Aachen - Aachens Generalintendant zieht positive Kultur-Bilanz

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Aachens Generalintendant zieht positive Kultur-Bilanz

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Freut sich über eine gelungen
Regisseur Joan Anton Rechi, Kostümbildner Sebastian Ellrich und Bühnenbildner Alfons Flores ist mit „Aschenputtel im Waschsalon” ein wahrer Geniestreich gelungen, den das Publikum zu schätzen weiß. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Im Theater Aachen sind die letzten Tage der Saison angebrochen, am Donnerstag beschließt bezeichnenderweise die musikalische Revue „Der Himmel kann warten” das Programm. In dem Stück geht es um das ganze emotionale Spannungsfeld zwischen Himmel und Hölle - und irgendwo auf dieser Skala befindet sich auch das deutsche Theater als kulturelle Institution: allseits hochgeschätzt und doch häufig genug erster Ansatzpunkt für den kommunalen Rotstift.

Michael Schmitz-Aufterbeck, Generalintendant des Aachener Theaters, kann ein Lied davon singen: Soeben ist er als Sprecher der Ständigen Konferenz der Theaterintendanten in NRW für zwei weitere Jahre bestätigt worden. Unser Redakteur Eckhard Hoog sprach mit ihm über die Situation der Theater in NRW im Allgemeinen und die in Aachen im Speziellen.

Die Lage der Theater in NRW: „Die augenblickliche Ruhe täuscht”, sagt der Intendant und nennt eine ganze Reihe von Städten, die überschuldet sind und Probleme haben, sich noch eine Bühne zu leisten - zum Beispiel Bonn. Dort soll das Theater mittelfristig 3,5 Millionen Euro einsparen. „Wenn es dabei bleibt, bedeutet das ganz klar die Schließung einer Sparte.” Noch schlechter allerdings geht es Hagen, Wuppertal, Oberhausen - in dieser Reihenfolge. „Allein Wuppertal steht mit 1,8 Milliarden Euro in der Kreide.” Aber, und das ist das Erfreuliche: In keiner dieser Städte wird bislang daran gedacht, dem Theater an den Kragen zu gehen, selbst in Gelsenkirchen nicht: „Die Stadt ist praktisch auch pleite, doch das Theater wird nicht in- frage gestellt.”

Die Situation in Aachen: „An diesem Punkt ist Aachen Gott sei Dank noch nicht.” Allerdings: „Die Stadt will künftig keine Tariferhöhungen mehr auffangen.” Und das könnte mittelfristig dann doch zu einer gefährlichen Situation führen. Schmitz-Aufterbeck rechnet vor, dass jeder Prozentpunkt einer Tariferhöhung ziemlich exakt einem Prozent des gesamten Etats von 17 Millionen Euro jährlich entspricht. Bei drei Prozent wäre das bereits eine halbe Million Euro, die das Haus ganz allein aufbringen müsste.

Der Landeszuschuss: Eine positive Nachricht gibt es aus Düsseldorf. Die Landesregierung will ihren Zuschuss für die 18 kommunalen Theater in NRW von zehn auf 14,5 Millionen Euro jährlich aufstocken. Für Aachen macht dieser Landeszuschuss knapp drei Prozent des Gesamtetats aus, bei anderen Häusern liegt er bei bis zu fünf Prozent. Das etwas Ärgerliche dabei: „Der Verteilungsschlüssel ist nicht nachvollziehbar.” Nach welchen Regeln die zusätzlichen 4,5 Milllionen Euro vergeben werden? Der Intendant weiß es noch nicht, weil die Theaterkonferenz noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen ist. Die Forderung der Ständigen Intendanten-Konferenz an das Land: 20 Millionen Euro jährlich. Aber auch Schmitz-Aufterbeck weiß, dass das zurzeit utopisch ist.

