alemannia logo frei Teaser Freisteller

Bis über die Schmerzgrenze: Filmemacher Ulrich Seidl wird 60

Von: Miriam Bandar, dpa
Letzte Aktualisierung:
Ulrich Seidl
Der Filmemacher Ulrich Seidl. Foto: dpa

Wien. Menschen, die ihre Tiere etwas zu intim lieben. Reiche dicke Mitteleuropäerinnen, die in Afrika mit jungen Männern ihre Sexualität wiederbeleben. Kotzende Models, die kalte Gemeinheit einer Paarbeziehung oder eine Katholikin, die sich mit dem Kruzifix selbst befriedigt: Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl zeigt bis über die Schmerzgrenze hinaus das, was man lieber nicht sehen möchte. Am Samstag wird er 60 Jahre alt.

Für seine Fans sind Werke wie „Tierische Liebe”, „Hundstage” oder „Import Export” längst Klassiker und Seidl einer der wichtigsten deutschsprachigen Filmemacher. Seine Kritiker werfen ihm oft Voyeurismus und Sozialpornografie vor. In Österreich galt er besonders in seinen Anfangsjahren als Nestbeschmutzer. „Egal ob man die Filme von Ulrich Seidl mag oder nicht, kalt lassen sie einen nie”, schreibt die österreichische Nachrichtenagentur APA.

Mit seinem neuesten Werk „Paradies: Glaube” als zweiter Teil einer Trilogie holte der gebürtige Niederösterreicher in diesem Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig den Spezialpreis der Jury. Die Geschichte um eine streng katholische Krankenschwester, die ein masochistisch-lustvolles Verhältnis zum angebeteten Jesus hat, brachte Seidl neben vielen Diskussionen am Lido auch eine Anzeige wegen Blasphemie ein.

Dass die katholische Kirche in den Werken Seidls immer wieder Thema wird, hat wohl biografische Gründe: Der Sohn eines Arztes und einer Hausfrau sollte eigentlich Priester werden. Doch er kehrt der gutbürgerlich-gläubigen Familie den Rücken und studiert in Wien Publizistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Seine Ausbildung danach in der Wiener Filmakademie bricht er ab, setzt sich dennoch mit seinem Talent durch. „Wenn ich keine Filme mache, bereite ich welche vor. Filme machen oder Filme denken ist sozusagen mein Leben”, sagt er einmal.

Lange bevor Reality-TV nachmittäglicher Fernsehalltag wird, richtet Seidl seinen Blick in einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion schonungslos auf den Alltag der Außenseiter der Gesellschaft. Anders als in herkömmlichen TV-Doku-Dramen sei Seidls Stil mit oft langen und distanzierten Einstellungen weit poetischer und zurückhaltender, schreibt die österreichische Zeitung „Die Presse” einmal: „Er spielt in einer anderen Liga.”

Neben professionellen Schauspielern engagiert Seidl auch immer wieder Laien. Vorgegebene Dialoge findet man in seinen Drehbüchern kaum. „Man kann und muss immer mit dem Zufall rechnen”, sagt er der APA. Er sei nicht darauf angewiesen, dass geschriebene Szenen in den Film kommen, verlasse sich dagegen vielmehr auf Improvisation und daraus erwachsende Überraschungen. Die Arbeit an einem Film kann sich bei dem 60-Jährigen über Jahre ziehen. „Bei mir dauerts immer lange”, sagt er.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.