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Biberkopfs hoffnungsloser Lebenskampf

Von: Sabine Rother
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Verzweifelt: Torsten Borm (vorn) verkörpert den unglücklichen Franz Biberkopf in dem Stück „Berlin Alexanderplatz”, das am Samstag im Theater Aachen Premiere hatte. Im Hintergrund (v. li.) Katja Zinsmeister (Hure Babylon), Karsten Meyer (Tod) und Thomas Hamm (Satan). Foto: Carl Brunn

Aachen. „Ick bin Franz Biberkopf!” Verzweifelt klammert sich der Haftentlassene an diesen Satz. Ein dürftiger Trost, der im nächsten Moment wie dünnes Glas zerspringt, denn von 15, dem Zuschauerraum zugewandten Monitoren kommt es zurück: „Ich bin Franz Biberkopf, ich bin Franz Biberkopf. Ich habe meine Braut erschlagen...”

Er hat viele Gesichter, dieser Franz. Dafür sorgt die Theatergruppe der Justizvollzugsanstalt Aachen, genannt „Die Biberköpfe”, denn per Videoeinspielung sind sie ihm als Facetten seines Charakters für zweieinhalb Stunden nah.

Wie inszeniert man eine Materie, die bereits als Roman schwere Kost bedeutet? Für Regisseurin Ewa Teilmans eine Herausforderung, die sie mit Inspiration, Intelligenz und Einfühlungsvermögen bewältigt hat. „Berlin Alexanderplatz” nach dem 1929 erschienenen expressionistischen Großstadtroman von Alfred Döblin, hatte am Samstag im Großen Haus des Aachener Theaters seine vielbeachtete Premiere.

Ab sofort ein ehrliches Leben

Der Transportarbeiter Franz Biberkopf musste im Berlin der Zwanziger Jahre eine Haftstrafe abbüßen, nachdem er seine Braut Minna erschlagen hat. Sein Vorsatz, nun ein ehrliches Leben zu führen, ist zum Scheitern verurteilt. Biberkopf bemüht sich, läuft gegen gesellschaftlich-biedere Wände, kehrt schließlich zurück ins halbseidene Milieu, geht unter - und dann? Geschickt baut die Regisseurin diese Frage auf, die selbst Döblin nicht beantworten konnte, denn er war mit seinem Romanende nie zufrieden.

Bei ihrer Inszenierung hat sich Ewa Teilmans für kompakte Handlungsstränge entschieden. Eine feste Größe ist dabei die „Stadtbevölkerung Berlin”, beeindruckend umgesetzt vom Heinrich-Schütz-Chor Aachen (Leitung Dieter Gillessen, Arrangements Martina Eisenreich), der mit mahnenden und frömmelnden Liedern (schön bissig von „Üb´ immer Treu und Redlichkeit” bis zum Psalm) klar macht, dass Franz hier, wo man Walzer summt, weder eine neue Heimat noch Mitleid findet.

Als Franz Biberkopf taumelt Torsten Borm durch das Schicksal eines Mannes, der nicht nur an den Mitmenschen, sondern in erster Linie an sich selbst scheitert. Borm setzt diesen von Anfang an aussichtslosen Kampf mit berührenden und vielseitigen darstellerischen Fähigkeiten glänzend um.

Für den Sprung von der Handlungszeit - 1927/28 - zum Heute sorgen die „Biberköpfe, jene Theatergruppe der JVA, die seit April 2010 am Döblin-Stück mitgearbeitet hat. Die „alter egos” des Helden, die in einer künstlerisch eindringlichen Schwarzweiß-Umsetzung (Videokunst: Kai Gusseck, Jörg Müller) immer wieder mitreden und kommentieren, sehen Franz in großen schwermütigen Einzeleinblendungen besorgt beim Scheitern zu.

Zur Struktur des Werkes gehört das skurrile Trio Satan (ausgefeilt, Thomas Hamm), Hure Babylon (leidenschaftlich, Katja Zinsmeister) und Tod (mystisch Karsten Meyer). Satan, der Ankläger, der sich kichernd und gaukelnd über Biberkopfs Mühen lustig macht, Hure Babylon, die die tief im Menschen steckende Grundkraft symbolisiert, erotisch, aggressiv, vital, und der Tod, der bei Döblin das erkenntnislose Ich (Franz) auffordert, endlich zu denken. Ihre gemeinsamen Auftritte markieren die Stationen des Niedergangs.

Mit selbstkomponierten Klangaussagen gibt Karsten Meyer auf der E-Gitarre dem Tod eine unaussprechliche Dimension, Momente, die unter die haut gehen. Kleine Kabinettstücke bietet die zeitlose Gruppe der Gauner (der gierige „Pums” Karsten Meyer, der verhaltensgestörte „Reinhold” Markus Weickert und Statisterie). Die Frauengestalten Döblins sind Opfer - ob nun Minna (Katja Zinsmeister), Ida (Julia Brettschneider) oder Mieze (Nadine Kiesewalter), sie alle setzen diese Bildsprache eindringlich um.

In klaren und rasch wandelbaren Bildern sorgt Bühnenbildner Oliver Brendel für assoziative Räume - die Stadt mit Klinkerfassade im Rotlichtviertel, spartanische Zimmer, die Straße als schwarzer Raum. Die Drehbühne verstärkt den Eindruck einer Welt, die in Franz Schwindelgefühle weckt. Die meisten Akteure hat Sandra Münchow als Gestalten von heute eingekleidet, das mystische Trio dabei konsequent ausgenommen und damit dessen zeitlose Botschaft verstärkt.

Franz, inzwischen einarmig und komplett orientierungslos, endet in der Zwangsjacke und im heftigen Gezerre zwischen allen Gefühlen und Gestalten seines Lebens. Nach elendigem Sterben eine neue Chance? Torsten Borm nimmt als „Franz Karl Biberkopf” entspannt im Publikum Platz...

Thematische Vorbereitung

Mit „Berlin Alexanderplatz” ist Ewa Teilmans, unterstützt von einem leistungsstarken Ensemble und einer geschickten Dramaturgie (Inge Zeppenfeld), die Umsetzung inhaltsstarker Dichtung gelungen, wobei Bilderflut und komplexe Aussagen vom Zuschauer sehr gute Auffassungsgabe und am besten eine thematische Vorbereitung verlangen. Manches könnte man vielleicht straffen.

Großes Theater mit der beunruhigend eindeutigen Botschaft, dass die Haftanstalt Berlin-Tegel 1927/28 gar nicht so weit von der JVA Aachen 2010/11 entfernt ist. Begeisterter Applaus für alle.
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