Frankfurt - Clemens Meyer: „Man macht's mit. Aber es ist und bleibt ein Zirkus“

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Clemens Meyer: „Man macht's mit. Aber es ist und bleibt ein Zirkus“

Von: Thomas Thelen
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Clemens Meyer (36) selbst ist ein bisschen schicker geworden in den vergangenen Jahren. Seine Vorliebe für die schmutzigen Themen und die Figuren am Rande der Gesellschaft ist aber geblieben. Der im S. Fischer Verlag erschienene Roman „Im Stein“ spielt im Prostituierten-Milieu einer ostdeutschen Großstadt.
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In Clemens Meyers Roman „Im Stein“ (S. Fischer-Verlag) kämpfen Prostituierte, Engel und Geschäftsmänner um Geld und Macht und ihre Träume. Schonungslos und zärtlich schreibt Meyer von den Menschen, den Nachtgestalten, von ihrem Aufstieg und Fall, vom Schmutz der Straße und dem Fluss des Geldes. Mit großer Kraft und Emotion erzählt er die Geschichte einer Stadt, die zum Epochen-Roman wird.

Frankfurt. Das Enfant terrible der jungen deutschen Literaturszene wirkt sehr müde. Clemens Meyer sitzt in einem Raum, der die Größe einer Vorratskammer hat. Zwei Stühle, ein kleiner Tisch, Sprudelwasser und Orangensaft. Als sich die Türe schließt, herrscht für einen Moment eine unwirkliche Geräuschlosigkeit.

Das Stimmengewirr der Menschen, die vor der Türe den imposanten Messestand des S. Fischer Verlags belagern und den Lautstärkepegel konstant hoch halten, erstickt von einem auf den anderen Moment. Plötzlich herrscht Totenstille. Und Clemens Meyer (36) , der seit Tagen einen Termin nach dem anderen über sich ergehen lassen muss, wirkt erleichtert. Mit geschlossenen Augen sitzt er da, reibt sich die Stirn, so wie man sich die Stirn reibt, wenn man einen heftigen Kopfschmerz vertreiben will. Fast könnte man meinen, dass er hier in diesem Kabuff Platz genommen hat, um nie wieder aufzustehen.

Keine leichten Tage

Zur gleichen Zeit spricht die neue Buchpreisträgerin Terezia Mora am Stand einer großen deutschen Tageszeitung in das Mikrofon eines Fragestellers. Viele Menschen drängen sich vor der Bühne, jeder will einen Blick auf die Preisträgerin werfen. So wie auf Martin Walser, der Stunden zuvor an anderer Stelle im Gespräch mit der Kritikerin Iris Radisch umständliche Erklärungen auf ebenso umständliche Fragen zu seinem neuen Roman abgegeben hat. Irgendwie wurde man da den Eindruck nicht los, dass Walsers Zeit nun bald vorbei ist. Es kursiert ein Interview mit Clemens Meyer im Internet, in dem er Walser auf köstliche, ein bisschen respektlose Weise imitiert. Doch so muss das wohl sein. Was wäre das denn auch für eine Schriftstellergeneration, die nicht irgendwann an den Denkmälern kratzt?

Es sind keine leichten Tage für Meyer. Erst die Schlappe beim Wettbewerb um den Buchpreis samt der feierlichen Verleihungs-Zeremonie, die einem wie ihm fast körperliche Schmerzen bereiten muss, und dann der Messestress. Natürlich weiß er, was er seinem Verlag schuldig ist, weiß, dass er von dem lebt, was er bei Fischer verdient. Er kann sich dem Branchen-Spektakel nicht entziehen, doch er wird wohl auch niemals ganz dessen Forderungen erfüllen. Es ist das letzte Interview am Ende einer Buchmessenwoche, die viel Kraft gekostet hat. Noch einmal ein Aufbäumen, Meyer nimmt die Finger von der Stirn und öffnet die Augen. Da ist noch Leben in ihm.

Sie haben den Deutschen Buchpreis nicht bekommen. Wie hat sich das angefühlt bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer?

Meyer: Schön war das nicht. Man wird ja in gewisser Weise vorgeführt. Man macht das mit, weil man Geld damit verdient; ich lebe ja von dem Beruf. Aber unabhängig von solchen Preisen: Bücher sind vorher da, und sie sind nachher da. Und das ist das Entscheidende. Aber, wie gesagt, man macht diesen Zirkus mit. Aber es ist und bleibt ein Zirkus.

Was haben Sie gemacht, als der Zirkus zu Ende war?

Meyer: Ich bin gegangen. Die Veranstalter erwarten zwar, dass die Finalisten noch da bleiben und gute Miene machen; doch das ist nicht mein Ding. Ich bin mit den wichtigen Menschen von meinem Verlag und meiner Frau essen gegangen. Und damit war es dann auch gut. Für mich ist das Kapitel Deutscher Buchpreis abgehakt.