Neue Medien: „Da sind wir nicht optimal aufgestellt”, sagt der Intendant, münzt die missliche Erkenntnis allerdings sogleich um: In der nächsten Spielzeit sollen Ausschnitte aus einzelnen Produktionen bei Youtube eingestellt werden, und auf Facebook soll das Theater in Kürze auch seinen Auftritt haben. Man hat im Kontakt mit dem Publikum gespürt: „Der Bedarf ist da. Wir müssen dort Präsenz zeigen.” Theater wie die in Oberhausen, Freiburg und München haben vorgemacht, dass der Erfolg mit einer gut ausgebauten Internet-Repräsentanz deutlich zu steigern ist. Nun wird im Verwaltungsbereich des Aachener Theaters das Personal umstrukturiert, damit das Haus verstärkt online gehen kann. „Es besteht offensichtlich der weitverbreitete Wunsch, aus der Internet-Einsamkeit heraus zum Live-Event zu kommen. Die Facebook-Partys, mit denen die Kommunen derzeit so große Schwierigkeiten haben, haben das gezeigt.” Und Live-Event, dafür kann das Theater mit seinem Angebot schließlich sowieso als Synonym gelten.

Die Zusammenarbeit mit den Schulen: Sie funktioniert nicht mehr so gut wie in den vergangenen Jahren, beschreibt Schmitz-Aufterbeck die Erfahrungen seines theaterpädagogischen Teams. „Wir merken deutlich, wie sich die G8-Reform auswirkt: Die Schulen und auch die Schüler stehen mächtig unter Druck. Es ist offensichtlich schwierig, die Lehrpläne durchzubekommen.” Resultat: Klassen gehen vorzugsweise ins Theater, wenn ein Bühnenstück auf dem Lehrplan steht. Die Breite der Themen ist damit für die Schulen geschrumpft. Für Kinder und Jugendliche sind in der kommenden Saison die beiden Musiktheater-Produktionen „Das Schaf” mit Kompositionen von Purcell, Händel und Monteverdi sowie Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten” im Programm.

Die Zuschauerzahlen: Die Schauspiel- und Opernaufführungen der ablaufenden Saison mit 28 Premieren, inklusive einer Uraufführung, und die Konzerte fanden insgesamt 141 000 Besucher. Da freut sich der Intendant zu Recht: „Das ist das zweitbeste Ergebnis seit 13 Jahren.”

Was ist mit dem 2. Rang? Viele Theaterbesucher rätselten, weshalb der immer wieder geschlossen war. Der Grund: „Im Schauspiel kann man in einer Stadt dieser Größenordnung keine 850 Plätze füllen. Das schaffen nicht einmal Köln und Düsseldorf. Deshalb ist der 2. Rang bereits seit Jahren geschlossen.

Die Höhepunkte der ablaufenden Saison? Das „Babel”-Projekt von Ludger Engels. „Da gab es Leute, die waren drei- und viermal drin. Die wollten einfach sehen, wie sich das Ganze entwickelt, mit all den sich verändernden Faktoren.” Und die weniger bekannten Positionen im Programm hält der Intendant für besonders wichtig, Tschaikowskis „Mazzeppa” zum Beispiel. Ganz klar: Bei der Spielplangestaltung wird diese Linie weiterhin eingehalten. „Es darf nicht alles Mainstream sein.” Eigentlich sollte „Mazzeppa” der Auftakt zu einer russischen Serie sein, aber das ließ sich nicht umsetzen. „Hiob war auch eine großartige kleine Produktion. Im Mörgens war ein Höhepunkt sicher Boys dont cry.”

Die besondere Produktion: Besonders wichtig war für Schmitz-Aufterbeck Ewa Teilmans Inszenierung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz” in der Zusammenarbeit mit der Gefangenen-Theatertruppe der JVA Aachen. „Das war ein Plädoyer für eine vorurteilsfreie und nachdenkliche Begegnung zwischen Straftätern und dem Rest der Bevölkerung”, betont er. „Das Thema war sehr wichtig und wurde mit viel Einsatz und Arbeitsaufwand realisiert.” Die szenisch-musikalische Begleitung durch den Heinrich-Schütz-Chor hat in den Augen Schmitz-Aufterbecks viel zum Erfolg der Produktion beigetragen.

