Utrecht/Aachen - Arts Center: Herman van Veen und seine neueste Errungenschaft

Arts Center: Herman van Veen und seine neueste Errungenschaft

Von: Von Bernd Büttgens
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Herman van Veen stellt nicht ohne Stolz seine neueste Errungenschaft vor: das Arts Center in Soest bei Utrecht.
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Landgut De Paltz: Herman van Veen zeigt hier seine Bilder, er lädt vor allem junge Künstler und ein interessiertes Publikum ein, um Begegnung zu schaffen. Unser Redakteur Bernd Büttgens besuchte van Veen und entdeckte auch eine Installation mit Pingpong-Bällen, die in keiner Show fehlen dürfen.
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Ein Haus für die Kunst. Herman van Veen hat gemeinsam mit der Gitarristin Edith Leerkes das Landgut De Paltz in Soest bei Utrecht erworben. Das historische Gebäude, von der Zeit heftig gezeichnet, ist wieder so weit hergestellt, dass inzwischen der van-Veen-Firmensitz und eine Galerie mit den Gemälden des Künstlers dort untergebracht sind. Foto: Uschi Büttgens (7), Harlekijn

Utrecht/Aachen. Er kommt pfeifend die knarzende Treppe hinunter, nimmt die graue Tür geradeaus, tritt ein. „Guten Morgen, ist in Aachen alles gut?“, fragt er. Ein Lächeln, sein Blick streift die Besucher, geht einmal über Wände und Decke, die Hand zeigt einladend auf die schwarzen Sessel: „Das ist schön hier, oder?“

Ja, das ist schön. Die alte Villa in der Mitte dieses hochherrschaftlichen, dieses stattlichen Parks. Vorzeigenswert, repräsentativ und einladend. Landgut De Paltz, Soestduinen, also kurz vor Soest, was wiederum nah bei Utrecht liegt – ein himmlisches Fleckchen Erde. Herman van Veen sieht das auch so.

Er hat gemeinsam mit der Gitarristin Edith Leerkes, die seit so vielen Jahren seine kongeniale Partnerin bei allen musikalischen Projekten ist, die Villa, die umliegenden kleineren Gebäude und ein gutes Stück Land von der Provinz erworben. „Es ist eine große Herausforderung, dieses 150 Jahre alte Haus zu sanieren, wir machen es Schritt für Schritt“, sagt van Veen und blickt versonnen. „Weiß und warm soll es sein. Es ist ein Traum – gerade in Ausführung.“ Er findet auch abseits der Bühne schöne Worte.

Herman van Veen ist immer schon ein Möglichmacher gewesen. „Ich bin ziemlich klar, ich habe viele Ideen, aber ich habe keinen Plan.“ Er schmunzelt. „Dafür bin ich extrem praktisch. Und kein bisschen aufgeregt oder hektisch.“ Wie er da so sitzt und plaudert und schwärmt und träumt, scheint die Zeit etwas langsamer zu ticken. Den Augenblick zu genießen, hat der 67-jährige Ausnahmekünstler immer schon gepredigt. „Ein Abend ist ein ganzes Leben lang“ – mit diesem Motto tritt er seit fast 50 Jahren auf. Immer noch gibt er rund 120 Shows pro Jahr. In der Heimat und in Belgien, in Deutschland, der Schweiz, Österreich, in Frankreich und in England.

Und überall werden Herman van Veen und sein Ensemble gefeiert. „Ich muss weitermachen, ich kann gar nicht anders“, lacht er. „Mein Kardiologe rät mir dringend dazu, am Ball zu bleiben.“ Für den Körper, für den Geist, ja, auch für sein Publikum. Doch gilt nach wie vor sein Satz: „Den meisten Spaß und die größte Freude all derer, die im Saal sind, habe immer ich.“ Er ist entwaffnend ehrlich: „Ich lebe ein glückliches Leben.“

Landgut De Paltz, ein Morgen im Februar, van Veen ist für ein paar Tage daheim. Er selbst wohnt gut drei Kilometer von hier auf einem alten Bauernhof, doch das Herz der Firma „Harlekijn“, die van Veen 1968 gründete und in der all seine Aktivitäten gebündelt werden, schlägt jetzt in der Villa. Edith Leerkes hat ein Haus direkt nebenan bezogen. Sie schaut auf das langsam wieder erblühende Anwesen von 1867, das jetzt „Herman van Veen Arts Center“ heißt. Hier zu sein, und wenn es nur für ein paar Tage während der langen Tour ist, lädt den Akku auf.

Die, die über Herman van Veen schreiben – und es sind nicht wenige –, stehen alle vor der gleichen Herausforderung: Man wird diesem Mann kaum gerecht, weil sein Wirken so vielfältig, seine Talente so reich verzweigt sind. Poet, Clown, Violinist, Maler, Menschenrechtler, Kabarettist, Aktivist, Schauspieler, Komponist, Regisseur, Erfinder – wahrscheinlich fehlt noch etwas. Was ihn jedoch in all seinem Tun lenkt, ist eine tiefe Menschlichkeit und am Ende, bei aller Planlosigkeit, mit der er so gerne kokettiert, ein gerader, ein aufrichtiger Weg.

