Brigitte Hamann: „Am Anfang hörten ihm sieben Leute zu”

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Hitlers Spuren in Wien: Darüber spricht die Historikerin Brigitte Hamann am Sonntag in Aachen. Foto: Piper Verlag

Aachen. „Sch(m)erz” heißt der Titel der Themenwoche, die das Theater Aachen zur Inszenierung von George Taboris Farce „Mein Kampf” präsentiert. Zum Auftakt ist die bekannte Historikerin und Schriftstellerin Brigitte Hamann zu Gast.

Die Autorin des Buches „Hitlers Wien” wird in der Kammer einen Vortrag halten. Mit ihr sprach Bernd Mathieu.

Sie kennen George Taboris Farce „Mein Kampf”, wie finden Sie das Stück, wo haben Sie es gesehen?

Hamann: Ich habe das Stück bei der Premiere 1987 im Akademie-Theater in Wien gesehen und es damals durchaus als ein gewisses Durcheinander empfunden. Es ist kein historisches Stück, sondern eine Groteske, eine Art schwarze Farce.

Aber für einen Theatermacher wie Tabori selbstverständlich: Er schreibt ein Theaterstück ganz nach seiner Manier und kümmert sich nicht um die Historie. Das Spiel beruht auf Witz und Spaß, der sich aber immer wieder plötzlich als Schmerz offenbart. Es ist eine völlig andere Art, Theater zu machen als üblich und deshalb eine große Überraschung - und eine Herausforderung, die humorigen und gleichzeitig oft sehr schwarzen Äußerungen genießbar zu machen.

Sie haben diese Zeit um 1910, die Tabori beschreibt, historisch erforscht und in Ihrem Buch „Hitlers Wien” dokumentiert.

Hamann: Tatsächlich hat Hitler in Wien von 1910 bis 1913 im Männerheim gewohnt. Dies bringt Tabori ja auch ein, auch wenn er die Adresse des Männerheims in „Blutgasse” umgetauft hat.

Hitler kommt aus der Provinz nach Wien, wann beginnt der Wandel vom Menschen Adolf Hitler zum Monster Adolf Hitler?

Hamann: In der Wiener Zeit des jungen Hitler war nichts vom späteren „Monster” Hitler zu spüren. Er war zwar wie sein Vater ein Deutschnationaler, beschäftigte sich aber im Männerheim wenig mit der Politik. Denn er wollte ja Maler oder Architekt werden, war aber in der Wiener Akademie zweimal durch die Aufnahmeprüfung gerasselt. Im Männerheim fühlte er sich wohl und hatte jüdische Freunde, die ihm immer wieder halfen. Anfangs hatte er keine Schuhe und ließ sich von seinen jüdischen Freunden im Männerheim auch Hosen, Hemden und Strümpfe schenken.

Arbeiten konnte und wollte er nicht. Immerhin verdiente er bald ein wenig Geld damit, dass er Postkarten bemalte, die er aus einem kleinen Wienbüchel kopierte. Da er aber zu schüchtern war, die Karten selbst zu verkaufen, brauchte er einen Heimkollegen, der dies für ihn tat. Die Einnahmen wurden je zur Hälfte verteilt.

Und sein Interesse an der Politik?

Hamann: Mit der sehr komplizierten Politik des Vielvölkerstaates der Habsburger beschäftigte sich der junge Mann kaum. Denn sein größter Wunsch war es, so bald wie möglich ins Deutsche Reich auszuwandern. Er fürchtete sich, im k.u.k. Staat doch noch zum Militär eingezogen zu werden und wartete aufgeregt auf die Auszahlung seines väterlichen Erbes an seinem 24. Geburtstag.

Gab es weitere Gründe für seine Abneigung gegen Wien?

Hamann: Er kam in Wien nicht klar, weil diese Hauptstadt keine deutsche war, sondern ein multinationaler Staat, wo sich die zehn Völker der Donaumonarchie trafen. Auch im Männerheim waren viele nicht deutschsprachige Österreicher. Deshalb sehnte sich Hitler danach, so bald wie möglich nach München auszuwandern. Dort fühlte er sich auf Anhieb sehr wohl. Er war nun in einer „deutschen Stadt”.

Worin bestand dieser Unterschied zwischen Wien und München?

Hamann: Hitler passte gut nach München. Er war ja in Braunau am Inn als Sohn eines österreichischen Zollbeamten geboren und in den ersten Lebensjahren dort aufgewachsen. Er hatte also lebenslang einen bayerischen Tonfall. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war er einer der ersten, die sich freiwillig meldeten, aber natürlich für die deutsche Seite, nicht für die österreichische. Denn mit dem Habsburger Reich hatte er nichts mehr am Hut. Nach dem Ersten Weltkrieg war er dann der Meinung, dass das nun sehr klein gewordene deutschsprachige Österreich sich Deutschland anschließen sollte. Mit dieser Meinung war er nicht allein.

War er zu diesem Zeitpunkt schon Antisemit?

