Daniel Keenes „Der Regen” im Theater K: Erinnerung, sprich!

Von: Grit Schorn
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Intensiv: „Der Regen” im The
Intensiv: „Der Regen” im Theater K mit Beate Lohse (vorne) und Susanne Schiefer. Foto: Jaspers

Aachen. Langsam, fast lähmend beginnt dieser Abend im Aachener Theater K: ein verwahrlost wirkender Raum, vollgestopft mit Textilien, Bettzeug, Koffern, Schuhen. Ein alter Fernseher zeigt ein starres Bild: ein Mädchenkopf mit langem Haar, davor ein Feld, Summtöne. Auf der Bühne plötzlich eine junge Frau in hellem Licht, eine alte Frau im Halbdunkel.

Schnell wird deutlich, dass die beiden Frauen eine einzige Person sind: Hanna, die alte Frau von heute, und ihr jüngeres Ich von einst. Faszinierend das intensive Zusammenspiel von Beate Lohse als Greisin und Susanne Schieffer als junges Mädchen - ein Glücksfall. Denn „Der Regen”, das Stück des australischen Dramatikers Daniel Keene (57), ist nicht leicht zu verkraften.

Es geht nicht nur um den Holocaust, sondern auch um heutiges Unrecht, Fremdenhass und Völkermord. Etwas vage bleibt, wieso ausgerechnet die junge Hanna in die Einöde geriet, wo Menschen in Züge getrieben wurden. Und warum werden dem Mädchen all die Gegenstände, die die „Bahnreisenden” nicht mitnehmen dürfen, zur Aufbewahrung übergeben? Kein Bahnhof, nur Schienen auf freier Strecke - Deportationen der (un)heimlichen Art?

Wie nebenbei erzählt die Greisin ganz ohne Selbstmitleid, dass sie all diese Gegenstände in ihrem Haus aufhob und lagerte, bis für sie selbst kein Platz mehr war und sie im Hof schlief. Der Zorn und die Verunsicherung der jungen Hanna treffen auf die Resignation der alt gewordenen Hanna, die aufgrund dieses „Vermächtnisses” gar kein eigenes Leben mehr führte. Denn immer hat sie darauf gewartet, dass jene Menschen zurückkehren und ihr die anvertrauten Dinge wieder abnehmen.

Der Höhepunkt der klugen Inszenierung von Annette Schmidt liegt nicht nur in der symbolträchtigen Szene, als ein Regenguss (der eine berührende Geschichte hat) die alte Frau durchnässt, sondern vor allem in den grandiosen Szenen, die zu einem Zwiegespräch zwischen beiden Identitäten führen. Und wenn beide Frauen wie nach einem Kampf Rücken an Rücken zu einer „Skulptur” zusammenfinden oder die junge Hanna ihre langen Haare über den schmalen Kopf der Greisin ausbreitet, wird es totenstill im Bühnenraum.

Angesichts der neu erwachten Kraft von Hanna, für immer bewahrende Zeitzeugin zu sein, hätte es eigentlich nicht mehr der plakativen Szene mit Schreibmaschine auf dem Tisch oder umherflatternden Datenblättern bedurft. Lang anhaltender Applaus des Publikum.

„Der Regen” von Daniel Keene ist noch am 24. und 27. April sowie am 3., 15. und 24. Mai, jeweils 20 Uhr, im Aachener Theater K (Bastei), Ludwigsallee 139, zu sehen.
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