Die größte Überraschung? „La Cenerentola”. Hier haben die Leute das Theater eingerannt. Die Aufführungen waren nahezu ausverkauft. „Die guten Kritiken, aber auch die Mundpropaganda haben uns sehr viele Zuschauer beschert”, freut sich der Intendant. „Vorhersehbar war das nicht.” Rossini wurde zum Schluss der Saison noch einmal ein richtiger Kracher. Regisseur Joan Anton Rechi, Kostümbildner Sebastian Ellrich und Bühnenbildner Alfons Flores ist mit „Aschenputtel im Waschsalon” ein wahrer Geniestreich gelungen, den das Publikum zu schätzen weiß. Nicht zu vergessen die grandiose Leila Pfister in der Titelrolle und der herrliche Tenor Tansel Akzybek an ihrer Seite. „Das hatte echte Unterhaltungsqualität”, meint ein glücklicher Theater-Chef. „Es war nie langweilig und niemals Klamauk.”

Die größten Kassenerfolge? Neben „La Cenerentola” auf jeden Fall „Ronja Räubertochter”. Knapp 28.000 kleine und große Menschen sahen das Familienstück in 36 Vorstellungen. Die Auslastungsquote lag bei 90 Prozent. Auch ein Publikumsmagnet: Shakespeares „Viel Lärm um nichts” mit sage und schreibe 5000 Zuschauern in 15 Vorstellungen. Und „La Cenerentola” hat mit 3000 Zuschauern auch bereits eine Auslastung von 87 Prozent erreicht. Zum Sommerhit entwickelte sich die Revue „Der Himmel kann warten” - das Haus war bei jeder Vorstellung ausverkauft.

Die größte Enttäuschung? „Don Giovanni.” Allerdings auch ein Fall von Pech: Drei Wochen vor der Premiere wurde Regisseurin Eva-Maria Höckmayr krank, und die Produktion war noch nicht fertig. Das noch hinzubiegen, war ein Kraftakt, der offenbar nicht optimal gelungen ist, was die Publikumsresonanz gezeigt hat. „Das sind die Unwägbarkeiten am Theater, damit muss man leben.”

Die Ständige Konferenz der Theater-Intendanten in NRW wurde vor neun Jahren ins Leben gerufen, um die kulturpolitischen und wirtschaftlichen Belange der NRW-Theater nachhaltig zu vertreten.

Mittlerweile ist diese Ständige Konferenz zu einem überaus wichtigen Instrument geworden: Durchaus streitbar hat sie sich immer wieder zu kulturpolitischen Fragen zu Wort gemeldet.

Zwei neue Sängerinnen und das Theaterfest:

Personell wird sich in der neuen Saison im Schauspiel nichts ändern, im Ensemble des Musiktheaters gibt es zwei Neuzugänge: Jelena Rakic und Katharina Hagopian. Jelena Rakic ist eine junge serbische Sängerin, die mehrere internationale Preise gewann, zuletzt 2009 den dritten Preis und den Spezialpreis des Publikums beim Internationalen Gesangswettbewerb der Opernakademie in Baden-Baden. Katharina Hagopian studierte in Köln und New York. Auch sie gewann zahlreiche Wettbewerbe und war Stipendiatin des DAAD sowie Fulbright-Stipendiatin. Beide Sopranistinnen stellen sich dem Aachener Publikum bei den Kurpark Classix vor: in der „Night At The Opera” am 2. September. In der Dramaturgie kommen Michael Dühn für Musiktheater und Konzert und fürs Schauspiel Harald Wolff neu dazu.

Für das Sinfonieorchester beginnt die neue Spielzeit bereits mit den Kurpark Classix vom 2. bis 4. September. Das Theater startet am 17. September mit einem großen Fest, ehe sich einen Tag später der Vorhang erstmals wieder hebt zu der Schauspielproduktion „Woyzeck” nach dem Stück von Georg Büchner. Das Musiktheater wird mit der „Fledermaus” in der Regie von Ewa Teilmans unter der musikalischen Leitung von Peter Halász am 25. September eröffnet. Schmitz-Aufterbeck: „Das wird ein Blockbuster!”

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