Das klingt, als seien Sie bitter enttäuscht.

Meyer: Also, ich sage es mal so: Mit den Leuten, die in der Jury saßen, muss ich in der nächsten Zeit nicht unbedingt was zu tun haben. Ich bin halt der Meinung, dass die Jury die falsche Entscheidung getroffen hat. Aber mein Buch wird dadurch nicht schlechter. Mein Freund Stan Nadolny, der bei der Preisverleihung hinter mir saß, war auch sehr enttäuscht. Wir sind nachher zusammen was trinken gegangen. Er war mein Ruhepol an diesem Abend.

Was halten Sie grundsätzlich von Literaturpreisen?

Meyer: Ich habe nichts Grundsätzliches gegen Preise. Der Heinrich-Heine-Preis oder der Büchner-Preis sind wichtig und vollkommen in Ordnung. Was mich stört, ist die Idee, dass die Autoren den Wettebwerb wie Gladiatoren austragen. Ich finde den Endrundencharakter fragwürdig, das ganze Prozedere, die Vermessenheit. Das sage ich, obwohl ich weiß, dass ich diesmal davon profitiert habe. Grundsätzlich sind sinnvolle Literaturpreise aber wichtig, weil die Autoren damit Geld verdienen können. Und als freischaffende Künstler, die kein Festgehalt bekommen, müssen sie das nun mal.

Haben Sie die Tage auf der Buchmesse sehr gestresst?

Meyer: Das gehört dazu. Und manches macht auch Spaß. Man ist beim Schreiben eines Buches mitunter jahrelang in der Isolation. Da ist es gut, wenn man mal wieder unter Leute kommt. Ich freue mich auch, wenn es ein gewisses Interesse an mir und meiner Arbeit gibt; das ist doch klar. Und man kriegt ja auch Zuspruch. So eine Messe ist wie ein Klassentreffen, ich treffe mich hier mit dem Verleger, mit meiner Lektorin und anderen Menschen aus dem Verlag. Das kommt so oft auch nicht vor. Und man trifft den einen oder anderen Kollegen, mit dem man ein bisschen befreundet ist. Das sind nicht viele, aber es gibt sie auch. Und dann gibt es die Abende. Da sitzt man und trinkt Wein oder Bier. Aber das ist in Ordnung, das ist gut so. Eine Buchmesse ist wie ein Rausch. Das nimmt man mit und gut ist.

Bringen Ihnen solche Tage auch etwas für Ihr Schreiben?

Meyer: Man zieht vielleicht etwas raus, was wichtig für das eigene Schaffen ist. Es gibt Bestätigung, und das ist nicht zu unterschätzen. Es tut mir auch gut, wenn mein Verleger beim Essen zu mir sagt, wie wichtig mein Buch für seinen Verlag und die deutsche Literatur sei. Das ist kein Geschwätz, sondern kommt von einem Mann, der seit mehr als 20 Jahren im Verlagsgeschäft ist. Es ist ja auch nicht schlecht, wenn man von einem Kritiker gelobt wird. Solche Dinge geben einem auch wieder eine gewisse Energie für neue Projekte.

Die Bestätigung für den zweifelnden Künstler?

Meyer: Schon, ja. Wobei der Zweifel, den auch ich kenne, in dem Moment aufgehoben ist, in dem ich das Buch beende. Der Zweifel begleitet mich beim Schreiben die ganze Zeit, von Kapitel zu Kapitel. Ich muss permanent gegen den Zweifel anschreiben, um am Ende ganz und gar hinter dem Werk stehen zu können. Und wenn es fertig ist, dann stehe ich dahinter, und zwar zu 100 Prozent. Ich weiß natürlich um die Größe meines Werkes. Das ist wie bei jedem, der ein Haus baut und sieht, was er erschafft. Aber Zustimmung von außen ist nicht unwichtig. Wenn es aber am Ende gar keine Zustimmung geben würde, dann wäre das eben so. Ich käme damit klar, weil ich selbst wüsste, dass das Buch gut ist. Ich würde ja kein Buch in die Welt setzen von dem ich nicht selbst überzeugt bin.

Legen Sie Wert auf die Meinung Ihrer Leser?

Meyer: Neulich habe ich in Frankfurt eine junge Frau am Hauptbahnhof getroffen. Ich lief da einfach nur rum und war froh, dass ich mal ein bisschen Ruhe hatte. Dann sprach mich die Frau, die mich offensichtlich erkannt hatte, an, und sagte mir, dass sie ein riesengroßer Fan meiner Bücher sei. Ich habe mich bedankt und mich sehr gefreut. Sogar beim Pferderennen in Paris sprach mich vor kurzem ein Fremder an. Das war lustig, denn mit meinem Vornamen hatte er es offensichtlich nicht so sehr. „Sie sind doch der Sven Meyer. Ich habe ihr erstes Buch gelesen, das ist sieben Jahre her. Sven Meyer, stimmt doch oder?“ Er sei sehr nah dran, habe ich geantwortet. Aber auch diese Begegnung hat mich gefreut. Ich habe dem Mann, der mich für Sven Meyer hielt, eine Unterschrift auf das Rennbahnprogramm gegeben.

