Anstrengend, puristisch, virtuos: „Die Troerinnen”

Von: Armin Kaumanns
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Strenge Wehklage: Ines Krug als Hekabe in „Die Troerinnen” im Theater Mönchengladbach. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Rhythmus, Melodie und Tempo bestimmen das Geschehen im pechschwarzen Raum des Mönchengladbacher Theater im Nordpark. „Weh, wehe” gurrt es unablässig aus der Kehle der Königin: Hekabe, Witwe des Priamos, der im Kampf um Troja fiel.

Ines Krug verkörpert die Erste unter den Frauen - die Unglücklichen, Geschändeten, Versklavten -, denen Euripides vor 2500 Jahren das Drama „Die Troerinnen” zueignete. Behutsam aktualisiert und von ihm neu übersetzt, destilliert Regisseur Bruno Klimek daraus einen puren, anstrengenden Theaterabend, der in seiner formalistischen Nacktheit eine Zumutung ans Publikum ist. Und ein ziemlich unverfälschter Genuss.

Da ist einer verliebt in dieses Sprachkunstwerk, das über tausende von Versen das Elend der Frauen im zerstörten Troja in Hexameter fasst. Klimek zwingt sein künstlerisches Personal zu erstaunlich virtuoser Sprech-Arbeit, die allgemeingültig daherkommt: Sämtliche Frauen, seien sie nun Teil des 24-köpfigen (Laien-)Chores oder treten sie aus ihm heraus zu profilierter Rolle, sind gewandet in schwarze, knielange, ärmellose Kleider. Klimek verbietet (fast) jede theatrale Körperarbeit: Die Sprechenden stehen reglos, die Arme hängen schlaff herab, Bewegung findet nur aus der Masse zur Mittelachse der Bühne und wieder zurück statt. Der Chor sitzt stocksteif rund um das weiße Spielquadrat, rezitiert wie aus einem Mund, außerordentlich vielschichtig und genau.

Allein die Sprache ist Trägerin des Ausdrucks. Einen Reim auf die Worte muss sich der Zuschauer selbst machen. Hekabes (Ines Krug ist das ruhende, glühende Zentrum der Bühne) Lamento ist so unschuldig nicht, wie sie gern vorgibt: Das Streben nach Macht und Einfluss treibt sie trotz drohender Knechtschaft zu immer neuen Intrigen; Kassandras (Floriane Kleinpaß in großer Arie) Wehgeschrei verhallt ebenso folgenlos wie Andromaches Mutter-Tragödie, zu der Esther Keil kurz und zu Herzen gehend ihrem kleinen Sohn erklärt, warum er jetzt von den Zinnen der brennenden Burg geworfen wird. Sogar der schönen Helenas Rechtfertigungsrede (Anja Barth in glasklarer, äußerst wirksamer Diktion) bleibt ohne Folgen.

Die Fragen nach der Macht des Schicksals, Gerechtigkeit, nach Gut und Böse bleiben offen. Denn selbst der einzige Mann im Ensemble, Sven Seeburg, der Poseidon, einen Boten der griechischen Besatzer und Menelaos selbst verkörpert, ist so hassenswert nicht, wie die Frauen in ihrer Selbstgerechtigkeit es gern hätten.

So entsteht im leeren Bühnenraum große Oper, gesteuert von diesem uralten Text, der um seine Relevanz kämpft. Man schnuppert an den Urgründen des Theaters, dabei ist fast alles ausgemerzt, was Schauspieler so gern von sich zeigen. Das ist reichlich formalistisch, statisch bis zur Schmerzgrenze, ein wenig l´art pour l´art. Und dennoch sehenswert.

„Die Troerinnen” von Euripides sind noch am 2., 12., 14. Mai, 26. Juni und 3. Juli im Theater am Nordpark in Mönchengladbach zu sehen.

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