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Coldplay: „Vergessen Sie nicht, dass wir Engländer sind”

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Live-Erlebnis: Coldplay-Sänger Chris Martin bei einem Live-Konzert. Foto: ddp

Aachen. Ihr aktuelles Album „Viva La Vida” wurde kürzlich mit knapp sieben Millionen weltweit verkauften Exemplaren offiziell zum bestverkauften Album des Jahres 2008 gekürt. Bei den Grammys wurden Coldplay mit drei Trophäen bedacht und bei den Brit Awards, die am 18. Februar 2009 vergeben werden, steht die Band ebenfalls hoch im Kurs.

Im Juli 2009 startet die englische Band ihre allererste Stadiontournee, im Rahmen derer sie in Hannover, Düsseldorf (27. August LTU Arena) und München den zweiten Teil ihrer „Viva La Vida”-Tour präsentieren wird. Michael Loesl sprach mit Sänger Chris Martin und Lead-Gitarrist Jonny Buckland.

Lastet gerade eine schwere Bürde auf Ihrer Band, weil Sie just zu den Superstars des letzten Jahres gekürt wurden?

Chris Martin: Ich will nicht arrogant klingen und natürlich freuen wir uns in Zeiten, in denen kaum noch jemand CDs kauft, auch über sieben Millionen verkaufte Exemplare unseres aktuellen Albums. Aber wenn die Rekorde und Awards eine Bürde für uns darstellten, würden wir sie überhöhen. Für uns war schon immer der Weg das Ziel und im Moment läuft der Motor unserer Band so geschmiert wie nie zuvor. Wir sind hungrig darauf, uns an unseren eigenen Maßstäben zu verbessern.

Wie sehen die konkret aus?

Jonny Buckland: Sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was man in kreativer Hinsicht geschaffen hat. Wenn man eine bestimmte Form von Erfolg erreichen konnte, fragt man sich meistens erstaunt, wonach man nach der zigsten Million noch streben soll. Wir haben uns dazu entschlossen, nicht nach noch mehr Erfolg, sondern nach dem Ausleben unserer Kreativität zu streben.

Sie galten bislang nicht als besonders aufregende Bühnenakteure. Was hat den zunehmende Unterhaltungswert Ihrer Band während der letzten Tour bewirkt?

Chris Martin: Frank Zappa sagte mal, dass man als Künstler ein gesittetes Privatleben führen solle um in seiner Arbeit wild und extremistisch agieren zu können. Er hatte vermutlich absolut Recht, denn in den ersten Jahren unserer Karriere waren wir auf der Bühne ein wenig zu gesittet. Jetzt, da wir alle Kinder haben, macht das Ausleben der Extreme auf der Bühne viel mehr Sinn und Spaß. Man strebt halt immer nach dem, was man gerade nicht hat. Zuviel Heimeligkeit im Privaten führt zu Ausbruchsversuchen, was unserer Musik und unserer Präsentation auf der Bühne offenbar zuträglich ist.

Manifestiert sich demnach in den portraitierten Rockstarklischees in Ihrem Video zur neuen Single „Life In Technicolor II” eine geheime Sehnsucht?

Chris Martin: Warten Sie ab bis sie unsere Konzerte im Sommer erleben können! Nein, ich scherze nur, aber Coldplay wird nach unserer Sommertour sicher noch mal anders wahrgenommen werden. Andererseits ist es doch besser die eigene zerstörerische Kraft in einem Video als im normalen Leben auszuleben, oder? Warum hätten wir ansonsten wohl einen Helikopter Fenster zerstören lassen?

Setzt das Bewusstsein des eigenen Alterungsprozesses bei Ihnen Energien frei?

Chris Martin: Als Sekundärfolge auf jeden Fall. Wir haben das Alter hinter uns gelassen, in dem wir vor allem cool rüberkommen wollten, was wiederum die Energie respektive den Mut freigesetzt hat, sich jetzt auf der Bühne und in den eigenen Songs viel organischer, authentischer präsentieren zu können, was bis hin zur Absurdität führen kann.

