Belcanto, Britten und Bibbern am Nordpol

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
6734649.jpg
Opernspaß im Schnee: Klimaforscher Kalombo (Keith Stonum) bibbert, der Eisbärchor zittert um die Zukunft seiner Heimat. Foto: Carl Brunn
6733808.jpg
Taut auf und erwärmt mit ihrem Gesang das Herz ihres trotteligen Prinzen: Katharina Hagopian als Eisprinzessin. Foto: Carl Brunn

Aachen. Von Höhenflügen, Unwetter und Schnee, von Reim und Parodie ist hier die Rede, weil über die Uraufführung der neuen Oper des in Aachen gebürtigen Komponisten Anno Schreier zu berichten ist. Diese „Multinationale Polarkomödie in Musik“ nennt sich „Prinzessin im Eis“, ist ein Science-Fiction-Umwelt-Märchen für Jugendliche und Erwachsene und erntet bei der Premiere reichlich Lacher und gut gelaunten Applaus.

Da hat das Theater Aachen eine feine Sache in Auftrag gegeben, die zu Recht vom Kultursekretariat des Landes gefördert wird.

Schüchterner Bühnenfuchs

Anno Schreier ist ein Fuchs. Ein Bühnenfuchs. So scheu und schüchtern der 34-Jährige vors jubelnde Publikum tritt, so faustdick hinter den Ohren hat es seine Musik, jedenfalls das, was Schreier mit Musik anstellt. Dieser junge Mann aus der Düsseldorfer Trojahn-Schule hat die kostbare Begabung, witzig zu sein. Sein Stil ist Stilkopie, seine Form der Flickenteppich. Eklektizismus in Vollendung. Schreier parodiert so ziemlich alles, was ihm geeignet erscheint, Situationen, Stimmungen, Figuren auf der Bühne ins Zwielicht der Ironie zu rücken. Bossa Nova meets Gregorianik. Bach, Belcanto, Britten. Dabei sind wir mit Dornröschen am Nordpol.

„Prinzessin im Eis“ ist eine Mischung aus Märchen, Komödie und Endzeitdrama. Eine skurrile Forschergruppe will im angeblich ewigen Eis Grönlands die kostbarsten Gene der Erdgeschichte verbuddeln und damit für die Ewigkeit bewahren. Aus dem Bohrloch allerdings klettert eine seit (100) Jahren tiefgefrorene Prinzessin, zitternd, aber quietschlebendig. Später quillt Gas aus dem Loch, es kommt zum großen Knall, und Prinzessin samt Expeditionsleiter machen sich auf einer schmelzenden Eisscholle davon ins (vermeintliche) Happy End. Constantin von Castenstein hat das entzückend reimreiche Libretto verfasst, das außer einer Dornröschen-Prinzessin, die mit Hilfe ihrer reizenden Autorität die komplette Forschergruppe zu Untertanen verwandelt, eine ganze Reihe von durchgeknallten Welt-Rettern auf die Bühne bringt. Da ist der Klimaforscher aus Afrika, der aus dem Bibbern nicht herauskommt; der amerikanische Rambo ballert großmachtmäßig mit dem Revolver; zwei Russen haben nichts als Wodka im Kopf (und im eigenen Kühlschrank dabei); die französische Ärztin raucht Kette; der Brasilianer lässt die Hüften kreisen; die Chinesin piepst in höchsten Tönen, und der deutsche Expeditionsleiter sucht verzweifelt nach Übereinstimmungen zwischen Vorschriften und Wirklichkeit. Ja, und da gibt es ja noch den (antiken) Chor der Eisbären . . .

In Aachen erlebt man den gemeinsamen Höhenflug von Komposition, Regie, Ausstattung und Aktion auf und vor der Bühne. Schreier hat während des Entstehungsprozesses der Partitur eng mit der Regisseurin Anna Malunat und dem Textdichter zusammengearbeitet, die „Prinzessin“ dem Ensemble auf den Leib geschrieben.

Ulkig und tiefschürfend

Und das hört und sieht man nicht nur, man darf sich gewissermaßen mitreißen lassen von einem Orkan an Einfällen und Pointen, der sich im Gewand zeitgenössischer Musik auf der Bühne austobt. Zwischen all den musikalischen Späßen (Tatata-taa zum Stichwort „Beethoven“; Steeldrums und Congas zum brasilianischen Bossa Nova und vieles mehr) webt sich ein ulkiges Geflecht von Leitmotiven durch die Partitur, etwa eine blechern verfremdete amerikanische Hymne für den Cowboy der Expedition. Zum allgegenwärtigen Schneefall hat Schreier aus klirrend kaltem Geigenflageolett und kleiner Sekund einen roten Faden erfunden, der die Partitur und den Abend gewissermaßen zusammenhält.

Gesungen und gespielt wird durchweg großartig. Kapellmeister Christoph Breidler weist das Sinfonieorchester klangverliebt durch die Partitur. Der Herrenchor der tapsigen Eisbären (ein Hoch auf Kostümbildnerin Mona Ulrich) hat auch klanglich wunderbare Momente. Katharina Hagopian als Eisprinzessin erwärmt mit ihrem facettenreichen Sopran wie im Märchen das Herz ihres trotteligen Prinzen Schneupel, den Johan Weigel als Gast mit seinem edlen Tenor ausstattet. Keith Stonum (als Kalombo) und Patricio Arroyo (Sousa da Silva) komplettieren die strahlende Tenorriege, der die beiden famosen Bassisten Pawel Lawreszuk und Jorge Escobar (als Russen) und der sehr präsente Bariton Rüdiger Nikodem Lasa (Jackson) gegenüberstehen. Köstlich piepst in höchsten Höhen Jelena Rakic die Pi Ling, reichlich rauchig gibt Eun-Kuyong Lim die Ärztin Bernadette Blanchard.

Trotz des vielen Schnees kann man viel sehen auf der Bühne von Geelke Gaycken, die selbst einem ausgewachsenen Sturm (mit Windmaschinen im Graben) standhält. Regelrecht detailverliebt gibt sich die Ausstattung in diesem rund zweistündigen Opernspaß. Dass die „Prinzessin im Eis“ allerlei zum Nachdenken und Tiefschürfen bereithält, versteht sich dabei nicht von selbst. Ist aber so. Wir müssen ja nicht gerade das Wort „Postapokalypse“ im Munde führen wie das Produktionsteam. Vom Gerangel um Macht und Rohstoffe, vom Aneinandervorbeireden, vom Zauber der Liebe, ja vielleicht vom Abheben handelt dieser Opernabend jedenfalls auch. Und ewig blinkt ein Tannenbaum. Schön.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert