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Chorbiennale: Die singenden Heerscharen geraten in Bedrängnis

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:
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Viel Betrieb auf der Bühne: Das 7. Sinfoniekonzert der Saison war zumindest der spektakulärste Beitrag zur Chorbiennale. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das war gewiss nicht der sensibelste, doch immerhin der spektakulärste Beitrag der diesjährigen Chorbiennale, als im Rahmen des 7. Sinfoniekonzerts Wagners Festwiesen-Trubel aus den „Meistersingern“ mit jeweils vier Aachener und internationalen Chören sowie einer stattlichen Solistenriege und einem aufgestockten Orchester den Eurogress in Schwingung versetzte.

Im Vordergrund stand natürlich die solidarische Gesamtleistung der Chöre aus fünf Ländern mit dem Sinfonieorchester und ihrem Chef Kazem Abdullah. Eine ausgefeilte Ohrenweide kann da nicht erwartet werden, erst recht nicht im Eurogress. Für den Erlebniswert sprachen am Ende nicht zuletzt der herzliche Schlussapplaus des Publikums und der kollegiale Umgang der Künstler unter- und miteinander.

Musikalisch setzte das Konzert (zumindest am Sonntagabend) einige Fragezeichen. So grob und ungenau hat man das Aachener Orchester schon lange nicht gehört. Und auch nicht derart phonstark, dass sogar die singenden Heerscharen in Bedrängnis gerieten und über Strecken von den mauerstürmenden Blechbläser-Attacken übertönt wurden. Besonders deutlich in den etwas unsicheren Zünfte-Chören zu Beginn der Szene, am wenigsten beim „Wach-auf“-Chor und im Schluss-Jubel.

Schwer hatten es auch die Solisten. Ein stimmliches Leichtgewicht wie der Tenor Chris Lysack blieb als Walther von Stolzing mit seinem schütter gesungenen Preislied chancenlos. Und selbst der mittlerweile doch arg tremolierende Jan-Hendrik Rootering als Gast-Star unter den Solisten hatte es als Hans Sachs nicht leicht, sich gegen das Orchester und die mitunter aberwitzigen Tempi Abdullahs durchzusetzen. Es wackelte an allen Ecken und Enden. So richtig überzeugen konnte in diesem Umfeld niemand, auch der Rest des Solistenensembles (Katharina Hagopian, Hrólfur Saemundsson, Hans Schaapkens, Ulrich Schneider) nicht.

Debussys kompliziertes Verhältnis zu Wagner und Schönbergs Bewunderung für dessen harmonische Neuerungen lassen die Kombination mit Debussys „Nocturnes“ und Schönbergs Melodram „Ein Überlebender aus Warschau“ sinnvoll erscheinen, auch wenn sich Wagner ausgerechnet in den „Meistersingern“ harmonisch so bodenständig traditionell gibt wie in keinem anderen seiner kanonisierten Werke. Dass zu Schönbergs „Überlebendem“ gegriffen wurde, wirkt so wie eine entschuldigende Geste angesichts der nationalsozialistischen Vergewaltigung der nicht im Geringsten nationalistisch intendierten „Meistersinger“-Szene in bösen Zeiten. Das Pech der braunen Vereinnahmung lässt sich wohl in absehbarer Zeit nicht von den Schuhen des Nürnberger Schustermeisters Hans Sachs abstreifen.

Auch hier ließ Abdullah recht großflächig und vor allem lautstark musizieren, so dass der Männerchor im abschließenden „Shma Israel“ ein wenig schwachbrüstig klang. Und Jan-Hendrik Rootering rezitierte den Augenzeugenbericht vom Fall des Warschauer Ghettos zu monoton und routiniert. Eine Differenzierung zwischen der Sprecherrolle des betroffenen Opfers und den Zitaten des deutschen Feldwebels war kaum zu erkennen.

Am rundesten gelangen noch die einleitenden „Nocturnes“ von Debussy, die Abdullah erheblich feinfühliger und detailgenauer ausführte. Dadurch wurde das filigrane farbliche Spektrum der Partitur weitgehend hörbar. Und der klein besetzte Damenchor im Schlusssatz konnte sich ohne Druck in Szene setzen.

Ein Konzert mit einem hohen kulturpolitischen und völkerverständigenden Wert. Aber sowohl jeden der Chöre als auch das Aachener Sinfonieorchester kann man in- und außerhalb der Chorbiennale feinsinniger erleben.

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