Van Veen ist ein Meister des Wortes. Er findet die leisen Töne, kann es aber auch sehr laut. Was er auf der Bühne tut, ist geistreich, skurril, wirft Fragen auf, ist rätselhaft, lustig und verrückt. Was auch immer und wie auch immer: Herman van Veen verzückt sein Publikum seit fast fünf Jahrzehnten – auch in Deutschland.

Der 67-jährige Niederländer schafft Nähe, er berührt sein Publikum tief. Er singt Liebeslieder, ohne triefend kitschig zu sein. Er formuliert spitz, ist dabei erfrischend selbstironisch, er erzählt tragikomische Geschichten, die heitere Nachdenklichkeit erzeugen. Er ist ein Augenzeuge des Alltäglichen. Eigentlich ist dieser Mann einzigartig.

Die aktuelle Deutschland-Tour läuft mit einer feinen Resonanz. Nein, sagt er, die Kritiken habe er nicht gelesen, sein härtester Kritiker sei er schließlich selbst. Und ansonsten würden die Kollegen auf der Bühne ja auch spüren, wie es gelaufen ist. Allabendlich wird bei einem Glas Rotwein über die Show gesprochen, van Veen kann für sich in Anspruch nehmen, dass noch kein Konzertabend war wie ein anderer zuvor. Alles steht auf dem Prüfstand, wird neu bespiegelt, neu beleuchtet. „Eigentlich suche ich jeden Abend aufs Neue nach den Momenten, in denen es so klingt, wie ich es mir wünsche. Das ist ungemein spannend.“

Van Veen mag das. Er kokettiert: „Ich habe keine Fantasie, ich schöpfe aus dem Erlebten.“ Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Auch wenn er das Vergangene bemüht, ist er kein Melancholiker, er hält sich selbst für einen Erzrealisten. Er sehnt sich nicht zurück, spürt kein bisschen Wehmut, vielmehr sei der immer neue Blick auf die Erinnerung die Basis für seine Kunst.

Gerade schreibt er eine Kolumne für eine Zeitung. Sein Fachgebiet dort: die Natur. Er ist Hobbybauer, er liebt die Freiheit draußen in Wind und Wetter, er erzählt von den Eisvögeln, die er gerade beobachtet hat, schwärmt von dem Park, den gut 80 Hektar, die rund um die Villa liegen. „Und dahinten“, sagt er später am Fenster und weist auf eine stattliche Tanne, deren Äste sich bis zum Bogen neigen, „das ist das Klabauterhaus, aber pssst.“ Nicht nur Kinder hören gerne zu, wenn Herman van Veen seine Geschichten erzählt.

Das Landgut, die Villa und die Idee, hier die Zentrale allen Schaffens einzurichten, das kleine Theater in der ehemaligen Scheune, auch das Konzept, diesen Reichtum mit anderen zu teilen, passt in van Veens Philosophie. Und während er da sitzt, direkt vor seinem opulenten Gemälde, diesen klaren geometrischen Formen Rot in Rot, lässt er Gedanken sprudeln. Er und seine Mitstreiter, die zu Beginn ihrer Karriere auch auf das Wohlwollen gestandener Künstler und Förderer angewiesen waren, haben sich vorgenommen, hier in Soestduinen aufstrebende junge Akteure einem interessierten Publikum vorzustellen. Die Leistung von Edith Leerkes und Herman van Veen ist es, diese Begegnung anzubahnen, Ort und Zeit dafür zu schaffen: „Es ist eine Freude zu sehen, wie das ankommt.“

Van Veen erzählt: „Wir haben diesen Schritt gewählt und diese Investition in Angriff genommen, weil wir es zunächst einmal selbst schön finden. Aber es ist auch mehr. Wir wollen in bescheidenem Maß in dieser außergewöhnlichen Umgebung Konzerte, Ausstellungen, Seminare, Lesungen, Feste und dergleichen anbieten.“ Dass die beiden Eigentümer auch immer wieder selbst auftreten, versteht sich von selbst. Die Eröffnung des Hauses und der Ausstellung mit van Veens Gemälden zu Anfang des Jahres haben sie mit einem kleinen individuell gestalteten Programm zelebriert.

Die Basis für den Erfolg, den das Multitalent van Veen auf allen Gebieten erzielt, ist sein Können. Er ist exzellent ausgebildet, in Tanz, Gesang, an der Geige, er ist ein virtuoser Autor, der das entwaffnend gerade Wort spricht. Um noch besser zu sein, hat er sich stets mit anderen Könnern umgeben. Neben Edith Leerkes ist das auch der Pianist Erik van der Wurff, mit dem er fast 50 Jahre auf der Bühne steht. Nach überstandener Krankheit kehrt van der Wurff in diesen Tagen zur Mannschaft zurück. Ein Ensemble, das bei der Tour im Übrigen durch ganz junge Künstler, den Percussionisten Willem Wits und den Bassisten Dave Wismeijer etwa, ergänzt wird. „Wir profitieren sehr von dieser jungen Kraft, das ist wieder ein Impuls für die Arbeit“, sagt van Veen.

