Auf der Spur des eigenen Ichs

Von: Marc Wahnemühl
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Ein Theaterabend, der unter di
Ein Theaterabend, der unter die Haut geht: Peter Shaffers Stück „Equus” mit Raphael Fachner als Alan und Mike Kühne als Dysart im Aachener Das Da Theater. Foto: Wilfried Schumacher

Aachen. Ein Raunen rauscht über den Medienboulevard: Der Hauptdarsteller im Stück „Equus” des britischen Erfolgsautors Peter Shaffer steht nackt auf der Bühne. Nackt!

Das war vor fünf Jahren, und Daniel Radcliffe alias Zauberschüler Harry Potter spielte damals die Rolle des Alan Strang.

Vor 18 Jahren zuletzt in Aachen von der Studententruppe „Ganznahdran” im Theater 99 zu sehen, zeigt das Das Da Theater endlich wieder „Equus” in Aachen. Und in Tom Hirtz Inszenierung ist es nicht nötig, dass sich Alan Strang (extrem präsent in seiner Zerrissenheit gespielt von Raphael Fachner) ganz auszieht.

Die eigentliche Blöße liegt nicht in den nackten Oberkörpern; der 17-jährige Strang entblättert Stück für Stück sein Innerstes vor dem Psychiater Martin Dysart (intensiv: Mike Kühne). Dysart rätselt: Weshalb hat Alan bloß in einer einzigen Nacht sechs Pferden brutal die Augen ausgestochen?

Rückblenden in Videoprojektionen

In der nüchtern-weißen Praxis des Psychiaters öffnet sich Alan allmählich. In Rückblenden, für die auf den Punkt gewichtete Videoprojektionen und Musikeinspielungen genutzt werden, kommt der Zuschauer der Tragweite der Ereignisse nach und nach auf die Spur: Da spielen die Eltern eine wichtige Rolle, die sich im Mittelmaß ihrer wortarmen Ehe außer Vorwürfen wenig zu sagen haben.

Die Mutter (Christine Barth), religiös durchdrungen, ist verzweifelt und wütend, der Vater (Jens Eisenbeißer), Drucker, Sozialist des alten Schlages, kann seine Gefühle nicht zeigen, wirkt distanziert, hilflos, einsam in seiner Engstirnigkeit. Da kommt das lustig-lockere, unbeschwert flirtende Stallmädchen Jill (Nicole Gütling) genau richtig, um Alan aus seiner Lethargie zu reißen.

Doch Alan gerät im Pferdestall vom Regen in die Traufe. Er hat sich von frühester Kindheit an sein ganz eigenes Gottesbild geschaffen: Gott Equus, herrlich anzuschauen im berauschenden Körper aller Pferde. Bei den Pferden fühlt sich Alan frei, da gerät er in Ekstase. Seinem Gott so nah zu sein, gerät ihm zur Lust und Last zugleich. Und Die Meldung geht um die Welt, alle Zeitungen, Internetportale und Fernsehsender berichten. Gott sieht alles, hat ihm seine Mutter eingetrichtert, und so kommt es beim nächtlichen Beisammensein im Stall zur Katastrophe.

Der Psychiater hat seine ganz eigene Krise, er zweifelt an sich, seinen Fähigkeiten, seiner Arbeit, dem Sinn darin. Auch seine Ehe birgt nur Mittelmaß, ein Leben ohne Höhepunkte. Seine Freundin, die Jugendrichterin Hesther Salomon (Laura Linde), der personifizierte Appell an die Vernunft, rät ihm, seine Fähigkeiten zum Wohle des Jungen zu nutzen, ihm zu helfen, normal zu werden. Aber was ist normal? Und hilft er seinem Patienten, indem er ihm seine Leidenschaft, seine Ekstase austreibt? Ihn zu einem mittelmäßigen Leben verdammt? Am Ende steht auch Psychiater Dysart genauso entblößt da wie Alan.

Der lange Dauerapplaus am Ende galt ebensosehr den eindringlichen Leistungen der Darsteller wie auch dem sinnvoll reduzierten Bühnenbild und der sich dramatisch steigernden Inszenierung an sich. Tom Hirtz „Equus” braucht keine Darsteller, die sich bis auf die Haut ausziehen. Seine Inszenierung wirkt tiefer: Sie geht unter die Haut.
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