Als Immendorff in Badehose protestierte

Von: Eckhard Hoog
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Seltene Dokumente: Die Fotos zeigen den späteren Düsseldorfer Kunstprofessor Jörg Immendorff 1966 in Badehose und mit einer Babymaske vor dem Gesicht in einer ehemaligen Kaffeerösterei an der Wallstraße in Aachen. Sein Auftritt war eine Protestaktion gegen den Vietnamkrieg. Aachen war damals ein Zentrum der Avantgarde, das Ludwig Forum bereitet eine Ausstellung zu diesem Thema vor, die im Herbst stattfindet. Foto: Sepp Linckens

Aachen. Wir schreiben das Jahr 1966. Die USA haben ihr Truppenkontingent in Südvietnam auf 400.000 Soldaten aufgestockt. Ganze Landstriche in Nordvietnam und ein Großteil der Zivilbevölkerung, Alte, Frauen, Kinder, fallen verheerenden Bombardements durch die Amerikaner zum Opfer.

Zur gleichen Zeit in Aachen, in einem Hinterhof an der Wallstraße 58: Kurz zuvor haben hier Architekturstudenten der TH in einer ehemaligen Kaffeerösterei die „Galerie Aachen” gegründet - eine Experimentierstube für neue Kunst.

Kusntstudent aus Düsseldorf

An diesem Abend ist ein 21-jähriger Kunststudent aus Düsseldorf zu Gast, Schüler eines gewissen Professor Joseph Beuys: Jörg Immendorff. In Badehose betritt er den Raum, das Gesicht bedeckt mit einer Babymaske. In der Hand hält er einen Blumenstrauß. Das Publikum steht drumherum: stocksteif und offensichtlich überrascht. „vietnam, vietnam, vietnam” nennt Immendorff seine Aktion, die er als Protest verstanden wissen will. „Das Baby und die Blumen, das waren Hoffnungssymbole gegen den Krieg”, erklärt Annette Lagler, die stellvertretende Direktorin des Aachener Ludwig Forums heute.

Immendorff klettert auf das Gebälk des Dachstuhls und schüttet Wasser herunter - Löschwasser gegen den Krieg? Geradezu rührend naiv und ziemlich hilflos mutet Immendorffs Kunstprotest jener Tage heute an. Aber die neuzeitlichen Kommunikationsformen des politischen Widerstands und die Aktionskunst erlebten ja auch gerade erst ihre Geburtsstunde, und Aachen war von Anfang an immer dabei.

Das Ludwig Forum, namentlich Annette Lagler und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Myriam Kroll, bereitet in seinem Jubiläumsjahr zum 20-jährigen Bestehen des Hauses eine Ausstellung für den Herbst (21. Oktober bis Februar 2012) vor, die die prägende Rolle Aachens in der Umbruchzeit der 60er und 70er Jahre beleuchtet: „Nie wieder störungsfrei! Aachen-Avantgarde” lautet der Titel.

Die Immendorff-Szene in der „Galerie Aachen” hielt der Fotograf der früheren „Aachener Volkszeitung” fest: Sepp Linckens. Sein wohlsortiertes Archiv betreut heute seine Witwe Resemarie - eine überaus wertvolle Informationsquelle für die beiden Kuratorinnen, die sie ebenso gerne nutzen wie das Achiv unserer Zeitung, das gleichfalls Materialien beisteuert. Annette Lagler hofft, dass es darüber hinaus Zeitzeugen gibt, bei denen womöglich in Fotoalben oder auf dem Dachboden Dokumentenschätze schlummern, die es noch zu heben gilt - ehe sie verschwinden. Interessenten und Informanten sind willkommen: ? 0241/1807109.

