Aachen - Blinde malen, Gehörlose singen

Blinde malen, Gehörlose singen

Von: Eckhard Hoog
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Der polnische Künstler Artur
Der polnische Künstler Artur Zmijewski lässt Blinde malen und filmt sie dabei: Seine Videos zeigt ab heute Abend (20 Uhr) das Aachener Ludwig Forum in seiner Reihe „Videozone”. Kuratiert haben die Ausstellung Miriam Lowack und Holger Otten (rechts). Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Acht nackte Frauen und Männer spielen fröhlich lachend Fangen - in einer echten, ehemaligen Gaskammer. „Fangen” hieß unscheinbar und harmlos der Titel des Films, mit dem Artur Zmijewski 2007 auf der documenta 12 für erhebliches Aufsehen sorgte - und viel Kritik für seinen respektlosen Umgang mit der Massenvernichtung von Menschen erntete.

Verstörend, provozierend und alles andere als „politisch korrekt” sind die Videoarbeiten des polnischen Künstlers - Eigenschaften, die ihn offenbar in diesem Jahr als Kurator der 7. Berlin Biennale empfahlen.

Zmijewski - 2005 vertrat er Polen auf der 51. Biennale von Venedig - bricht Tabus und Konventionen, vor allem, wenn sie zu sinnentleerten Ersatzhandlungen erstarrt sind, zum Beispiel Gedenkveranstaltungen zum Holocaust, die seiner Ansicht nach echtes Erinnern eher verdrängen.

Das Aachener Ludwig Forum präsentiert jetzt drei Video- und eine Audio-Arbeit des 1966 in Warschau geborenen Künstlers in der Reihe „Videozone”. Ein Schrecknis wie der Gaskammerfilm befindet sich zwar nicht darunter, aber wiederum geht es um eine durchaus provozierende Betrachtungsweise gesellschaftlicher Konventionen. Diesmal befragt Zmijewski den Umgang mit behinderten Menschen, indem er ihr Handicap geradezu ausstellt, wenn er Blinde malen und Taube singen lässt. Oder er begleitet gehirnkranke Menschen in ihrem prekären Alltag - und bewirkt beim Betrachter widersprüchliche Reaktionen, die schwanken zwischen Mitleid, Mitfühlen und Abgestoßensein.

Und wenn Zmijewski gehörlose Jugendliche ausgerechnet in der Leipziger Thomaskirche Bach-Kantaten singen lässt, dann erinnert er damit auch historisch an den jahrhundertelangen Umgang der Kirche mit Behinderten als „Gestraften Gottes”. Zugleich zielt er darauf ab, Mitleid und Betroffenheit als Form einer eher ungewollten, gleichwohl wirksamen Abgrenzung bewusst zu machen.

Die Ausstellung, kuratiert von Miriam Lowack und Holger Otten, wird am Freitag um 20 Uhr eröffnet (Dauer: bis 6. Januar; Di./Mi./Fr. 12-18, Do. 12-20, Sa./So. 11-18 Uhr).

Im Dezember führt Artur Zmijewski in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Aachen und behinderten Menschen einen Workshop durch, der möglicherweise in ein weiteres Videokunstwerk mündet.
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