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Abdruck einer schrecklichen Geschichte

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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So soll die Gedenkstätte neben der Philharmonie aussehen: der Siegerentwurf für die Gedenkstätte „T4“ für die Opfer der NS-Euthanasie an der Berliner Tiergartenstraße. Aus dem dunklen Beton ragt eine 30 Meter lange blaue Glasscheibe heraus. Grafik: Wilms/Koliusis/Hallmann

Aachen. Es ist ein geschichtlicher Abdruck, den Ursula Wilms, Nikolaus Koliusis und Heinz W. Hallmann im Berliner Boden hinterlassen. Denn hier, zwischen Berliner Philharmonie und Tiergarten, spielte ein weiteres schreckliches Kapitel deutscher Geschichte.

In einer Villa selektierten die Nationalsozialisten Menschen nach lebenswert und eben nicht lebenswert.

Hier stand die Zentrale, in der das systematische Mordprogramm „T4“ erarbeitet wurde, in Folge dessen mehr als 70.000 Psychiatrie-Patienten und behinderte Menschen starben. Hier wird bald schon – anstelle einer unspektakulären Infotafel und einer schnell zu übersehenden Bodenplatte – eine Informations- und Gedenkstätte entstehen, die diese Euthanasie behinderter Menschen ins Bewusstsein rückt. Und die Aachener Architektin und ihre beiden Partner haben den entsprechenden Entwurf verfasst.

30 Meter lange Glasscheibe

35 mal 40 Meter misst die Fläche, die Architektin Ursula Wilms, ihr Mann, der Aachener Landschaftsarchitekt Heinz W. Hallmann, und Konzeptkünstler Nikolaus Koliusis neu gestalten. Die Bushaltestelle neben der Philharmonie, diesem kolossalen Hans-Scharoun-Bau, verschwindet. Das Gestalter-Trio setzt auf eine dunkle Betonfläche mit langer Sitzbank, Informationspult und eine 30 Meter lange und drei Meter hohe blaue Glasscheibe. Der Boden ist leicht eingesenkt, als würde die Geschichte des Ortes Tiergartenstraße 4 schwer auf ihm lasten. Spuren hat sie hier allemal hinterlassen.

Die blaue Scheibe soll wie die Ermordeten zwischen den Menschen stehen, erläutert Wilms die Idee. Sie wird so hoch wie möglich gezogen, sozusagen zum Himmel weisen. Gleichzeitig war es den Schöpfern wichtig, sie nicht zu bestimmend im Raum stehen zu haben. Denn der Weg und damit der Blick der Besucher soll unbedingt zum Informationspult führen. Hier wird in elf Kapiteln ganz linear die traurige T4-Geschichte erzählt. Und dies in Braille- und Profilschrift, mit Monitoren und mit dem Rollstuhl einfach anzusteuern in 80 Zentimetern Höhe. Barrierefreiheit ist an diesem Ort natürlich besonders wichtig.

Es war ein Künstlerwettbewerb von Land und Bund, den Wilms, der Stuttgarter Koliusis und Hallmann letztlich gewonnen haben. Als Künstler agieren sie nun auch an dieser Stelle. 500.000 Euro stehen zur Verfügung.

Klar und reduziert versteht Wilms ihre Darstellung. „Die Menschen sollen ganz unvermittelt mit dem Thema und den Informationen in Berührung kommen – angezogen von der blauen Scheibe“, erklärt sie. Nebenan befindet sich der Haupteingang der Philharmonie. Der große Saal bietet 2440 Sitzplätze, der Kammermusiksaal 1180.

Nach und nach wurden und werden in Berlin Gedenkstätten erneuert oder neu geschaffen. Zuletzt war es die für die Sinti und Roma. Auch Ursula Wilms und Heinz W. Hallmann haben dabei schon ihre Spuren in Berlin hinterlassen – mit der viel beachteten und vor allem gelobten Gedenkstätte Topographie des Terrors. Damals – 2010 – war Wilms noch Partnerin in einem großen Berliner Architekturbüro, dort ist sie mittlerweile ausgeschieden. Ein Büro hält sie aber weiterhin in der Bundeshauptstadt. Sie kennt die Stadt, sie wusste auch um die T4-Infotafel und die Bedeutung des Ortes. Deswegen hat sie an dem Wettbewerb teilgenommen. „Ich finde dieses Thema herausfordernd, ich habe mich ganz tief in die Geschichte begeben“, sagt sie. Zweiter wurde ein Entwurf, der einen Roboter unentwegt die Worte „I love you“ auf den Boden schreiben lassen sollte.

20 Kapitel in 20 Räumen

Gebaut werden könnte noch in diesem Jahr, andernorts ist der Zeitplan dagegen deutlich konkreter. Denn Wilms hat noch einen weiteren Wettbewerb – in diesem Fall zur Umgestaltung einer Gedenkstätte – gewonnen. Es geht um die des Deutschen Widerstands, um den Bendlerblock an der Stauffenbergstraße, in dem das Ministerium der Verteidigung sitzt. Mit dem Büro für grafische Gestaltung Braun/Engels aus Ulm hat die gebürtige Erkelenzerin, die unter anderem an der RWTH Aachen studiert hat, den Zuschlag für die Neugestaltung der Dauerausstellung erhalten.

Sie wird hier vor allem innenarchitektonisch wirken, 20 Räume werden Platz für 20 Kapitel deutschen Widerstands, zum Beispiel für Georg Elser, Rote Kapelle und Weiße Rose bieten. Das Attentat vom 20. Juli 1944 wird aufgearbeitet in Stauffenbergs altem Dienstzimmer.

„Auch das ist eine spannende Aufgabe“, sagt Wilms Mit Kuratoren, Historikern, Grafikern diskutiert sie Objekte, Grafiken, Farben, Material. „Es ist ein unheimlich offener Dialog“, betont sie. Im Januar 2014 beginnt der Umbau, am 20. Juli 2014, dem 70. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler, soll eröffnet werden. Wilms‘ Konzept zur Aufarbeitung der Geschichte stützt sich auf verpackte Leitwände, die durch die Ausstellung führen. Und zwar packend. Und auch hier gilt es, die Spuren der Geschichte erfahrbar zu machen.

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