Die Architekten-Szene an der TH - Gottfried Böhm leitet die Fakultät - gilt in den 60ern als impulsgebend für die progressive Bewegung, die sich alllmählich immer stärker politisiert, ausgerechnet oder deswegen im konservativen Aachen. Am 20. Juli 1964 bekommt der eingeladene Joseph Beuys bei einem Happening im Audimax eins auf die Nase - und spürt hier zum allerersten Mal die provozierende und polarisierende Wirkung von künstlerischen Aktionen. Nach Einschätzung von Annette Lagler war das für Beuys der Auslöser, sich selbst als ein Medium zu begreifen und sich in dieser Rolle fortan einzusetzen. Ein Markstein.

Vier Etappen der Aachener Avantgarde wird die Ausstellung beleuchten, die letztlich die entscheidenden Entwicklungsstufen zur Gründung des Ludwig Forums selbst waren. Die Fluxus-Bewegung der 60er Jahre mit ihren Aachener Keimzelle und eben dem legendären „Festival der neuen Kunst” von 1964 bildet den Auftakt. Der Mitbeteiligte Bazon Brock, heute Ästhetik-Professor in Wuppertal, der damals kopfstehend dem Publikum zurief „Wollt Ihr den totalen Krieg” und das anschließende Tohuwabohu damit letztlich auslöste, wird für den Katalog der Ausstellung einen eigenen Beitrag schreiben. Als den Studenten bereits gegen Ende 1967 das Geld für ihr anspruchsvolles Galerie-Programm ausging, schrieb Immendorff: „In der Bundesrepublik gibt es keine Galerie, in der einem so viel Verständnis und Großzügigkeit entgegengebracht wird, wie es hier der Fall war.”

Die zweite Etappe der Aachen-Avantgarde ist untrennbar mit dem Namen eines ehemaligen Kulturredakteurs der Aachener Nachrichten, später hochdekorierter Ausstellungsmacher, Publizist, Museumsdirektor und Professor, verbunden: Klaus Honnef. Der gründet 1968 zusammen mit dem Galeristen Will Kranenpohl in Verbindung mit der Künstlerin Rune Mields das „Zentrum für aktuelle Kunst - Gegenverkehr” in der Theaterstraße 50. Innerhalb kürzester Zeit entsteht hier ein weit über die Stadt hinausstrahlender Avantgarde-Treff für alle Kunstsparten. Film, Musik, Literatur und bildende Kunst in allen Spielarten sprechen hier keineswegs nur die „Freaks” der Szene an - im Gegenteil: Die Mitte der Gesellschaft fühlt sich von diesem politisch-künstlerischen Hort der Aufgeschlossenheit und Offenheit angezogen - vor allem Geschäftsleute und jene Ärzte, die reichlich für das neu entstehende Klinikum angeworben werden. Gerhard Richter, heute ein Weltstar, hat im Gegenverkehr seine ersten Ausstellungen.

Der progressive Elan des „Gegenverkehrs” reicht bis zum Jahr 1972. Währenddessen hat bereits ein anderer für eine alles beherrschende Furore gesorgt und selbst anzüglichste Pop-Art unter die mittelalterlichen Madonnen im Suermondt-Museum gemischt: Peter Ludwig markiert die dritte Etappe der Aachen-Avantgarde.

„Gewagter, aktueller, experimentierfreudiger” als alles Vergleichbare in der Bundesrepublik, so charaktierisiert Annette Lagler das Programm der in der Folge der Ludwig-Aktivitäten gegründeten „Neuen Galerie” unter ihrem Leiter Wolfgang Becker. Die vierte Etappe. Video, Aktion, Performance und reichlich nicht Gesellschaftfähiges wie die Möbelstücke aus weiblichen Körpern von Allen Jones provoziert den Bürger. Doch Professoren der RWTH stellen sich hinter die Neue Galerie - genau das ist letztlich die Geburtsstunde des Vereins der Freunde der Neuen Galerie, heute des Ludwig-Forums.

Eine spannende Geschichte, die nicht nur unsere Region kulturell tief geprägt hat, wird im Herbst in Aachen in Dokumenten und Bildern im Ludwig Forum erzählt.
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