Weitermachen, das hat auch den besonderen Charme, stets Neues zu erleben. Oder zu sehen, wie sich die Dinge formvollenden: „Es ist tatsächlich vieles klarer geworden.“ Er meint auch das Verhältnis zum Publikum. „Die Leute sind mir näher, wir sind enger beieinander.“ Und das funktioniert sogar in den Sälen, die groß sind. Es ist ein entspanntes Verhältnis, van Veen vermittelt allen Gästen das Gefühl von großer Vertrautheit: Da vorne steht und singt einer, der mir sehr bekannt ist. „Mir geht das aber auch umgekehrt so, obwohl ich die Leute ja auch nicht persönlich kenne.“ In diesem Glück kann er sich verlieren. Legendär sind die Abende, an denen van Veen kein Ende findet und Zugabe um Zugabe gibt: „Und dann singe ich wieder ein weiteres Fenster auf, und Bilder wehen herein. Von einigen wird man froh, von einigen traurig.“

Wie er das macht? Van Veen löst diese Aufgabe mit dem Herzen, mit seiner Ehrlichkeit, mit seiner Empathie und mit seiner Meisterschaft. Und mit Sorgfalt und Konzentration. „Ich bin ein Fachmann“, sagt er. „So wie der Bäcker das Brot backt und der Kunde weiß, dass es deshalb gut wird, so singe ich das Lied.“ Und wie beim Bäcker kommt es auch beim Sänger auf die Zutaten an. „Es gibt Fiction, da ist alles frei erfunden, wir aber machen Faction. Wir bedienen uns der Erinnerung, nehmen die Fakten und spielen damit wie mit Lego.“ Dass die Kunst darin besteht, die Leute dort abzuholen, wo sie gerade sind, ihnen etwas zu erzählen, was sie berührt, sagt er auch.

All das Leid, all die Freude, Geburt und Tod – van Veen spiegelt das Leben um ihn herum auf seine Art. „Mein Repertoire war immer: Baum. Haus. Straße. Papa. Mama. Mann. Frau. Es war nie mehr als eine Welt, die es überall gibt.“ Dass längst die Stichworte Kinder, Enkel, ja auch das Altern, dem er sich so fabelhaft entzieht, hinzugekommen sind, weiß jeder van-Veen-Freund. Die aktuelle CD „Für einen Kuss von Dir“ ist eine Liebeserklärung an die Jüngsten. An ihrer Lebensfreude hat er seinen Spaß, und er bleibt Optimist: dass die Kinder auch in Zeiten von Internet und Reizüberflutung immer noch wissen wollen, warum etwas so ist, wie es ist. Dass sie neugierig sind. „Wir müssen sie ermutigen.“ Vorneweg watschelt Zeichentrick-Ente Alfred Jodocus Kwak – frecher Querdenker, Warumfrager.

Doch die Kunst alleine hat ihm nie gereicht. Das sagt er, als er mit seinen Gästen durch die Villa geht, stolz auf bereits Renoviertes weist und auf noch zu Sanierendes zeigt. Hier packt er selbst mit an. Weil er eben praktisch ist. So wie er das auch überall dort tut, wo die Umstände ihn wütend machen. Wenn es etwa um die Rechte der Kinder in der Welt geht: „Nicht eine Schulklasse hungert da, sondern fast eine Milliarde Menschen. Das ist unvorstellbar viel, und es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Dafür braucht man enorm viel Geld und Verstand. Aber wir müssen es doch gemeinsam schaffen können, die Kinder zu retten.“ Van Veen tut das nun auch in Soestduinen, er tat es schon immer – mit seinen Stiftungen und als Unicef-Botschafter.

Der Plan, für das Landgut De Paltz Gönner und Unterstützer zu finden, die sich einen Stuhl für drei Jahre kaufen und damit das Recht erwerben, alle Aktivitäten, die dort angeboten werden, zu besuchen, geht gleich zu Beginn gut auf. „Man zahlt für drei Jahre 1200 Euro und bekommt in Wirklichkeit zwei Plätze“, erklärt van Veen. Kalkuliert wird damit, dass Stuhlbesitzer natürlich nicht alle Veranstaltungen, die im Gut über die Bühne gehen, besuchen können. „Dann haben wir diese Plätze zur Verfügung und schenken sie Leuten, die normalerweise nicht in ein Theater oder eine Ausstellung gehen würden oder könnten.“

Van Veen und Leerkes nutzen ihre guten Namen und ein fabelhaftes Netzwerk und machen wahr, was sie angekündigt haben: den Reichtum zu teilen. Dass sie selbst dabei beschenkt werden, ist ein schöner Effekt.

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