Aachen - Anne Schwanewilms: Ein Opernstar, der öfter mal Nein sagt

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Anne Schwanewilms: Ein Opernstar, der öfter mal Nein sagt

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Anne Schwanewilms singt an den bedeutenden Opernhäusern der Welt – und jetzt in Aachen.

Aachen. Opernstar? Das hört Anne Schwanewilms nicht so gerne. Aber die Sopranistin ist einer! Auch wenn sie sich im Gespräch mit Jenny Schmetz nicht divenhaft, sondern ruhrpöttisch bodenständig gibt.

Zwischen Auftritten an der New Yorker Met, der Mailänder Scala oder der Wiener Staatsoper ist die gefeierte Strauss- und Wagner-Interpretin eher selten „zu Hause“ – in Zeuthen am Rande von Berlin. Von dort erzählt die Sängerin per Telefon, warum sie zum Liederabend nach Aachen kommt, was ihr am Opernbetrieb missfällt und bei welchem Rollen-Angebot sie zuletzt Nein gesagt hat.

Mitte der 90er Jahre konnte man Sie an der Kölner Oper noch als Mutter in „Hänsel und Gretel“ oder Olga in „Eugen Onegin“ erleben. Seitdem hat sich in Ihrem Leben sehr viel verändert . . .

Anne Schwanewilms: Ja! (lacht) An meine Mutter-Zeiten kann ich mich kaum noch erinnern. Die habe ich nicht so geliebt. Damals war ich als böse Mutter Ende 20, und Hänsel und Gretel waren 20 Jahre älter als ich. Da lag mir so eine hochromantische Rolle wie die Olga viel mehr.

Aber es waren nicht nur die Mütter-Rollen, auch mit Ihrer Mezzo-Stimme fühlten Sie sich nicht wohl?

Schwanewilms: Meine Höhe hatte sich so herauskristallisiert, dass ich mich als Sopran wohl fühlte. Die entscheidende Frage ist: Wie lange und gerne kann man da oben verweilen, ohne dass man sich einen Wolf singt? (lacht) Damals hatte ich schon Angst, aber im Rückblick war mein Sprung ins Sopran-Fach notwendig – und genau richtig!

Und jetzt sind Sie ein Opernstar! Gefällt Ihnen das?

Schwanewilms: Nö! (lacht) Das klingt so abgehoben. Wenn man mir sagt: „Oh, Sie haben eine schöne Stimme!“, „Tolle Interpretation!“ oder „Das hat mich berührt“ – damit kann ich was anfangen. Aber ein „Opernstar“? Das ist so eine komische, unnahbare Position. Nee!

Aber Sie sind an den großen Opernhäusern der Welt zu Gast. Erleben Sie da auch Starrummel?

Schwanewilms: In manchen Städten feiern sie einen schon. In Wien zum Beispiel, in New York, London oder München. Da muss ich meine Autogrammkärtchen rausholen. Herrlich! (lacht) Ansonsten lassen einen die Klassikfreunde in Deutschland eher in Ruhe – was ich auch mal ganz schön finde.

Was missfällt Ihnen am Opernbetrieb?

Schwanewilms: Das ständige Unterwegssein. Dass ich von zwölf Monaten neun bis zehn Monate nicht zu Hause bin. Wenn ich einen Koffer sehe, kriege ich schon eine Phobie! (lacht) Auf der Bühne ist es wunderbar, aber das ganze Drumherum ist auch eine physische Belastung.

Wie trainieren Sie Ihren Körper?

Schwanewilms: Mit einer Lehrerin mache ich Alexander-Technik und Gesangsübungen. Dabei entwickelt man seine Stimme, und gleichzeitig (ihre Stimme wird ganz dunkel) entspannt man sich.

Entspannung ist im Opernbetrieb, der meist auf den schnellen Erfolg gepolt ist, wichtig. Josef Protschka, ehemaliger Rektor der Kölner Musikhochschule, hat kürzlich den „Jugendwahn“ der Opernhäuser gegeißelt. Erleben Sie den auch?

Schwanewilms: Nö! (lacht) Das war ja eigentlich schon immer so. „Neue Besen kehren gut“ – das ist ein uralter Spruch. Wenn Sie an einem Haus eine Marschallin, Leonore oder Senta gesungen haben und die Produktion ist raus aus dem Spielplan, dann sind Sie auch „abgespielt“. Dann müssen bei der Wiederaufnahme Neue her!

Der Betrieb will dann also frisches Fleisch haben . . .

Schwanewilms: Ja, aber sonst wäre ich ja auch nicht auf die Bühne gekommen! Also, sooo schlimm ist es auch nicht. Was aber ein Problem ist, dass viele junge Leute zu früh Partien singen, die sie noch nicht singen sollten. Früher gab es noch mehr Agenten und Intendanten, die eine Stimme langsam aufgebaut haben. Da ist der Betrieb heute anders. Aber jeder Sänger muss für sich selbst Verantwortung übernehmen!

