„Castor et Pollux”: Martin Schläpfer inszeniert seine erste Oper

Von: Ulrich Fischer, dpa
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Düsseldorf. Martin Schläpfer, Direktor und Chefchoreograph des Balletts am Rhein, hat zum ersten Mal Regie geführt. Er inszenierte „Castor et Pollux”, eine heute selten aufgeführte Barockoper von Jean-Philippe Rameau.

Die Deutsche Oper am Rhein beschäftigt sich systematisch mit dieser Epoche. Das Publikum war bei der Premiere am Samstag begeistert, Beifall und Jubel wollten nicht enden; den Löwenanteil darf Schläpfers Compagnie für sich verbuchen.

Castor und Pollux sind Zwillinge aus der Sagenwelt des Klassischen Altertums. Sie wurden in einer Nacht gezeugt, Castor als Sohn eines Sterblichen, Pollux als Spross von Göttervater Jupiter. Trotz dieses Unterschieds - gravierend in der Zeit des Barocks, der Epoche absoluter Herrscher und des Standesdünkels - halten die beiden zusammen. Die Handlung setzt nach dem Tod Castors ein. Nur Pollux (eine imposante Bühnenerscheinung: Günes Gürle, Bassbariton), der Halbgott, darf auf einen Platz im Olymp hoffen, Castor (blasser: Jussi Myllys, Tenor), der Menschensohn, muss in die dunkle Unterwelt.

Doch auch dieser Probe hält das Zusammengehörigkeitsgefühl Stand: Jupiter, von der Liebe der Brüder zueinander gerührt, gewährt nach langem Ringen einen Triumph. Zwei nach den ungleich-gleichen Zwillingen benannte Sterne zeugen noch heute hell am Firmament von ihrer Unsterblichkeit. „Die ganze Welt hält angesichts dieses himmlischen Festakts den Atem an, der ganze Kosmos beginnt zu tanzen”, heißt es im lesenswerten Programmheft von Anne do Paço. Rameau war nicht nur ein führender Komponist seiner Zeit, sondern auch Musiktheoretiker.

Martin Schläpfer arbeitet in seiner Inszenierung die Harmonie, die Übereinstimmung aller Sphären, von Handlung, Theater, Musik und Tanz heraus. Rameau, der am französischen Hof wirkte, verklärte dem Zeitgeist entsprechend die Herrschaft des Königs als gottgewollt. Schläpfer ersinnt eine moderne Choreographie abseits allen höfischen Tanzes. Sie betont Zusammenklänge und Übereinstimmungen, die plausibel wirken und die Bühnenhandlung begleiten, kommentieren und von der Musik evozierte Gefühle sichtbar machen.

Das ist die Stärke der Inszenierung wie der Choreographie; Sänger, Tänzer, die Neue Düsseldorfer Hofmusik unter der souveränen Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober und allen voran der Regisseur trugen gleichermaßen dazu bei - wie auch die Ausstattung, die das Spiel mit einer Prise Humor belebte.

Rosalie, so der Künstlername der Designerin, hatte erheiternde Kostüme entworfen und ihr Augenmerk auch auf das Schuhwerk gelegt, sind doch die Füße gewissermaßen das Handwerkszeug der Tänzer. Die Spartaner trugen Sneakers, die an eine Weltmarke unserer Epoche erinnerten; die Götter kamen auf Kothurnen daher, die hohen, klobigen Theaterschuhe des klassischen Altertums - vermutlich ein Alptraum für Tänzer.

Gegen die gemeinsame Leistung der Ensembles ließe sich einwenden, dass das Barockzeitalter aus Sicht von Demokraten im 21. Jahrhundert widersprüchlicher war, als es dem König lieb sein konnte und als es Rameau mit seinen Harmonien beschreibt: Der Prunk in Versailles wurde mit dem Elend der Armen bezahlt. Den kritischen Abstand des 21. Jahrhundert vernachlässigt Schläpfer. Andererseits feiert er, vor allem in der Apotheose, Castor und Pollux emphatisch.

Ihre Brüderlichkeit rückte der Librettist Pierre-Joseph Bernard ins Zentrum, sie steht in lebhaftem Widerspruch zur Stände-Ideologie. „Fraternité” weist weit über die Zeit hinaus, sollte sie doch neben „Liberté” und „Égalité” zu einem der Wahlsprüche der französischen Revolution werden. Brüderlichkeit als noch lange nicht verwirklichtes Ideal - hier liegt eine Aktualität von „Castor et Pollux”, die eine Aufführung der Oper auch und gerade heute rechtfertigt.
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