Das heißt, man erkennt Sie inzwischen auf der Straße?

Meyer: Hin und wieder ja.

Und das tut gut?

Meyer: Ja klar, das ist schon gut. Da lebt man auch von. Und eben von der Meinung der Leser.

Was, wenn die Meinung negativ ist?

Meyer: Das haut mich nicht um. Erst gestern habe ich, was ich selten tue, bei Amazon reingeschaut und die Rezensionen zu meinem neuen Roman durchgelesen. Und am Ende vergeben die Leute ja immer Sterne als Bewertung. Und bei sieben Leuten hatte ich nur einen Stern. Aber ich finde das irgendwie super, denn das sagt mir ja auch, dass es sich um ein Buch handelt, das nicht leicht ist. Es ist stellenweise wirklich nicht leicht zu lesen, es ist nicht linear, es liest sich nicht einfach so durch, es ist sehr fragmentarisch.

Warum reden die meisten Schriftsteller, Sie eingeschlossen, so ungern über den Inhalt Ihrer Bücher?

Meyer: Ich bin der Überzeugung, dass ein Buch für sich selbst sprechen sollte. Es steht doch alles drin. Ich bin kein Typ für große Bucherklärungsversuche. Das Buch muss auch ohne mich existieren. Wenn in Zukunft jemand das Buch in die Hand nimmt, von mir aus in einer Bibliothek, dann muss es auch ohne mich funktionieren.

Was sollte dieser Mensch dann über Ihr Buch sagen?

Meyer: Mir würde gefallen, wenn er sagen würde: „Da hat jemand unglaublich viel Zeit und Raum und Mensch genommen und das alles in eine Kunstform gebracht.“ Das würde mir gefallen. Es würde auch mich freuen, wenn er sagen würde: ‚Mein Gott, was muss das damals für eine Zeit gewesen sein.‘ Wenn ich mir heute Joyce oder Balzac zur Hand nehme, denke ich das auch.

Sie bezeichnen sich als Kulturpessimisten und reden gerne davon, dass wir auf dem sinkenden Schiff sitzen. Lässt sich der Untergang noch abwenden?

Meyer: Ich denke schon, kann aber nicht sagen, wie das gehen soll.

Das klingt düster, unglücklich.

Meyer: Ich bin kein unglücklicher Mensch. Die Kunst, also die große Belletristik, beschäftigt sich nun mal eher mit menschlichem Unglück, mit dem Scheitern. Und so ist das bei mir auch.

Hat das Buch, zumal das gedruckte, eine Zukunft?

Meyer: Das Virtuelle wird leider immer bedeutender, Internet und dieses ganze Zeug. Und auch die Unterhaltungsliteratur nimmt immer mehr Raum ein . . .

. . . man könnte aber sagen, dass diejenigen, die Unterhaltungsliteratur lesen, immerhin noch lesen!

Meyer: Stimmt. Besser als gar nicht lesen. Und doch: Der Mensch wird zunehmend geprägt durch die leichte Konsumierbarkeit all der Dinge, die ihn umgeben. Das Thema interessiert mich sehr, ich versuche ja auch, diesen Missstand in meiner Literatur zu verarbeiten. Ich hege aber die Hoffnung, dass die anspruchsvolle Literatur gar nicht kaputt zu kriegen ist. Aber leider ist es wohl so, dass es immer schwieriger wird, das zu verhindern. Machen wir uns nichts vor.

Zurück zum gedruckten Buch. Wird es überleben?

Meyer: Ich habe auf meinem Rechner vier E-Books; zu Ende gelesen habe ich nicht ein einziges. Das sagt alles! Auf dem Rechner geht ein Buch in der Alltäglichkeit unter. In meiner Vorstellung existiert ein Buch immer als gedrucktes Buch. Mit den E-Books kommt leider die Idee abhanden, dass man für Literatur Geld ausgeben müsste. Wissen Sie, was im Zusammenhang mit dem neuen Roman für mich der größte Moment war?

Nein.

Meyer: Der größte Moment war, als ich das erste Exemplar des Romans per Post bekommen habe und es nach all der Arbeit in der Hand halten konnte. Das war das Größte! Da kommt auch kein Buchpreis oder sonst was mit. Ich bin dann in meine Lieblingsbar gefahren und habe mir eine Flasche Champagner bestellt; ganz für mich allein habe ich die getrunken.

Haben Sie an dem frisch gedruckten Buch gerochen?

Meyer: Nicht nur einmal – immer wieder. Das gedruckte Buch ist und bleibt eine einmalige Kunstform.

Das Interview mit Clemens Meyer führten wir bei der Frankfurter Buchmesse.

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