Hamann: Er war zu diesem Zeitpunkt noch kein Antisemit, das ist in Taboris Stück völlig anders dargestellt. Bei Kriegsbeginn stellte er sich 1914 freiwillig für das deutsche Heer und wurde bald Meldegänger an der Front, ein alles andere als gemütlicher Posten, den er vier Jahre lang gut ausfüllte. Sein Dienst bestand darin, dass er zu Fuß die Befehle der Oberen Offiziere an die Front bringen musste, was äußerst gefährlich war. Er tat dies alles sehr verlässlich, aber für das Deutsche Reich und um Himmels willen nicht für den Habsburger Staat Als einfacher Soldat bekam er einige Auszeichnungen. Eine davon, das Eiserne Kreuz, trug er als deutscher Politiker bis an sein Lebensende an seiner Uniform.

Wann änderte sich dann Hitlers Einstellung. Nach dem Ersten Weltkrieg?

Hamann: Die große Wende geschah im November 1918 in dem Moment, als der Krieg verloren war und das Chaos ausbrach. Hitler regte sich über die deutsche Niederlage fürchterlich auf und soll in dieser Situation Tränen vergossen und gesagt haben: „Seit dem Tage, da ich am Grab der Mutter gestanden, habe ich nicht mehr geweint.” Seine politische Karriere konnte beginnen.

Hitler besaß anfangs kein großes Selbstbewusstsein. Dennoch hielt er vor immer mehr Menschen Reden. Wie funktionierte das?

Hamann: Dieser Mann hat sich plötzlich hingestellt und geredet über alles, was ihm gepasst oder nicht gepasst hat. Ganz am Anfang hörten ihm nur sieben Leute zu, aber da hat er schon die ersten politischen Parolen von sich gegeben. Auf einmal konnte der bis dahin so Schüchterne reden zugunsten der Deutschen Nation. Das war nicht gespielt.

Seine Devise lautete: Die Juden sind schuld an der Niederlage 1918. Da war dieser antisemitische Aspekt plötzlich da. Zunächst meinte er nur die amerikanischen Juden, weil die USA erst 1917 in den Krieg eingetreten und ihn damit entschieden hatten. Von diesem Zeitpunkt an hat er seine eigene Geschichte sozusagen verdreht. Sein späteres Buch „Mein Kampf” war nichts Historisches, sondern einzig und allein eine Propagandaschrift für die deutschnationale und antisemitische Partei, die unter Hitler immer mächtiger wurde.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Hitler bei seinen Reden sehr leise sprach und erst am Ende sein bekanntes Geschrei einsetzte. War das Strategie oder Zufall?

Hamann: Er hat das genau vorbereitet. Erstens hat er immer sehr lange geredet, bis zu vier oder gar fünf Stunden! So lange kann kein Mensch brüllen. Zweitens hat er immer ganz leise angefangen, damit die Leute ihm zuhören. Die laute Stimme, die er hatte, war für seine Wirkung wichtig, denn es gab damals ja noch keine Mikrophone. Am Anfang hat er alle möglichen Geschichten erzählt und geredet und geredet. Und die Leute haben da gesessen und gewartet, was noch kam. Aber auf einmal fing er an zu brüllen, schrie geradezu. Plötzlich brach er sein Schreien ab, redete wieder normal und fing dann irgendwann wieder an zu brüllen. Und diese Brüll-Phasen kennen wir, weil sie immer im Fernsehen gezeigt werden. Tatsächlich hat er mehr als Vierfünftel seiner Zeit leise oder normal geredet.

1996 haben Sie Ihr Buch „Hitlers Wien” veröffentlicht, ein beeindruckend minutiös recherchiertes Werk. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Hamann: Zehn Jahre lang. Ich war in einer schwierigen Situation. Denn ich galt in Österreich damals noch als „Piefke”, da ich aus Deutschland kam. Zwischen Österreichern und Deutschen herrschten in den 80er Jahren, als ich mit den Recherchen begann, immer noch schlimme Spannungen. Die Deutschen waren angeblich alle Nazis, und die Österreicher die von den Deutschen angeblich unschuldig Überfallenen.

Aber ich wollte das Thema „Hitlers Wien” unbedingt machen! Es war klar, dass ich bei diesem heiklen Thema keinen Fehler machen durfte. Jahrelang fuhr ich herum, um in allen möglichen Archiven zu recherchieren, vor allem auch in Deutschland. Ich habe genau die alten Zeitungen gelesen, die zum Beispiel im Männerheim ausgelegt waren, vor allem die kleinen Wiener deutschnationalen Blätter, die der junge Hitler nachweislich gelesen hat. Dort findet man die tollsten Geschichten.

Die Matinee mit Brigitte Hamann bildet den Auftakt der Themenwoche „Sch(m)erz” am Theater Aachen. Ihre Hintergrundinformationen zum Aufenthalt des jungen Hitlers in Wien sind äußerst aufschlussreich. In dem 1996 veröffentlichten Buch „Hitlers Wien” zeigt sie den späteren Diktator als Arbeitslosen, Deutschnationalen und Männerheimbewohner. Der Vortrag von Brigitte Hamann beginnt am Sonntag, 16. Mai, um 11 Uhr in der Kammer des Aachener Theaters. Eintritt sieben Euro (ermäßigt fünf Euro). Die Veranstaltung wird von der Aachener Zeitung und den Aachener Nachrichten als Medienpartner präsentiert. Während der ganzen Woche gibt es dann Vorträge und Diskussionen rund um das Thema. Die Premiere von George Taboris Farce „Mein Kampf” ist dann am Samstag, 22. Mai, 19.30 Uhr, im Großen Haus. Inszenierung: Ewa Teilmans.
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