Bellini, ein wahrer Meister des Gefühls

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
romeobild
Schöne Stimmen, die zu Herzen gehen: Pawel Lawreszuk (von links), Michaela Maria Mayer und Randall Jakobsh in der konzertanten Aufführung der Bellini-Oper „I Capuleti e i Montecchi”, die das Theater Aachen als Silvester-Ereignis auf die Bühne brachte.

Aachen. Romeo und Julia, diese dramatische, rührende Liebesgeschichte zweier Menschen, die verfeindeten Lagern angehören, mag, da sie im Theater Aachen gegeben wird, die Gedanken ins Größere und Weite leiten - vielleicht sogar hin zur „Beziehung” zwischen Kunst und städtischen Finanzen, denn „Romeo und Julia” endet tragisch, das sollte alle nachdenklich stimmen...

Vincenzo Bellini hat seine Romeo-und-Julia-Oper nach den verfeindeten Lagern benannt: „I Capuleti e i Montecchi”. Gleichwohl geht seinem Werk, das er nach einem Theaterskandal zur Rettung der Saison 1830 am La Fenice in Venedig eilig mit Versatzstücken einer durchgefallenen Oper auffüllte, die politische Dimension weitgehend ab. Bellini erweist sich früh als Meister des Gefühls, der Abkehr vom schnurrenden Opernapparat Rossinis hin zum Belcanto und seiner der Natur der Sprache angelehnten Melodie, die die Sänger schwelgen und die Zuhörer vor Rührung weinen lässt. „I Capuleti” entzückt vor allem durch die musikalische Verschmelzung der Stimmen Romeos und Julias.

Denn noch einmal, sehr spät in der Musikgeschichte, verkörpert eine Frauenstimme die Figur des Jünglings, was fürs Ohr ungemein delikate Folgen hat: Romeo und Julia werden in Liebeseuphorie wie Todessehnsucht eins. Zumal, wenn sie von so exzellenten Sängerinnen verkörpert werden, wie sie Michaela Maria Mayer (Giulietta) und Yaroslava Kozina (Romeo) bei der konzertanten Aufführung am Silvesterabend waren. Ja, besonders die Kozina, die für die erkrankte Astrid Pyttlik (sie wirkt bei den nächsten Terminen mit) die Mezzo-Partie mit samtenem Timbre, großer Präsenz bis in die tiefen Lagen und wunderbarer Stimmführung ausstattet, ist eine Delikatesse.

Mayers junger hoher Sopran hat die Strahlkraft, Gelenkigkeit auch in der Höhe, viele schöne Töne, aber noch nicht ganz die Geschlossenheit der Kollegin. Dennoch sind Arien, Duette und Ensembles ein Fest. Dazu tragen die drei Herren auf dem Podium bei. Tenor Luis Kim stemmt die Partie des Möchtegern-Liebhabers Tebaldo mit großem Engagement und betörender Mittellage. Pawel Lawreszuk verfügt über gediegenes Baritonmaterial, das ihm die tragische Mittlerrolle des Arztes Lorenzo leicht macht.

Neuland wird betreten

Randall Jakobsh fehlte krankheitsbedingt etwas der Kern im schwarzen Bass der Vaterrolle Capellio, der seinem Töchterlein und den Feinden gegenüber unnachgiebig agiert. Und man kann sich einlassen auf das Fehlen der szenischen Gestaltung - zum Jahreswechsel darf Oper ruhig zum prächtigen Konzert destilliert werden.

Das Theater traf mit diesem Angebot jedenfalls auf begeisterte Resonanz beim Publikum. Ausverkauft ist der Saal, das Opern-Konzert eingebettet in fröhliches Treiben des Bürgertums: Vorher gibt es ein Gläschen Sekt, hernach Galabuffet und Tanz auf der Theaterbühne rund um das Feuerwerk. Festlich der Rahmen, die Damen zeigen Schmuck und Garderobe, die Herren Contenance. Man darf die gesellschaftliche Funktion des Hauses nicht außer Acht lassen.

Zurück zur Kunst. Die Stadt Aachen darf sich glücklich schätzen, einen Klangkörper wie das Sinfonieorchester sein eigen zu nennen. Was Marcus Bosch da wieder an exquisiten Klängen aus dem Graben zaubert, sinnliche, schwingende Musik mit einem Feuerwerk an Schlagwerk-Zuckerguss, glänzenden Solisten, einer gehobene Kultur im Zusammenspiel der Orchesterteile: Das ist aller Ehren wert.

Und dass diesmal der erweiterte Opernchor, der auf Podesten das Bühnenbild ersetzt, eine besondere Präsenz erhält, die seine Qualität betont, bleibt ebenfalls bemerkenswert. So endet das alte Jahr prächtig.

„I Capuleti e i Montecchi - Romeo und Julia”, Oper (konzertant aufgeführt) von Vincenzo Bellini, Theater Aachen, Bühne, weitere Vorstellungen: 8. und 13. Januar, jeweils 19.30 Uhr, zweieinhalb Stunden, eine Pause.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert