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Andreas Magdanz und die fotografische Pilgerfahrt

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Fotograf Andreas Magdanz beschäftigt sich schon lange mit kontroversen Orten.

Aachen. Immerath wird verschwinden – in einem riesigen Loch, genannt „Garzweiler II“. 2017 sollen die Abrissbagger anrücken. Und dem Hambacher Forst wird es wohl genauso ergehen. Der Braunkohletagebau-Betreiber RWE drängt. „Kein Recht auf Heimat...“

Orte, die dem Untergang geweiht sind, die eine ganz besondere Geschichte in sich bergen oder in Umwandlung begriffen sind – sie stehen im Mittelpunkt der Arbeit des Aachener Fotografen Andreas Magdanz (50). Er dokumentierte mit dem Regierungsbunker im Ahrtal, der „Dienststelle Marienthal“, zugleich den Wahnwitz atomarer Kriegsplanungen. Dem toten Dorf Wollseiffen am ehemaligen Truppenübungsplatz Vogelsang widmete er eine Fotoserie, ebenso dem BND-Standort Pullach und der JVA Stuttgart-Stammheim – eine „Gebäudemonografie“, die bis in die USA auf große Resonanz stieß.

Lange damit beschäftigt

Seit 2008 hat Magdanz einen Lehrauftrag für künstlerische Fotografie an der RWTH Aachen am Lehrstuhl für bildnerische Gestaltung, Fachbereich Architektur. Mit knapp 30 Studenten seines Seminars unternahm er ab Herbst 2013 wöchentlich eine fotografische Pilgerfahrt nach Immerath und zum Hambacher Forst, „um die Menschen, die Ortschaft und die Landschaft zu porträtieren“.

„Das Thema Tagebau beschäftigt mich seit 34 Jahren“, sagt der gebürtige Mönchengladbacher. Das Schlüsselerlebnis hatte er in Königshoven, da war er 16. „Ein malerisches Dorf, für uns Kinder ein Abenteuerspielplatz.“ An- derthalb Jahre lang lebte in dem leergefegten Geisterdorf nur noch ein einziger alter Mann. Dann rückten die Bagger an. „Sechs Monate blickte er von seinem Haus aus in die Grube“, erinnert sich Magdanz, „ehe die Polizei kam und ihn abholte. Das hat mich nie mehr losgelassen.“

Nicht nur Architekten

Seine Schüler des ablaufenden Semesters, überwiegend Studenten der Architektur, aber auch Informatiker und Ingenieure, besuchten die Baumbesetzer im Hambacher Forst und die letzten Bewohner Immeraths. Die Bäuerin Else Schopen zum Beispiel: „Sie brachte uns immer Kaffee und Kuchen“, erzählt Magdanz. „Eine liebe Frau.“ Auch die Aktivisten im Hambacher Forst erwiesen sich durchweg als sehr gastfreundlich und entgegenkommend gegenüber den Fotografen. Beeindruckende Bilder sind entstanden. Da richteten junge Menschen aus Spanien, Tschechien, China, Vietnam oder Korea ihren neugierigen Blick auf verlorene Orte und ihre Menschen und das seltene Phänomen von Baumbesetzern in ihrem deutschen Gastland, um deren eigentümliche Charakteristik möglichst neutral, objektiv und umfassend zu dokumentieren.

Mit Begeisterung dabei

„Sie waren mit Begeisterung dabei“, sagt ihr Dozent. „Einige haben sogar Kletterkurse absolviert.“ Eine gewisse Behändigkeit war nötig, um die Baumbesetzer im Hambacher Forst in ihren 16 Meter hohen Baumhäusern zu erreichen. „Die leisteten hier anderthalb Jahre lang absolut gewaltfreien Widerstand“, sagt Magdanz. „Davor muss man Respekt haben.“

Vor einem Monat rückten zwei Hundertschaften Polizei an, um 16 Baumbesetzer zu vertreiben. „Am Tag danach wurden die bis zu 200 Jahre alte Eichen gefällt.“ Der Blick auf diese gerodete Stelle im Wald bildet das Cover des Buchs, das aus dem Fotoprojekt für jeden Teilnehmer hervorgegangen ist. Es wird in Kürze im Internet veröffentlicht.

„Der Hambacher Forst ist ein ganz zauberhafter Wald“, sagt Magdanz, „weil er jahrzehntelang nicht bewirtschaftet wurde.“ Vor allem die Aufnahmen der asiatischen Studentinnen fallen durch eine gemeinsame Bildsprache auf: Sie richteten ihre Kamera überwiegend auf die besonderen Details, den Mikrokosmos im Hambacher Wald mit seinen Insekten, Buschwindröschen oder den erstaunlichen Strukturen im alten Holz.

Das langsam angewachsene malerische Chaos in der Campküche der Aktivisten, auf einer Wiese zwischen der alten und der neuen Autobahn gelegen, bot atemberaubende Perspektiven auf ein Leben im Widerstand. Die Wiese gehört einem Steuerberater, der das Grundstück ausdrücklich für den Protest zur Verfügung gestellt hat. „Der wird von den Behörden jetzt drangsaliert“, erzählt Magdanz. „Für jedes aufgestellte Zelt auf seinem eigenen Grundstück soll er 2000 Euro zahlen.“ Das Mädchen Lale, mit geschlossenen Augen fotografiert, ist Magdanz‘ Ikone: „Sie hat 18 Monate auf Bäumen gelebt. Man muss anerkennen, dass die Leute keine Adoleszenz der Jugend antreibt. Sie haben ein wirkliches Anliegen.“

Die Studenten fügten manchen Fotos Zitate bei. Hannah Daemen wählte für ihre Fotos vom Camp eines von Bertolt Brecht: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Immerath. Das Hermann-Josef-Krankenhaus, ein erstaunlich großes Hospital für so einen kleinen Ort, steht leer, das danebenliegende Haus Nazareth, Teil eines ehemaligen Franziskanerklosters, ebenso. „Hier wurden im Ersten Weltkrieg Tausende verletzter Soldaten behandelt.“

Blick in die OP-Säle – die morbide Szenerie, vermittelt durch hochästhetische Aufnahmen, erzeugt ein leicht gruseliges Gefühl. „Da fühlt man die Beseeltheit alter Räume“, erklärt Magdanz. „Man glaubt, das Leben noch zu spüren, das es hier einmal gab.“

Menschenleere Kreuzung

Die menschenleere Kreuzung – in die eine Richtung geht es nach Holzweiler, in die andere ins Nichts der Tagebaugrube – wirkt wie ein poetisches Symbolbild für Leere und Entseelung.

Ästhetik der anderen Art: die Bilder vom Friedhof. Dort, wo die Begrabenen schon umgebettet wurden, erinnern Merkzettel daran. Trübe Aussicht: „Alle werden nicht umgebettet, bald werden hier die Knochen offen herumliegen, ganze Schädel.“

Dennoch geht eine besondere Faszination von sterbenden Orten wie diesen aus. Magdanz: „Es sind Orte, an denen Ethik, Moral und Tradition von jetzt auf gleich wegbrechen. Da wird die Kirche abgerissen, das Denkmal, die Gedenkstätte . . .“

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