Aachen - Cees Nooteboom packt aufs Neue seine Koffer: Lesung in Aachen

Cees Nooteboom packt aufs Neue seine Koffer: Lesung in Aachen

Von: Claudia Schülke und Annette Birschel
Letzte Aktualisierung:
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Unterwegssein aus Leidenschaft: der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom. Foto: Imago/Hoffmann

Aachen. Seine Engel haben Stupsnasen und falsche Flügel. Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom will die Leser nicht mit grundsätzlichen philosophischen Überlegungen kopfscheu machen. Seine Fragen nach dem Jenseits tarnt er mit Ironie.

Immer wieder gräbt er in seinen Büchern nach dem tieferen Sinn, präsentiert aber den Tiefgang federleicht und schwerelos. Jetzt liest er im Aachener Dom, das Zusammenspiel dieses Ortes mit seinen Texten hat mit Sicherheit einen ganz besonderen Reiz.

Nooteboom lotet Zwischenräume aus, überblendet Gegenwart und Vergangenheit, verquickt Mythos und Realität. Und vor allem: Er packt immer wieder aufs Neue seine Koffer. Reisen sind die Grundlage des Werks des niederländischen Schriftstellers. „Auf Reisen lernt ein Mensch sich selbst kennen“, zitiert der Niederländer in einem Essay einen arabischen Philosophen.

Cornelis Johannes Jacobus Maria Nooteboom schreibt seit über 60 Jahren. Geboren wurde er am 31. Juli 1933 in Den Haag, sein Vater kam 1945 bei einem Bombenangriff auf Den Haag ums Leben. Sein streng katholischer Stiefvater schickte ihn zu den Franziskanern und Augustinern, bei denen er sich aber nicht wohlfühlte: Wegen seiner Aufsässigkeit musste er vorzeitig die Schule verlassen.

Zunächst verdiente er seinen Lebensunterhalt bei einer Bank in Hilversum und mit Gelegenheitsarbeiten. 1953 packte er dann seinen Rucksack und stieg in den Zug nach Breda. An der belgischen Grenze stellte er sich an den Straßenrand und hob den Daumen. Seiner ersten Reise als Tramper durch Europa folgte 1955 sein erster Roman: „Philip und die anderen“. Schon hier geht es um das Reisen und die Schönheit und Vergeblichkeit der Liebe.

Im selben Jahr heuerte Nooteboom als Leichtmatrose auf einem Schiff nach Surinam an: Er hatte sich in ein Mädchen aus Paramaribo verliebt und wollte bei dessen Vater um die Hand der Braut anhalten. Der Vater lehnte ab, die beiden heirateten trotzdem, aber die Ehe hielt nur bis 1964. Aus diesen Erfahrungen gingen seine tropischen Erzählungen „Der verliebte Gefangene“ (1958) hervor, die aber erst 2006 in der deutschen Übersetzung erschienen.

Nootebooms zweiter Roman „Der Ritter ist gestorben“ (1963) blieb vorerst sein letzter. Dafür machte sich der Autor nun einen Namen als Reiseschriftsteller und Reporter. Schon 1956 hatte er über den Ungarn-Aufstand aus Budapest berichtet. Seine Reportagen über die Studentenunruhen 1968 in Paris erschienen in dem Band „Paris, Mai 1968“. Er berichtete über die Revolution im Iran Ende der 70er Jahre und war 1989 in Berlin zur Stelle, als die Mauer fiel. Seine Essaysammlung „Berliner Notizen“ erschien ein Jahr später. Sie bündeln die Beobachtungen aus der Stadt, in der er zwischen 1989 und 2009 auch immer wieder lebt. Vor allem aber veröffentlichte er Essays über seine Reisen um die ganze Welt. „Der Umweg nach Santiago“ (1992) mit den Fotos seiner zweiten Frau Simone Sassen verrät schon im Titel, dass es dem Verfasser stets um den Weg als Ziel geht. Die Essaysammlung „Nootebooms Hotel“ (2002) wurde sogar als dokumentarische „Bilderreise ins Land der Worte“ verfilmt.

Als Romancier hatte Nooteboom seinen internationalen Durchbruch erst 1980 mit „Rituale“. Die mehrfach ausgezeichnete und später verfilmte tragisch-komische Geschichte des Händlers und Frauenliebhabers Inni Wintrop bündelt all seine Themen: die Existenz des Menschen in der Zeit und die Erinnerung. Die Menschen gäben der Vergangenheit sehr willkürlich eine Bedeutung, sagt die Hauptperson. „Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.“ Die Romane „Die folgende Geschichte“ 1991 und „Allerseelen“ 1998 festigen dann seinen Ruf als großer Romancier.

In „Die folgende Geschichte“ erzählt Nooteboom die mysteriöse Geschichte eines Mannes, der zu Hause in der Amsterdamer Keizersgracht eingeschlafen ist und in einem Hotelzimmer in Lissabon aufwacht, in dem er vor 20 Jahren mit der Frau eines anderen geschlafen hat. In „Allerseelen“, in dem Berlin wieder eine große Rolle spielt, ringt der niederländische Kameramann Arthur Daane mit der Erinnerung. Grenzgänge zwischen Leben und Tod unternahm der Schriftsteller 2009 in seinem Erzählungsband „Nachts kommen die Füchse“.

In seinen „Briefen an Poseidon“ (2012) setzt er 23 Mal an, um die Welt in einer blühenden Agave oder dem Klappern von Eselhufen erlebbar zu machen. Nooteboom selbst sieht sich nicht so sehr als Romancier, sondern vor allem als Lyriker. In dem Band „Licht überall“, der Gedichte der letzten zehn Jahre versammelt, geben Fotos und Gemälde mit blühenden Pflanzen oder eine scheinbar banale Handbewegung Anlass, über die menschliche Existenz, über das Alter und das Sterben nachzudenken.

Die Wurzeln des Weltbürgers sind in den Niederlanden. Mit seiner Frau wohnt er abwechselnd in Amsterdam und Spanien. Leser kennen sein Haus und Garten auf der Insel Menorca aus seinen Werken. Doch die Heimat des reisenden Poeten ist nicht so sehr ein Ort, sondern die Sprache. Nooteboom spricht zwar viele Sprachen, doch nur auf Niederländisch könne er Bücher schreiben, sagte er 2011 in einem Interview. Damit ist das kleine Land, so sagte er, ausgerechnet für den Reisenden ein Gefängnis. „Ich komme nie raus, es sei denn, durch eine gute Übersetzung.“

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