Christian von Treskow inszeniert „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

Von: Sabine Rother
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Entsetzen: Fabian träumt den realen Wahnsinn. Philipp Manuel Rothkopf (blaue Weste) und Tim Knapper in Erich Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Im Theater Aachen war Premiere. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Da steht er, breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, undurchdringliche Miene, kritisch-amüsiert, gelangweilt, Blick in die Ferne. Doch das wird sich ändern. „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ nach der erst 2013 von Sven Hanuscheck herausgegebenen Urfassung des Großstadtromans von Erich Kästner, hat Christian von Treskow für die Bühne des Theaters Aachen inszeniert.

Der bemerkenswerte Sprechtheater- Auftakt beweist, wie strukturiert Treskow und sein Team an so eine schwierige Aufgabe herangehen. Das Kostüm- und Bühnenbildnerinnen-Duo Dorien Thomsen und Sandra Linde sorgte für allerhand Skurrilität.

Als Erich Kästner den Roman 1931 seinem Verleger gab, weckte das Werk zwar Bewunderung und Anerkennung, zugleich aber auch Bedenken. Zuviel Sex, zu aggressive Kritik am politischen System und überhaupt: Was für eine Wortwahl, was für eine Lebenseinstellung! Fabian, Kästners Antiheld, sorgt bis heute für Diskussionen und Deutungsversuche.

Ein Moralist? Ein Kritiker seine Zeit, das Werk eine Satire? Es ist spannend, wie von Treskow die Zuschauer zappeln lässt, sie auf Deutungsfährten lockt und dann doch wieder einen Haken schlägt. Nein, man kann sich nicht gemütlich in einer Interpretationsecke einrichten, man muss selbst denken. Eindrucksvoll sorgt das Bühnenbild mit einem Wald aus 26 Stehlampen, die bis zum Schnürboden aufragen, für Staunen und Aufmerksamkeit.

Die Lampen sind schlicht gestaltet und eignen sich als Projektionsflächen. Im Wechsel der Farben werden Gefühlslagen kommuniziert. Muster oder kleine Filme legen sich auf die Lampenschirme wie auf Monitore.

Zusammen mit einem hochmotivierten Ensemble, bei dem die Einzelnen bis zu sieben Rollen verkörpern, gelingt ein greifbarer Eindruck vom Hexenkessel Berlin, dem Irrsinn einer entwurzelten, nach dem Ersten Weltkrieg traumatisierten Gesellschaft. Tabuloser Sex in allen Variationen, Bordelle, Gewalt, Perversitäten, Enthemmung.

Das alles erinnert an Gemälde von Otto Dix mit verzerrten dickbäuchigen Prassern und schrillen Begleiterinnen. Musik und Soundkollagen von Bastian Wegner ziehen das Publikum mitten hinein in das wilde Treiben. Von Teskow sorgt für eine temporeiche Umsetzung. Er spielt mit Andeutungen, lässt das Heer der erschöpften Kellner durch den Wald der Lampenständer stolpern, wo sich später die Prostituierten anbieten und die „Hunde“ hechelnd auf Fabian lauern.

Deprimierter Weg

Philipp Manuel Rothkopf geht als Jakob Fabian einen deprimierenden Weg. Um ihn herum tobt der Irrsinn. Er steht da, rührt sich zunächst kaum und bleibt damit magischer Mittelpunkt. Rothkopf vollzieht eine faszinierende Wandlung. Wenn Fabian aus seiner vermeintlichen Ruhe ausbricht und „Berlin, Berlin“ herausbrüllt, über die krankhafte Schwärmerei einer verführbaren Gesellschaft herzieht, ist das emotional und scharf. Auch er wird untergehen und verzweifeln – an seinem permanenten Sichheraushalten, an Gefühlen, die er nicht – wie seine Hände – in den Hosentaschen vergraben kann.

Durch unerwartet innige Szenen lässt die Regie das Schreien und Huren umso stärker wirken: Wenn Fabian mit Freundin Cornelia (frisch und modern von Judith Florence Ehrhardt gespielt) etwa ein Käsebrot teilt, entsteht unerwartete Nähe, ein Gefühl von Liebe.

Tim Knapper ist als Stephan Labude, Fabians Freund, eine ernsthafte Gestalt, der einzige, der – wenn auch vergeblich – Widerspruch einfordert, Fabian zu einer Haltung drängt. Knapper spielt ihn intensiv, verzweifelt und empfindsam. Es ist makaber, dass Fabian erst durch den Tod des Freundes in eine Kaskade verzweifelter Reaktionen gerät.

Sportlich und biegsam

Regisseur von Treskow lässt drastisch spielen, hält aber die Fäden fest in der Hand. Wobei sein Ensemble sportlich und biegsam sein muss. Zugleich bietet die Inszenierung unterhaltende Momente, wie die wild tanzende und singende Truppe im Kabarett mit Benedikt Voellmy als abgedrehtem Conférencier Caligula. Oder Karsten Meyer, Torsten Borm, Ognjen Koldzic und Rainer Krause – Meister der Verwandlung. Thomas Hamm ist fies als schmieriger Direktor Breitkopf mit blutender Bauchnarbe.

Wenn sich Krause als verarmter Erfinder durch die Stadt hustet, blitzt eine Verbindung zu Friedrich Dürrenmatts „Physikern“ auf. Spielt nicht jede Erfindung Diktatoren in die Hände? Schwerstarbeit leisten die Frauen: Anne Simmering, Petya Alabozova und Barbara Wurster wechseln beständig Perücken, Highheels und Persönlichkeiten.

Fabians Traum – ein unerwarteter Blick ins Herz – ist das komprimierte Abbild des Nazi-Wahnsinns mit Holocaust, Verfolgung, Folter, Feuer, Blut und Elend, eine Szene, die der Schauspieler ohne Pathos aber mit großer Emotion umsetzt. Fabian ist zerstört, ein passiver Moralprediger ohne Moral. Er geht in den Tod, indem er ein Kind, das schwimmen kann, retten will, obwohl er Nichtschwimmer ist. Was für eine Ironie. Eine spannende Inszenierung. Viel Applaus.

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