Sie sind das beste Beispiel für eine Sängerin, die Verantwortung für ihre Stimme übernimmt und sie langsam entwickelt.

Schwanewilms: Ja, ich wollte meiner Stimme Raum und Zeit geben. Ich habe mehr Karriere gemacht durch Neinsagen als durch Ja- sagen. Ich habe mehr Neins gegeben als Jas.

Bei welchem Angebot haben Sie zuletzt Nein gesagt?

Schwanewilms: Das war eine Salome. Die habe ich bestimmt schon 30 Mal in meinem Leben angeboten bekommen. Und da sage ich weiterhin: Nein!

Und in wie vielen Jahren wollen Sie die singen?

Schwanewilms: Gar nicht! Schauspielerisch wäre das sehr reizvoll. Aber das Orchester ist mit 110 Musikern so dick, dass ich in der Mittellage dagegen anbrüllen müsste. Das mache ich nicht!

Was wollen Sie noch machen?

Schwanewilms: Zum Beispiel Janáeks „Die Sache Makropulos“. Dafür hatte ich schon vor Jahren zig Anfragen, aber ich habe immer gesagt: nee, nee, nee, zu früh, zu früh, zu früh. Und jetzt würde ich sagen: ja, ja, ja! (lacht) Aber wir reden nicht vom nächsten Jahr. In meinem Kalender sind erst 2017/2018 wieder Termine frei.

Jetzt singen Sie in Köln erst einmal die Desdemona, die Sie schon mit Sir Colin Davis aufgenommen haben. Ihren Namen bringt man nicht unbedingt mit Verdi in Verbindung.

Schwanewilms: Das liegt nicht an mir! Das liegt unter anderem auch an meinem Namen.

Schwanewilms? Da denkt man an Wagner oder das deutsche Fach?

Schwanewilms: Meine erste Lehrerin hat mir gesagt: Du musst Dir unbedingt einen Künstlernamen zulegen. Aber ich denke nach wie vor: So ein Quatsch! Ich hätte nie geglaubt, dass das ein Handicap sein könnte für andere Fächer.

Meinen Sie wirklich, dass Ihr Name solch eine Wirkung hat?

Schwanewilms: Ja! Die trauen mir einfach nicht zu, dass ich Italienisch singen kann. Ich würde zum Beispiel die Desdemona nicht in der Mailänder Scala singen wollen. Die verzeihen einem keinen deutschen Akzent. Gnadenlos! (lacht)

Aber in Köln geht das.

Schwanewilms: Wunderbar! Überall geht das – nur nicht in Italien. Und die Desdemona ist so was von schön! Ich fliege jetzt schon. Diese Gesangslinie! Da kann man einfach nur die Luft laufen lassen. Herrlich! Aber leider selten. Da müsste ich Anna Scuanevi heißen! (lacht)

Die Kölner „Otello“-Inszenierung ist eine Übernahme aus Stockholm, eine 15 Jahre alte Produktion von Johannes Schaaf . . .

Schwanewilms: Er hat seine Erlaubnis gegeben, aber kommt selbst nicht zu den Proben nach Köln.

Auch so ein Nachteil des Opernbetriebs. Sie müssen in alte Inszenierungen einsteigen.

Schwanewilms: Nö! Das empfinde ich nicht als Nachteil. Ich kann ja trotzdem mein eigenes Ding daraus machen. Manchmal ist es nur ein Nachteil, wenn man in Kostüme reingesteckt wird, die vorher eine Kollegin getragen hat, die klein und pummelig war. Ich bin 1,82 Meter und muss dann mit der Garderobiere kämpfen . . .

Sie sagen: „Ich möchte Schauspiel singen.“ Da müsste es Ihnen doch wichtig sein, gemeinsam mit einem Regisseur eine Rolle zu erarbeiten.

Schwanewilms: Bei einer Neuinszenierung habe ich natürlich viel mehr Einfluss. Aber wenn kein Regisseur da ist, ist das auch kein Problem. Ich weiß, was ich singe und ausdrücken möchte. Deshalb mache ich auch gerne Liederabende, weil ich da selber gestalten kann.

Wie kommt es zu Ihrem Konzert-Abstecher nach Aachen?

Schwanewilms: Ein Freund meines Mannes, Herbert Görtz, ist Professor an der Aachener Musikhochschule. Er hat schon vor Jahren immer wieder gefragt: Warum kommst Du denn nicht mal nach Aachen?

Und da konnten Sie nicht länger Nein sagen.

Schwanewilms: Mein Mann ist ja auch in Aachen geboren. Er hat da ungefähr 30 Verwandte und Freunde. Mein Liederabend wird also auch ein Familientreffen!

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