Warum wollten Sie denn überhaupt ursprünglich als coole Band gelten?

Chris Martin: Vergessen Sie nicht, dass wir Engländer sind! Wir schämen uns regelrecht für alles, was dem wirklich freien Ausdruck eines Individuums entspricht. Wir mussten diesen angeborenen Habitus erstmal ablegen, bevor wir als Privatmenschen und Künstler wir selbst sein konnten. Wobei unser neues Selbstbewusstsein eher in unseren bunten Bühnenklamotten als in uns selbst steckt.

Die Bühnenuniformen sind also eine Art Maske, durch die Sie ein höheres Maß an Authentizität gewinnen?

Jonny Buckland: Ganz sicher sogar. Masken erlauben einem immer das zu sein, was man entweder sein möchte oder ist, wenn man es unmaskiert nicht ausleben kann. Vermutlich sind wir, wie viele andere auch, ziemlich gehemmte Typen.

Chris Martin: Die Uniformen sind auch eine Aufforderung an die Leute, die wenig Geld haben, sich selbst etwas zu schaffen, mehr Selbstrespekt beispielsweise, um damit eine Art Bewegung in Gang zu setzen, die der momentanen weltweiten Krise trotzt.

Mal ganz ehrlich: Ist das angesichts Ihrer vielen Millionen, die Sie als Band mit Ihrer Musik verdient haben, nicht eine leicht zynische Aufforderung?

Chris Martin: Geld zu haben bedeutet nicht automatisch das Recht auf den Wunsch nach einem empathischen Miteinander bei seinem Bankier abgeben zu müssen. Ich sage ja auch nicht, dass jeder danach streben soll reich zu sein und kann vielleicht an dieser Stelle als Zwischenergebnis mitteilen, dass ich jetzt, nach zehn Jahren erfolgreicher Musikerkarriere, wenn überhaupt, nicht glücklicher bin als vorher. Die Bewegung, die uns vorstrebt, trotzt den turbokapitalistischen Auffassungen von teuren Warengütern als äußerliches Bekenntnis zur Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Klassen. Was denken Sie wohl warum der Song „Viva La Vida” ein so großer Erfolg geworden ist?

Weil er bei Ihren Konzerten mehr als jeder andere Ihrer Songs eine Einheit schafft?

Chris Martin: Exakt. Die meisten von uns denken, dass es da draußen irgendwo eine Mehrheit gibt, zu der sich der Einzelne nicht zugehörig fühlt, nur weil sich viele von uns bestimmte Etiketten nicht leisten können. Es gibt diese Mehrheit gar nicht und wenn doch, dann besteht sie aus lauter Menschen, die sich nicht zugehörig fühlen. Ein Song wie „Viva La Vida” schafft tatsächlich ein Zugehörigkeitsgefühl und deswegen sind wir wirklich stolz darauf ihn geschrieben zu haben.

Ein Popsong kann also immer noch gesellschaftspolitische Relevanz haben?

Jonny Buckland: Ich will mich dabei nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber woran liegt es wohl, dass Konzerte und Fußballspiele einen immer höheren Andrang erleben? Es ist das Bedürfnis des Individuums, sich in einer Gemeinschaft wieder zu finden.

Was wiederum direkt die Frage aufwirft, warum Coldplay-Konzerte in der Regel doch eher relativ kurze Angelegenheiten sind.

Chris Martin: Diese Kritik hören wir seltsamerweise nur in Deutschland. Andererseits hat sie vielleicht auch etwas Gutes, denn schlimmer wäre es, wenn man uns nachsagen würde, dass unsere Konzerte zu lange dauern würden. Ich persönlich mag Konzerte nicht besonders, die mehr als 90 Minuten lang meine Aufmerksamkeit fordern. Aber im Sommer werden wir ohnehin zehn Minuten länger spielen, oder vielleicht sogar 20 Minuten mehr speziell für das deutsche Publikum.

Jonny Buckland: Oder wir spielen unsere Songs hier einfach ein bisschen langsamer.
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