen. Letztes Jahr feierte das Büro sein 25-jähriges Bestehen - die Aachener Niederlassung des größten deutschen Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp). 30 Mitarbeiter verteilen sich in dem Stadthaus auf vier Etagen. Nicht lange her, da betrieb noch ein Grieche im Erdgeschoss ein Restaurant. „Der hat im Keller ganze Schweine gegrillt”, amüsiert sich Hoffmann. „Das zog dann über alle Etagen bis nach oben.”

Die Gaststätte ist einem gediegenen Foyer gewichen, hervorstechend der Wandschmuck: großformatige Fotos von Stadien - Arenen, die aussehen wie gelandete Ufos. „Die Initialzündung war der RheinEnergieStadion in Köln”, erzählt Hoffmann.

Dieser Bau, 2004 für die Fußballweltmeisterschaft 2006 fertiggestellt, und der vorangegangene gewonnene Wettbewerb (2001) erwiesen sich in der Folgezeit als Referenzprojekt. Ein Wettbewerbsgewinn folgte daraufhin dem nächsten. Mittlerweile hat das Aachener gmp-Büro Stadien zur Fußball-WM in Südafrika 2010, in Brasilien zur WM 2014, in Varna (Bulgarien), Bukarest (Rumänien), Chorzów (Polen), Taschkent (Usbekistan) und Foshan (China) entworfen. Und eben auch das Olympiastadion in Kiew, das bereits seit 1923 bestand und an gleicher Stelle für die EM 2012 einem modernen Ersatzbau an gleicher Stelle mitten in der Stadt weichen sollte.

Zunächst gewann ein Taiwanese

Nach Ende des Wettbewerbs sahen die Aachener ihre Felle in Kiew bereits schwimmen, denn gewonnen hatte zunächst ein taiwanesisches Büro, das den Bau mit einem chinesischen Generalunternehmer realisieren wollte. Doch irgendwie vertrugen sich die ukrainischen und chinesischen Partner nicht so recht, es kam kein Bauauftrag zustande. Schließlich sollte einer der beiden gemeinsamen Zweitplatzierten zum Zuge kommen: Sir Norman Foster in England - die berühmte Glaskuppel des Berliner Reistags stammt von ihm - oder gmp in Aachen. Die Aachener setzten sich durch, nicht zuletzt durch die Einbeziehung eines verlässlichen Planungsbüros vor Ort.

„Den eigentlichen Ausschlag gab aber sicher”, ist Hoffmann überzeugt, „dass wir die denkmalgeschützten Oberränge des Stadions erhalten wollten. Das ist eine sehr schöne, filigrane Konstruktion aus den siebziger Jahren.” Weiterer Pluspunkt für die Baumeister aus Aachen: Viele der Konkurrenten wollten aus dem ursprünglichen Leichtathletik-Stadion eine reine Fußballarena machen. Dank Hoffmann & gmp wurde dagegen das typische Oval und damit eine vielfach nutzbare Sportstätte erhalten.

Und wie verbindet man Alt mit Neu zu einer harmonischen Einheit? Hoffmann: „Die Lösung bestand darin, die Dachkonstruktion vollständig abzutrennen.” Ergebnis: Das Dach würde selbst dann noch stehenbleiben, wenn es das Stadion gar nicht gäbe. Das Seilnetztragwerk mit seiner Membranbespannung funktioniert dabei wie das Speichenrad eines Fahrrads, erklärt Hoffmann das Prinzip. Während zwei übereinanderliegende Druckringe außen wie eine Felge wirken, fungiert der Zugring in der Mitte des Dachs wie eine Nabe.

Ein grandioser Effekt hat sich durch die Konstruktion selbst ergeben: Die Hochpunkte der Mem-branbespannung wurden als durchsichtige Lichtkuppeln ausgeführt, die aus Stabilitätsgründen durch mehrere Lagen des Gewebes sternförmig verstärkt wurden - so wirkt das Dach, von unten betrachtet, wie ein Himmel voller Sterne.

Bis in kleinste Details planten die Aachener Architekten die Arena in Kiew, die 1923 als „Rotes Stadion Leo Trotzki” in Betrieb genommen wurde und im Wandel der Geschichte noch sechs Mal umgetauft wurde. Ab 1980 hieß es schließlich „Olympiastadion”: Kiew wurde zu einem von vier Austragungsorten des Fußballturniers im Rahmen der Olympischen Sommerspiele in Moskau.

Warum die Ukrainer die Arena bei ihrer Fertigstellung 2011 nicht nach seinem Erbauer in „Hoffmann-Stadion” umbenannt haben, ist nicht überliefert. Immerhin hat sein Aachener Büro für jeden einzelnen der 60.000 Sitze ganz individuell die Farbe ausgewählt. Zur Verfügung standen allerdings - selbstredend - nur Gelb und Blau, die Nationalfarben der Ukraine. Die beiden Farben sind wie bei einem Pixelbild Sitz für Sitz so verteilt worden, dass überhaupt nicht mehr auffällt, wie gefüllt das Stadion tatsächlich ist. Irgendwie sieht es im Wechsel von hellem Gelb und dunklerem Blau immer voll auf den Rängen aus.

600 Millionen Euro soll der Bau am Ende gekostet haben, aber so genau weiß das keiner. „Man weiß ja auch nicht, ob Arbeiten im Bereich der Infrastruktur dazugerechnet wurden.”

Bei Gottfried Böhm hat Hoffmann an der RWTH studiert. Assistent wurde er, nachdem Volkwin Marg 1984 als Nachfolger für Böhm auf den Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre berufen wurde. An der Rennbahn 5-7 entstand zunächst ein Atelier, wo Marg mit seinen Assistenten und „Hiwis” halbtags Theorie und Praxis bei konkreten Aufträgen miteinander verbanden. Aus dem Atelier wurde mit der Zeit ein international agierendes Büro, das in den 90er Jahren die bereits 1965 von Marg und Meinhard von Gerkan gegründete gmp-Mutter in Hamburg mit einem Schlag überflügelte: Das Aachener Büro gewann den Wettbewerb für die Neue Messe in Leipzig. Volumen: 1,35 Mliiarden D-Mark, punktgenau fertiggestellt am 12. April 1996.

Fotos zahlreicher Großprojekte zieren heute alle Etagen im gmp-Haus in Aachen: Das Herzzentrum an der Uniklinik Köln (2007) bildet dabei ein Referenzprojekt auf einem ganz deren Feld. Danach folgten etliche andere Aufträge im Klinik- und Laborbereich. „Das ist unsere Schwarzbrotarbeit”, sagt Hoffmann. Nur von freier Arbeit wie bei Stadien kann auch das renommierteste Architekturbüro nicht leben. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Die neue Airbus-A380-Wartungshalle in Frankfurt wurde ebenso in Aachen entworfen wie ein Bahnhof in Kasachstan. Am Uniklinikum Köln steht die Erweiterung um acht OPs an - allein in technischer Hinsicht eine Herausforderung. In Aachen entstanden das Institut für Physikalische Chemie (2004) und das Werkzeugmaschinenlabor (2005). Ganz frisch im März hat das Aachener Büro den Wettbwerb für das neuer Verwaltungsgebäude des Stadtwerke-Verbunds Trianel gewonnen, das an der Krefelder Straße errichtet werden soll.

Der Erfolg liegt wohl in der erklärten Architektur-Philosophie bei gmp, möglichst einfache Formen aus der Konstruktion erwachsen zu lassen und damit die Ablehnung eines nur aufgesetzten Vokabulars, das weder in Bezug zur Nutzung noch zur Konstruktion steht.

Am schönsten, erinnert sich Christian Hoffmann, war die Zusammenarbeit in China, beim Bau des Stadions und einer Schwimmhalle in Foshan. „Da sagte der Bauherr zu uns: ?Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, das Projekt für uns zu realisieren.” Und es gibt doch noch gutes Benehmen auf der Welt...
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